Blinde mit der Zunge zum Sehen bringen

9. September 2009, 16:58
44 Postings

Eine US-Firma testet ein Gerät, das Kamerabilder als elektronische Signale an ein Blättchen auf der Zunge weiterleitet - die Stimulation lässt im Kopf Bilder entstehen

Ein kleines Blättchen, eine Kamera und eine Brille könnten Blinden schon bald zum "Sehen" verhelfen: Das vom angesehenen National Eye Institutes (NEI) in den USA entwickelte Gerät trägt den Namen Brain Port und ist nicht mehr weit von der Markteinführung entfernt.

Blinde können damit lernen, wieder zu "sehen" - jedoch nicht mit ihren Augen, sondern mithilfe der Zunge: Sie tragen eine dunkle Brille, an der eine Kamera angebracht ist. Die mit dieser Kamera aufgenommenen digitalen Bilder werden an ein Gerät - nicht größer als ein Mobiltelefon - weitergeleitet, das der Benutzer in der Hand hält. Dort werden die Botschaften in elektronische Signale umgewandelt und als Pixel an ein kleines Blättchen, das auf der Zunge liegt und nicht größer als eine Briefmarke ist, weitergegeben. Auf der Zunge nimmt der Benutzer die Signale als Prickeln wahr. Probanden berichten, die Übertragung fühle sich ähnlich wie Champagner-Bläschen an. Aus diesem Prickeln formt das Hirn Bilder: Weiße Kamerabilder werden als starke und graue als mittlere Stimulation wahrgenommen. Schwarze Bilder werden nicht als Stimulation erkannt.

Wie eine Sprache lernen

Das Formen der Bilder im Gehirn muss jedoch erst ähnlich wie eine Sprache gelernt werden. Angaben der US-Herstellerfirma Wicab zufolge bräuchten die Testpersonen zwischen zwei und zehn Stunden, um mit dem Gerät "sehen" zu können. Schon nach wenigen Minuten würden Benutzer aber verstehen, ob die Stimulation von oben, unten, links oder rechts komme und wohin die Bewegung gehe. Nach rund einer Stunde soll es möglich sein, nahe Objekte zu erkennen, danach zu greifen sowie die Entfernung dazu zu erkennen. Derzeit ist das System so weit ausgereift, dass Studienteilnehmer laut Wicab zum Beispiel kontrastreiche Objekte, ihre Umgebung und Bewegungen wahrnehmen können.

Defekte Sinne ersetzen

Durch den Einsatz von Brain Port sollen defekte Sinne ersetzt werden, denn das Hirn ist "formbar". Es lernt auch über Umwege, an Informationen zu kommen. Weil die Zunge ein extrem sensitives Organ ist, eignet sie sich dafür gut.

Zwölf Jahre Entwicklung

Insgesamt gehen dem Gerät zwölf Jahre Entwicklung voraus, derzeit ist es in den USA in der Testphase. Wie die Zeitung "The Guardian" berichtet, wird es demnächst auch an einem britischen Soldaten, der bei Kämpfen in Afghanistan erblindet ist, und somit erstmals auch an einem britischen Bürger getestet.

Der US-Herstellerfirma Wicab, die das Gerät in Kooperation mit der Universität Madison (Wisconsin) erarbeitet hat, steht noch die Prüfung durch die Kontrollbehörde „Food and Drug Administration" (FDA) bevor. Gibt diese grünes Licht, könnte Brain Port schon bald im Handel erhältlich sein - allerdings derzeit noch um rund 10.000 US-Dollar. (red, derStandard.at, 9.9.2009)

  • Das Konzept von Brain Port, anhand einer Animation dargestellt: Die Kamera filmt eine Tasse, leitet die Information über ein Gerät an das Blättchen auf der Zunge weiter. Aus dem Prickeln, das dabei entsteht, formt das Gehirn ein Bild.
    foto: wicab, inc.

    Das Konzept von Brain Port, anhand einer Animation dargestellt: Die Kamera filmt eine Tasse, leitet die Information über ein Gerät an das Blättchen auf der Zunge weiter. Aus dem Prickeln, das dabei entsteht, formt das Gehirn ein Bild.

  • So sieht das System aus, wenn es von einem Menschen genutzt wird. Das Gerät in der Hand der Frau verwandelt die Daten der Kamera in elektronische Signale, die an ein Blättchen auf der Zunge weitergeleitet werden.
    foto: wicab, inc.

    So sieht das System aus, wenn es von einem Menschen genutzt wird. Das Gerät in der Hand der Frau verwandelt die Daten der Kamera in elektronische Signale, die an ein Blättchen auf der Zunge weitergeleitet werden.

  • Das Blättchen, das sich der Benutzer auf die Zunge legt, hat die Größe einer Briefmarke.
    foto: wicab, inc.

    Das Blättchen, das sich der Benutzer auf die Zunge legt, hat die Größe einer Briefmarke.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der pensionierte US-Marinesoldat Korporal Mike Jernigan ist seit einer Explosion im Irak auf beiden Augen blind. Im Bild demonstriert er die Verwendung von Brain Port.

Share if you care.