Uno-Ökonom im Interview

"Der Höhenflug wird böse enden"

8. September 2009, 18:24

Erste Anzeichen einer Wirtschafts-Erholung sind nur Ergebnis einer neuen Spekulationswelle, sagt Uno-Ökonom Heinz Flassbeck

STANDARD: In einem neuen Uno-Bericht warnen Sie davor, dass die Krise nicht überwunden ist. Was die Märkte nach oben treibt, sei allein Spekulation. Woran sehen Sie das?

Flassbeck: Wir haben uns verschiedene Rohstoffmärkte angesehen und jene Währungsmärkte beobachtet, die unter spekulativem Druck standen: also etwa den Handel von ungarischen Forint mit Schweizer Franken oder japanische Yen mit brasilianischem Real. Unsere Erkenntnis war, dass sich die Preisbewegungen nur durch Spekulationen erklären lassen. Wir erleben hier das, was man als Bären-Rallye bezeichnet: In der Krise versuchen die Spekulanten, die Preise hochzutreiben, um an dieser Blase Geld zu verdienen.

STANDARD: Aber hat es nicht eine Stabilisierung gegeben? Der Forint etwa wird nicht weiter entwertet.

Flassbeck: Aber genau das ist der Punkt: Der Forint ist gegenüber dem Schweizer Franken wieder hochgegangen , aber wirtschaftlich hat sich in Ungarn nichts geändert. Die Stabilisierung hat also nichts mit realen Geschehnissen zu tun, sondern beruht auf Spekulation.

STANDARD: Und der Optimismus an den Rohstoffmärkten?

Flassbeck: Der entscheidende Faktor ist, dass die Future-Märkte, auf denen etwa Öl bereits für das kommende Jahr gehandelt wird, einen entscheidenden Einfluss auf die Preisentwicklung haben. Die Gegenwartspreise werden von den Zukunftspreisen beeinflusst. Insofern wird der Ölmarkt in den Spekulationstrudel gezogen. Und keiner unternimmt etwas, weil die Anbieter über diese Entwicklung froh sind, und die Käufer ohnehin nichts tun können.

STANDARD: Es baut sich also wieder eine neue Blase auf?

Flassbeck: Ja. Im Moment suchen die Leute wieder das Risiko, weil sie erwarten, dass die Rezession überwunden ist. Sobald sich herausstellt, dass sich der Aufschwung nicht so wie erwartet einstellt oder es überhaupt keinen Aufschwung gibt, stehen wir wieder vor den alten Problemen.

STANDARD: Warum ist dann immer wieder die Rede davon, dass die Talsohle in der Krise erreicht ist?

Flassbeck: Die Talsohle mag erreicht sein, aber das bedeutet nicht, dass es wieder bergauf geht. Der Aufschwung kommt entweder von Investitionen oder von Konsum, es gibt keine andere Quelle. Der Konsum wird in den nächsten Monaten und Jahren aber sehr schwach bleiben, weil es einen unglaublichen Druck auf die Löhne gibt und die Arbeitslosigkeit weiter steigen wird. Und bei den Investitionen frage ich mich, wo diese herkommen sollen: Wenn Unternehmer, bei einer Kapazitätsauslastung von 75 Prozent, also weit unter normalen Bedingungen, zusätzlich investieren würden, hielte ich das für ein Wunder.

STANDARD: Wann rechnen Sie damit, dass die neue Blase platzt?

Flassbeck: Genau kann ich das nicht sagen. Aber im nächsten halben Jahr werden wir das erleben.

STANDARD: Und könnte die Weltwirtschaft noch weiter nach unten gezogen werden?

Flassbeck: Natürlich. Das ist übrigens eine klassische Wiederholung der Geschichte. Nach dem Börsencrash 1929, 1930 gab es auch eine unglaublich euphorische Phase, als alle sagten, das Schlimmste ist überwunden. Damals sind die Aktienmärkte sogar noch stärker gestiegen als diesmal. Standard & Poor ist um 100 Prozent gestiegen, diesmal nur um 60 Prozent. Wir erleben derzeit einen Höhenflug. Und das wird wohl böse enden. (András Szigetvari, DER STANDARD, Printausgabe, 9.9.2009)

Zur Person

Der 1950 geborene Ökonom Heiner Flassbeck ist Chef-Volkswirt bei der Uno-Organisation für Welthandel und Entwicklung (UNCTAD).

