Der "La Repubblica"-Chefredakteur über den Schaden, den Silvio Berlusconi in Italien anrichtet und warum dieser langsam nervös wird
Frontalangriff auf in- und ausländische Medien, Rundumschlag gegen die Opposition, Verspannungen mit dem Vatikan, Drohgebärden gegen die EU: Italiens Premier Silvio Berlusconi ist mit allem und jedem auf Kriegsfuß. Er ist sich derweil keiner Schuld bewusst, hält sich weiterhin für "Superman" und beharrt auf der Meinung, dass "die Italiener so sein wollen wie ich".
Opposition und Intellektuelle sorgen sich einmal mehr um Italiens Image, Oppositionsführer und prominenter Staatsanwalt Antonio Di Pietro fordert sogar eine "psychiatrische Behandlung". Ezio Mauro, Chefredakteur der regierungskritischen Tageszeitung "La Repubblica" erklärt im derStandard.at-Interview, warum Berlusconi diese nicht braucht und warum sich in Italien langsam "eine Kluft auftut". Außerdem nimmt er zu den zehn Fragen Stellung, die das römische Blatt seit mehreren Wochen konsequent abdruckt. "La Repubblica" will dabei etwa wissen, in welchem Verhältnis Berlusconi zu der 18-jährigen Noemi Letizia steht, was es mit den Gerüchten rund um Sex-Partys und Callgirls-Affären auf sich hat und wie es um die Gesundheit des Premiers steht.
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derStandard.at: Braucht der Regierungschef Ihrer Meinung nach tatsächlich psychiatrische Hilfe?
Ezio Mauro: Nein, das sind nur griffige Sager. Berlusconi ist ein politischer Fall, der dem gesamten Land Schaden anrichtet, eben weil er Politiker ist und nicht nur irgendeine Witzfigur. Sein ganzes Verhalten soll zeigen, dass er niemanden um Entschuldigung bitten muss. Er ist ein populistischer Leader, der sich vom Volk inthronisiert fühlt. Er kann nicht zugeben, Fehler gemacht zu haben, oder sich mit den Dingen, die passiert sind, öffentlich auseinandersetzen, weil er dann in irgendeiner Form Erklärungen abgeben und endlich einmal die Wahrheit sagen müsste. Wovor er sich seit vier Monaten drückt. Deswegen versucht er so zu tun, als sei nichts gewesen und attackiert die wenigen, die ihn kritisieren, die ihm Fragen stellen und ihn nach der Wahrheit fragen.
derStandard.at: Er verklagt "La Repubblica" auf zehn Millionen Euro aufgrund von zehn Fragen, die Sie ihm seit Juni stellen. Hat Sie die Klage überrascht?
Ezio Mauro: Ich bin verwundert über die Tatsache, dass man eine Zeitung wegen Fragen verklagt. Das ist das erste Mal, dass ein westlicher Regierungschef eine Zeitung anzeigt wegen Fragen beziehungsweise wegen der Recherchen, aus denen diesen Fragen resultieren. In Wirklichkeit ist sein Schachzug doch sehr durchsichtig: Er will oder kann diese Fragen nicht beantworten, also wendet er sich an die Gerichte, um uns damit mundtot machen. Er hat uns auch davor gewarnt, über die ausländische Berichterstattung zu seiner Person zu berichten. So als könnte man einfach eine Mauer gegen die freie Meinungsäußerung aufbauen. Seine Taktik ist die, das Land im Dunkeln darüber zu lassen, was passiert ist.
derStandard.at: Was ist die Botschaft dieser Klage? Ist es eine Drohung?
Ezio Mauro: Die ist Botschaft die: Wer mich kritisiert, wird fertig gemacht. Es sind Drohungen gegen die Kirche, sich ihm nicht in den Weg zu stellen und Drohungen gegen die Presse, um zu zeigen, was passieren kann, wenn man die Augen aufmacht und sieht, was in diesem Land passiert.
derStandard.at: Wie kam es zu den zehn Fragen?
