Deutschland

Merkel rügt kritische Nato-Partner

08. September 2009 21:42

Kanzlerin verspricht "lückenlose Aufklärung" des von der deutschen Bundeswehr befohlenen Luftangriffs in Afghanistan

Sehr still ist es am Dienstag im Bundestag, als Kanzlerin Angela Merkel um elf Uhr ans Redepult tritt. Alle Fraktionen wissen, dass jetzt eine heikle Regierungserklärung ansteht und es - obwohl Wahlkampf herrscht - kaum möglich ist, daraus politisches Kapital zu schlagen. Dutzende Menschen sind in der Vorwoche bei einem von der deutschen Bundeswehr angeordneten Luftschlag gestorben - wie viele genau, ist noch unklar. Ein afghanischer Ermittler entlastete am Dienstag wohl die Bundeswehr. Der Angriff auf die von den Taliban entführten Tankwagen sei legitim gewesen. Doch noch ist nichts offiziell.

"Ich sage es ohne Umschweife" , erklärt Merkel gleich zu Beginn ihrer Rede, "jeder in Afghanistan zu Tode gekommene Mensch ist einer zu viel. Wir trauern um jeden Einzelnen." Sie verspricht eine "lückenlose Aufklärung" der Vorgänge, die Bundeswehr werde alles dazu beitragen. Doch die Kanzlerin richtet auch scharfe Worte an die deutsche Opposition und an die internationalen Verbündeten.

"Wir werden Vorverurteilungen nicht akzeptieren. Ich verbitte mir das - von wem auch immer, im Inland und im Ausland" , erklärt sie. Dies habe sie auch "unmissverständlich" in einem Telefonat mit Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen klargemacht. Kurz nach dem Angriff hatte es kritische Stimmen aus den USA, Frankreich und Italien gegeben. Einmal mehr wirbt Merkel für die von Deutschland, Großbritannien und Frankreich angeregte internationale Afghanistan-Konferenz, die noch in diesem Jahr stattfinden soll. Dabei werde es darum gehen, die künftige Strategie für Afghanistan festzulegen. Klar machte Merkel auch, dass die Deutschen sich nicht über Nacht aus Afghanistan zurückziehen werden: "Niemand täusche sich: Die Folgen von Nichthandeln werden uns genauso zugerechnet wie die Folgen von Handeln." Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) rechtfertigt den Angriff nach Merkels Rede erneut. Man habe von einer Bedrohung "auch und gerade" für deutsche Soldaten ausgehen müssen.

Doch in Berlin wächst die Sorge, dass der Angriff neue Anschläge provozieren könnte. Es sei zu befürchten, dass es "in naher Zukunft zu Racheakten gegen unsere Soldaten in Afghanistan kommt" , meint SPD-Wehrexperte Walter Kolbow. Er glaube nicht, "dass die Taliban einfach zur Tagesordnung übergehen werden" . Am Dienstag sprengte sich am Flughafen von Kabul ein Selbstmordattentäter mit seinem Auto in die Luft. Dabei starben zwei Zivilisten, sechs Menschen wurden verletzt.

Unterschiedliche Auffassungen gibt es in Deutschland darüber, wie lange der Einsatz der Bundeswehr am Hindukusch noch dauern soll. Die Regierung will nach Medienberichten bis 2015 eine "selbsttragende Strategie" herstellen. Doch es gibt auch Stimmen, die auf einen rascheren Rückzug drängen. "Wir brauchen ein glaubwürdiges Ausstiegsszenario. Selbst ein Zeitraum von noch fünf Jahren ist zu lang" , sagt der deutsche EU-Abgeordnete Elmar Brok (CDU). "Gefährlich" nennt hingegen der Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Christian Schmidt (CSU), diese Debatte. Wenn die Taliban merken, dass die Diskussion über einen schnellen Abzug lauter werde, seien die nächsten Anschläge absehbar. (Birgit Baumann aus Berlin/DER STANDARD, Printausgabe, 9.9.2009)

 

Kommentar posten
22 Postings
Sieh an
09.09.2009 20:07
... dank der alternden 68er Generation im Bundestag und den Medien machen sich die Deutschen selbst immer schlechter als sie sind...

...kein Wunder, dass niemand sie ernst nimmt...

jps1032
09.09.2009 18:39
Die Merkel blamiert Deutschland auf ganzer Linie

Die Kritik an dem von der Bundeswehr angeordneten Bombardement in Afghanistan wirft ein bezeichnendes Licht auf das mittlerweile arg ramponierte Ansehen der Bundesrepublik. Selbst bei Bündnispartnern hat sich der Eindruck verfestigt, dass in Deutschland schon seit längerem eine effektive Durchsetzung von Bürger- und Menschenrechten nicht gewährleistet ist.