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ftc
10
16.9.2009, 12:36

Das sehe ich auch so. Das Problem wird allerdings sein, daß der Staat dann sein Pulver verschossen hat. Bedenkt man daß ein Wirtschaftswachstum normalerweise unter 10% liegt, sieht man daß die Börse wieder weitab der Realität steht. Bricht dann der Konsum weiter ein gibt es den Megacrash.

thomas raser
12
13.9.2009, 14:15
Herr Flassbeck hatte leider schon oft Recht!

Auch in diesem Fall wird er wieder Recht haben, ob es dem Mainstreambanker - u. Politiker taugt oder nicht taugt! Das sind unbequeme Wahrheiten, die er verbreitet. Ausserdem kommt es oft vor, dass Wahrheit wehtun kann.

esel streck dich
11
10.9.2009, 23:59

mir kommt das vor wie das letzte auspressen der zitrone. es glaubt glaub' ich mittlerweile wirklich niemand mehr, dass alles schon vorbei ist. und jeder kennt mittlerweile seine leichen im keller. ich glaube, es ist - ganz in der ich-ag manier - die hoffnung, wenn jetzt alle zusammenhelfen und die börsenkurse behübschen, fallen die politischen korrekturen nicht so drastisch aus. und dass ölpreisspekulationen ebensolche sind ... tja, wer hätte sich's gedacht. spannend ist nur, wer in welcher hoffnung und mit welchem realziel hier spekuliert: der ewige krieg im frieden ...
drum: vorbei ist das noch alles nicht, ... aber es scheint für alle alles neu zu sein, schon jetzt.

Meerwelle
00
19.9.2009, 19:46

Also ich kenne niemand, der glaubt dass eine große Wirtschaftskatastrophe kommt.

Absolut niemanden.

Obwohl es tatsächlich einige Zeit Nachwehen geben wird.

libera
00
10.9.2009, 09:15

wer kann mir den zusammenhang yen - real erklären?
danke

luilui
00
10.9.2009, 16:54
möglicherweise...

In Japan sind die Kredit-Zinsen sehr niedrig (fast 0%) , in Brasilien wesentlich höher
Damit bietet sich an ein Verschuldung in Yen ( Schema Carry Trades) an.

libera
00
10.9.2009, 17:51

vielen dank,
aber was hat das mit dem real zu tun?

Mostbluzer
00
15.9.2009, 13:36
währungen

nachfrage nach einer währung.

wenn zig milliarden in einer währung (wegen niedr. zinsen) angelegt bzw. von der anderen währung abgezogen werden - wirkt sich das schon aus.

derzeit bei us-euro. der neue carry-trade ist der dollar.
da hat eine umschichtung doppelte auswirkung.
die eine steigt, die andere fällt.

luilui
00
14.9.2009, 13:37

aktuelle Details zu Carry Trades ....Auswirkungen
http://new.ftd.de/finanzen/... 09063.html

libera
00
14.9.2009, 18:06

vielen dank
das war informativ

esel streck dich
00
11.9.2009, 00:18

aus viel geld lässt sich mehr geld machen,
aus wenig geld höchstens keines ... das ist real

her wig
00

Die Menschen (manche!) haben zu viel Geld, wissen nicht recht was sie damit tun sollen, machen auf Spekulation... Spekulation darüber was die Menschen brauchen werden, tun werden... aber wer weis was er will braucht nicht spekulieren.

Netzwerkeffekt.

Genausogut könnten wir uns ein Ziel sezten - oder besser, unsere Ziele erkennen, anhand der Trends die wir entstehen lassen - und diese verstärken, per entsprechenden Investitionen.

Und, auf Krise machen, auf Absturz spekulieren das ist dann - umgekehrt gesehen - die Absicht des Absturzes. Auch das kann ein sich selbst verstärkender Trend werden, ein Ziel. Auch das können wir verstärken.

Es geht hier um einen Lernprozess, wir müssen lernen mit den diversen neuen Dynamiken umzugehen.

José Atento
01
Eine realistische Einschätzung der Lage

<In der Krise versuchen die Spekulanten, die Preise hochzutreiben, um an dieser Blase Geld zu verdienen. >

Die Kurse gehen hoch, weil die Panik natürlich nicht andauern kann und sich wieder bessere Stimmung breit macht. Das führt zur Kurserholung und auf diesen Trend springen natürlich die Banken auf. Geld ist ja massig verfügbar.

Aber letzen Endes ist es an den Börsen eine Gelegenheit die Warnsignale richtig zu deuten und vielleicht noch mit einem blauen Auge auszusteigen.

Aus der Realwirtschaft kann man leider nicht aussteigen. Okay, manche vielleicht schon.