Ezio Mauro: Wir haben Widersprüche gefunden zwischen den Aussagen, die Berlusconi zu verschiedenen Zeitpunkten getätigt hat, wie auch zwischen den Antworten, die er selbst und die Personen, die damit zu tun haben, gegeben haben. Also habe ich seine rechte Hand, Staatssekretär Gianni Letta, angerufen und ihm gesagt, dass wir Berlusconi gerne zu diesen Ungereimtheiten interviewen würden. Ich hab ihm von unseren zehn Fragen erzählt und ihm vorgeschlagen, vier Tage auf seine Antworten zu warten. Als die nicht kam, haben wir die Fragen veröffentlicht. Bis heute hat es in keiner Form eine Antwort gegeben.
derStandard.at: Berlusconi argumentiert damit, dass es sich bei den Fragen um private Angelegenheiten handle. Ist das in Ihren Augen eine Ausrede?
Ezio Mauro: Die Antwort darauf kann man aus der berlusconischen Welt heraus erklären: All das wurde von Berlusconis Frau ausgelöst, die ihren Mann in der öffentlichsten Art überhaupt kritisiert hat: Sie hat sich an die ANSA (italienische Nachrichtenagentur, Anm.) gewendet. Ihre Anschuldigungen waren hochgradig politisch, weil es um mögliche EU-Posten ging, die er Frauen "geschenkt" hat. Berlusconi wiederum hat auf diese Anschuldigung im Fernsehen reagiert, und zwar in "Porta a Porta", der politisch meist verfolgten TV-Sendung in Italien. Beide haben also die öffentlichste Art und Weise überhaupt gewählt, damit umzugehen.
Berlusconi selbst ist derjenige, der die Trennung zwischen Privatem und Öffentlichen aufgehoben hat. Er hat sein persönliches Familien-Fotoalbum öffentlich gemacht - eine Foto-Biographie, die er als eine Art moderne Ideologie versteht. Selbst seine Tochter Barbara hat vergangenen August erst gesagt, dass es notwendig ist, öffentlich über Persönliches zu reden, wenn das persönliche Verhalten das politische Leben beeinflusst.
derStandard.at: Das Private wird in der Politik nicht selten zur öffentlichen Angelegenheit und es ist natürlich politisch relevant ist, wenn der Regierungschef beispielsweise mit Prostituierten verkehrt und gleichzeitig Gesetze beschließt, die Freier sowie Prostituierte strenger bestrafen sollen. Aber inwiefern sollte es irgendjemanden interessieren, wenn "L'Unità" über Berlusconis mögliche Potenzprobleme schreibt?
Ezio Mauro: Das hat uns nie interessiert. Wir sind der Meinung, dass unsere Fragen nicht von dieser Sorte sein müssen. Es liegt nicht an mir, die "L‘ Unità" zu verteidigen, die sich ohnehin bestens selbst wehren kann. Allerdings muss man dazusagen, dass Paolo Guzzanti, Senator aus der Partei Berlusconis, diese Behauptungen aufgestellt hat. Wir haben Berlusconi aber aus anderen Gründen nach seinem gesundheitlichen Zustand gefragt. Seine Frau hat öffentlich gesagt, dass er krank sei und sich von einem Arzt helfen lassen solle. Wenn er Minderjährige frequentiert, bringt er nicht nur sich selbst, sondern den ganzen Staat in eine heikle Situationen. Wenn diverse Damen zu ihm nach Hause kommen und sich auch ein seinem Bad umschauen können, dann besteht die Gefahr, dass sie etwas finden können, womit er später erpresst werden kann. Keinen Monat später ist eingetroffen, was seine Frau prophezeit hat.
derStandard.at: Die Journalisten-Gewerkschaft FNSI bereitet eine Demonstration für Pressefreiheit der Medien für den 19. September vor. Was für einen Erfolg erhoffen Sie sich von der Demonstration?