Die Fernsehbilder von Gipfeltreffen können den bereits erlittenen Ansehensverlust der Merkel kaum noch verdecken. Bei einem der letzten G20-Treffen war es schon so weit, dass die Merkel nach dem Abschlussfoto den übrigen Regierungschefs hinterherlaufen musste, damit die Kameraleute sie - mit angestrengtem Grinsen - wenigstens noch vor dem Hinterkopf des US-Präsidenten ablichten kon

Ha Ko
09.09.2009 18:54

Bitte warten sie doch den Wehrmachtsbericht von der Süd-Ostfront ab. Wir werden alles Aufklären.

Ein Mahner
09.09.2009 17:05
Der Blick von Merkel bei ihrer Verteidigungsrede

erinnert mich markant an Hitler. Sind wir also wieder so weit, dass die Deutschen glauben, an ihrem Wesen die Welt genesen zu lassen.
Die UNO sollte den Anfängen entgegentreten und Deutschland entwaffnen und unter UNO-Verwaltung stellen.

Jake Gittes
09.09.2009 18:42

Selten in meinem Leben habe ich etwas Dämlicheres gelesen.

Wofür wollen Sie eigentlich "Mahner" sein. Wenn jemand so durch und durch historisch unwissend ist, - denn nur so ist es erklärbar, einen solch haarsträubenden, geradezu gemeingefährlichen Vergleich anzustellen. Sie machen sich einfach nur lächerlich. Gehen sie in ein Eck und schämen sie sich und setzen sie sich einen Papierhut auf den Kopf.

Jake Gittes
09.09.2009 09:16

Hier posten nur ewige Besserwisser. Das Niveau wird immer schlechter. Dieses österreichische Geraunze ist ja nicht auszuhalten.

Der Alte vom Berge
09.09.2009 09:00
Die asymetrische Kriegsführung,...

...welche die "Taliban"[um diesen Überbegriff für alle mit Kombatanten in der Region vertretenen Fractionen des Gegenübers zu benutzen] als Grundlage des Widerstands Nutzen kehrt sich gegen sie Selbst sobald kein Besatzer als Ziel vorhanden ist.Das schliesst Regierungskräfte ein,da jene nicht wie die Doktrin gebietet von Gott autorisiert.Das durch einen Zusammenbruch der Öffentlichen Ordnung entstehende Szenario hinterlässt für die Extremisten nur EIN Ziel: Jene Bevölkerung die Ihnen derzeit Rückhalt bietet. Extremistische Splittergruppen mit derart radikalislamischem Unterbau sind allein schon Aufgrund von Structur und Zielsetzung nicht in der Lage grössere Gebiete zu kontrollieren oder ihre Willensbildung als Staatsform auszudrücken. ^^

Der Alte vom Berge
09.09.2009 09:12
Die Machtdemonstration...

...am Hindukusch währt nun bereits acht Jahre,führte zu tausenden Toten da man in der dem "Westen" eigenen Selbstüberschätzung Alternativen zur direkten,militärischen Konfrontation aus Prestigegründen ausgschlossen wurden.Die erklärte Absicht Russland durch einen Erfolg in dieser Region vor der Weltgemeinschaft und seinen verbündeten in Vorder und Zentralasien zu demütigen,das westliche System als wirkungsvolles Instrument die Welt zu befrieden Herauszustreichen,ist gescheitert.Die "Superpower" ist ohne Verbündete nichts mehr als ein von Wasserträgern der "Neuen Weltordnung" herbeigeschriebener Mythos welcher zusehends an Gestalt verliert,blickt man Näher hin.
Die Basístrategie wurde wie üblich durch stupide Truppenaufstockung abgelöst.^^

Der Alte vom Berge
09.09.2009 09:18
Die handelnden Acteure...

...erwarten höhere Verluste,steigende Kosten und schwindende Aktzeptanz in der eigenen Bevölkerung.

Nur so weiter. ^^

Ava Tar
09.09.2009 03:28
"Untersuchung"

Bei der letzten "Untersuchung" in Deutschland - zum Fall Kurnaz - waren die Daten der deutschen Geheimdienstaktivitaeten von 2 Jahren "geloescht"

und ergo "leider nix mehr feststellbar"

Alles was da nicht von einer internationalen Kommission (Schweizer, Schweden, Japaner...) untersucht wird, sondern von den "ehrlichen" Deutschen & NATO-Partnern selbst, ist von Haus aus zum Popo kleben !

la pulapa
09.09.2009 00:55
9/11 gehört neuerlich untersucht

Simplicius Simplicissimus
08.09.2009 22:17
Die Schergen der USA-Regierung ...