Diana Rigg
13
hey, da denkt noch wer mit!

und ich dachte schon, dass ich der einzige bin, der momentan zumindest sehr sehr skeptisch ist!

also dann ...
13
flassbeck - ein hervorragender ökonom - bringt es klar auf den punkt !

natürlich passt dies den "mainstream-geschwätz"...
nicht in deren weltsicht - macht ja nix.

am wochenende sprach er in wien bei einer veranstaltung auch die ursachen der krise klar an
- als einziger (nowotny, schieder und helmetsberger
debatierten über die üblichen "nebengeräusche"...).

dass die fin.industrie mit den politik(ER)...
längst in einer (korrupten...) symbiose verwoben ist, ist jedem klar, der sich die massnahmen als auch die "andiskutierten" fin.markt-regulierungen der G 20 etc. vor augen hält.

der derzeitige boom... ist spekulationsgetrieben, was man leicht in den zusammensetzung der gewinne der banken herauslesen kann.

die reale-krise...
hat in der EU, D, Ö noch gar nicht richtig begonnen.

Hansi müller3
15
Eine Einschätzung die zu 100% eintreffen wird

Herr Flassbeck in 100 Jahren sind sie eine vermoderte Leiche, die all ihr zusammen erspieltes Geld nicht mitnehmen konnte.

Statt sinnloser Wettprognosen anzustellen sollten sie lieber mit ihrem Sachverstand ein neues Wirtschaftsystem und Geldsystem entwerfen, wo Ausbeutung, Betrug, Zinsen keine Rolle mehr spielt.

Davon könnte die Menschheit in 100 Jahren mehr profitieren als mit Orakelsprüchen.

Shark Abuser
10
12.9.2009, 11:08

Eine logische Schwäche in Ihrer Argumentation:
In 100 Jahren sind alle anderen auch eine vermoderte Leiche, die ihr durch ein neues Wirtschaftssystem erreichtes Geld ebenfalls nicht mitnehmen könnten.
Also wozu eines erschaffen?

Papp Kamerad
00
15.9.2009, 19:57
Vielleicht für unsere Kinder, Enkel etc.?

Du eingepofelter Ignorant?

Paul Sabrinski
00
18.9.2009, 08:46
Die sollen gefälligst

selber hackeln, und nicht sich faul in unsere erwirtschaftete Hängematte legen.

will-alles.at
00
11.9.2009, 13:40


Danke....

Bringts auf den Punkt!

Wr. Bezirksrätin 83
 
10
11.9.2009, 11:32
sowas ist vom Leben an Menschen wie auch mich delegiert,

via realer Lebenserfahrungen/Prägungen, und daraus zwangsweise gemachten Lernprozessen.

Ich habe längst ein gutes Konzept im Ärmel..;-)
Hält bis jetzt, und wie
*g*
Nur; unsereins `gilt`als; Aussenseiter(in)

Merke; echte große geschichtliche Änderungen werden zuerst (!) immer (!) von sogenannten `Aussenseitern` (=auch oft `Unterklasse`)initiiert..liegt in der Logik der Sache.
Die anderen, Angepassten, haben ja lange keinen Grund, etwas ändern zu sollen. Solange es ihnen gut geht ;-)

SebastianR
01
11.9.2009, 23:18
Definiert sich die Unterklasse

durch erdrueckende Verwendung von Emoticons und Rufzeichen in Klammern?

José Atento
10

Dazu muss aber leider erst das bestehende System zusammenbrechen. Da sind wir zum Glück noch nicht angelangt. Aber die Gefahren steigen mit jedem Jahr, das ins Land zieht.

at00624
20
Aufschwung


Naja, ich finde es toll ich habe in den letzten monaten prima am Markt verdient. Was soll daran schlecht sein.
Eigentlich kann ich ja schon alles verkaufen denn 60% seit den Tiefsständen sind doch okay. Naja leider hab ich aber nicht in bei den Tiefständen investiert, etwas zu früh trotzdem ist die Rendite angenehm. Naja besser als auf dem Sparbuch oder Staatsanleihen.

José Atento
00

Und sie hatten vermutlich am Hoch 2007 alles verkauft oder sind damals sogar short gegangen ;-)

Spaß beiseite.
Ich hatte auch ganz wenig Mut aufgebrachte und etwas während der Oktober Panik gekauft. Aber das ist nur ein kleiner Trost gegenüber anderen Buchverlusten. Wobei sich auch diese wieder deutlich reduziert haben.

Jetzt ist die Frage: Wann beginnen die Aktienpositionen wieder zu reduzieren? Ich denke es wird bereits Zeit anzufangen!

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