Ezio Mauro: Ich organisiere diese Demonstration nicht, also weiß ich nicht, wieviele kommen werden. Ich werde selbst als normaler Bürger teilnehmen und hoffe natürlich, dass viele kommen werden.
derStandard.at: Werden die Skandale rund um sein Privatleben irgendetwas an Berlusconis Popularität in Italien ändern?
Ezio Mauro: Der Kreis jener, die über die Affären Bescheid wissen, wird immer größer. Man muss sich vorhalten, dass im Gegensatz zu anderen, normalen Ländern, das Fernsehen nie über all diese Geschichten berichtet hat. Besser noch: Sie haben nur dann darüber geredet, wenn Berlusconi auf etwas reagiert hat, das ihm in die Quere gekommen ist. Das Fernsehen berichtet also über seine Reaktionen auf etwas, worüber selbst nie berichtet wurde. Das ist paradox, das ist verdrehte Information. Es werden beispielsweise seine Attacken auf die Zeitungen gezeigt, ohne zu sagen, was diese Zeitungen geschrieben haben.
derStandard.at: Realisieren die Italiener all das nicht?
Ezio Mauro: Es gibt einen hohen Anteil an Italienern, die sich ausschließlich über das Fernsehen informieren und die nichts über all das wissen beziehungsweise nur das wissen, was Berlusconi dazu sagt.
derStandard.at: Berlusconi selbst ist der Meinung, dass er noch immer mit 70 Prozent der Stimmen rechnen kann.
Ezio Mauro: Berlusconi ist in jeder Hinsicht ein politisches Phänomen und kann sich weiterhin eines großen Rückhalts in der Bevölkerung sicher sein. Aber: Auch bei den vergangenen EU-Wahlen glaubte er, 45 Prozent fix in der Tasche zu haben, hat aber letztendlich nur 35 Prozent bekommen. Diese zehn Prozent hat er verloren, weil das Bild, das er von sich selbst zeichnet, der Berlusconismus, immer mehr Risse bekommt. Natürlich kann man jetzt sagen, dass er nur eine Kluft ist, die sich auftut, aber sie zieht langsam Kreise. Berlusconi hat es schließlich kürzlich sogar geschafft, einen Keil zwischen die Kirche und sich zu treiben.
derStandard.at: In einem Artikel von Ende August hat die „Repubblica" geschrieben, dass es schwierig sei, dem Ausland zu erklären, warum Berlusconi in Italien so erfolgreich ist. Wie versuchen Sie das zu erklären?
Ezio Mauro: Zum einen mit dem, was ich zuvor über die Medien gesagt habe. Auf der anderen Seite steht der politische Selbstmord der Linken. Sowohl unter Prodis Regierung als auch in der Opposition richtet sie sich allmählich zugrunde und zeigt dem Wähler eine nicht nachvollziehbare und komplett unschlüssige Politik. Auch jetzt zeigt sich, dass sie den Herausforderungen, die ihr bevorstehen, im Moment noch nicht gewachsen ist.
derStandard.at: Die Krise der Linken ist sicher kein ausschließlich italienisches Phänomen.
Ezio Mauro: Nein, aber die, die von Berlusconi enttäuscht sind, wenden sich an die anderen Seite und sehen was? Ein leeres Feld, praktisch Wüste. Bis Oktober wird sich die PD (Demokratische Partei, Anm.) neu organisiert haben, um Berlusconi politisch und medial entgegenzutreten. Im Moment hätte die Opposition einen Startvorteil, weil Berlusconi in großen Schwierigkeiten steckt. Aber jetzt, wo der Berlusconismus in eine Krise geraten ist, gibt es nichts auf der anderen Seite. Es herrscht keinerlei Gleichgewicht. (Anna Giulia Fink, derStandard.at, 8.9.2009)