... sollten einmal das "Einstiegsszenario" lückenlos überprüfen. Denn dass der "Grund" für diesen Krieg, nämlich 911, nicht im mindesten aufgeklärt ist, ist nur noch Wenigen unklar. Kein einziger Taliban hat die westliche Welt auch nur schief angesehen! Also: was tun die Alliierten dann dort? Soll die Merkel sich selber in die Tasche lügen. Sie lebt schließlich davon. Merkel will Kritikern den Mund verbieten? In bester DDR-Manier womöglich? Ich nenne das: Beistandspakt-Diktatur, ein übelster Betrug. Wählt das Pack ab!

deNadie
08.09.2009 23:50
Der Porsche 911 ist doch bestens untersucht, oder?!

Nicht ganz ernst gemeint, aber man sollte schon 0911 schreiben oder noch exakter ;)

He.Lo
09.09.2009 15:37
0911,

die vorwahl von nürnberg? mei, schee!

Simplicius Simplicissimus
09.09.2009 07:25
teh_pwnerer
08.09.2009 21:11
"jeder in Afghanistan zu Tode gekommene Mensch ist einer zu viel."

Die ganze Aktion war also nur ein Versehen? Oder waren zumindest die bösen Taliban, die ohne Gerichtsverfahren schonmal präventiv getötet wurden, erwünschte Opfer?

Jürgen Rembremerding
08.09.2009 21:41
was Du mit Deinem Gerichtsverfahren hast!

In Cannae, Austerlitz, Sedan, Stalingrad oder auf den Falklands gab es das auch nicht!

Ist ja das Wesen des Krieges, dass Tötungen weitgehend straffrei sind und "eben so" stattfinden dürfen und der Recht hat, der schneller zieht und besser trifft!

Andreas Pieper
08.09.2009 21:36

durch die teilnahme an kampfhandlungen (direkt oder indirekt) hat man kein recht mehr auf einen prozess und darf ohne vorwarnung bekämpft werden.

FloW ERlebnis
08.09.2009 19:51
Ich denke der völlig unqualifizierte Verteidigungsminister Jung...


...und seine Reaktionen auf den Bombenangriff werden wohl endgültig die Schwarz-Gelbe Mehrheit verhindern. Wenn nicht ohnehin die Umfrageergebnisse schon in diese Richtung vorher geschönt waren.

Nicht umsonst haben die Politik und die Mainstream-Medien ihn völlig von der Oberfläche verschwinden lassen.

NONE
08.09.2009 19:11

Ahmad Massoud hatte damals Militär & Wirtschaftshilfe aus den USA erhalten (gegen die Sowjets). Nach seinem Tod gab es weiter Waffenhilfe.

Zugleich gab es Finanzströme aus Pakistan + Saudi-Arabien an "Taliban"-Söldnergruppen. Das Verhältnis des pakistanischen ISI zur CIA war immer "freundlich", und es glaubt doch keiner das die CIA eine grund-ehrliche Organisation wäre.

Eine Frage - wieso *müssen* ausländische Truppen eingreifen?
Die zweite Frage - es gab nur 3 Staaten die die Taliban-Söldner damals als Regierung anerkannt hatten: Pakistan, Saudi-Arabien und VAE (letztere sind unbedeutend). Gute Freunde der USA.

Mit Abstand am verlogensten agiert hier eine Nation - die USA. Es wäre wirklich nett wenn man die Lügen beenden würde.

Der Alte vom Berge
09.09.2009 07:29
Das Problem ist,...

...wie dann weiter mit der Wahrheit ?

Schliesslich wurde Hüben wie Drüben ein eigenständiges,systemtragendes Geschichtsbild gezeichnet und verbreitet welches nicht nur historische,sondern auch wichtige politische Entscheidungen beeinflusst und legitimiert hat,darüber Hinaus auch als einer der wichtigsten Träger des geltenden,etablierten Systems "Westen" bezeichnet werden darf.

Die Katz wär`aus dem Sack,ned wahr ? ^^

birka
08.09.2009 21:01

Dass man die Verbündeten auf die man aus welchem Grund auch immer angewiesen ist "freundlich" behandelt nennt man bei den USA "verlogen". Wenns die eigene Regierung tut dann ist das "Realpolitik"..

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.