
11.09.2009 10:54
Opposition auf Kuschelkurs
Millionen Deutsche werden am Sonntag das TV-Duell "Merkel – Steinmeier" verfolgen: Dieses sorgt schon vor der Ausstrahlung für Diskussionen - Denn das Fernsehen ist immer noch wahlentscheidend - 10 Fotos
Es war ein katastrophaler Abend für den CDU-Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber. Ganz auf sich gestellt saß er zur Bundestagswahl 2002 seiner Gastgeberin Sabine Christiansen bei ihrer gleichnamigen ARD-Talkshow gegenüber. Live sah ihm - nach dem Tatort - ein Millionenpublikum dabei zu, wie er sich Satz für Satz um seine Würde stotterte. Den Gipfel des Mediendesasters bildete der Moment, als er die Moderatorin versehentlich mit "Frau Merkel" ansprach.
Mit Überraschung punkten
Nach diesem denkwürdigen Auftritt hagelte es Spott und Häme für den Bayern. Stefan Raab präsentierte ausgewählte Schmankerln, Harald Schmidt ließ einen jungen Studiogast im Spiel "Versteh den Stoiber" anhand von Einspielern erraten, was dieser zwischen Stottern und "Ähms" ursprünglich gemeint haben könnte.
Wohl nicht ganz zufällig kam wenig später die Einladung des "Medienkanzlers" Gerhard Schröder: Man könne sich doch in einem Fernsehduell messen. Spiel, Satz und Sieg, mochte er sich gedacht haben. Nach dem ersten von zwei Duellen präsentierte sich Stoiber jedoch als mediales Stehaufmännchen. Er hatte seine Hausaufgaben gemacht und nach dem soliden Auftritt Überraschungspunkte eingefahren.
Schnell wieder vergessen
"Das Christiansen-Gespräch hat für ziemliches Aufsehen gesorgt und wurde immer und immer wieder hervorgeholt. Aber ein Patzer im Fernsehen ist meist wieder vergessen, sobald es eine bessere Performance gibt", sagt Dr. Christoph Bieber, Experte für Politische Kommunikation und Neue Medien an der Uni Gießen. "Nach dem Duell mit Schröder waren alle überrascht, dass er sich so gut geschlagen hat - es war plötzlich sein Vorteil."
Das Überraschungsmoment hat einen festen Platz im Handbuch der Wahlstrategen: Die Taktik, die Debattierkünste eines Duell-Teilnehmers kleinzureden, nenne man in den USA "expectation game", erklärt Dr. Bieber. "Sarah Palin ist hierfür das schillerndste Beispiel."
Deutsches Leitmedium
Im Fernsehen souverän zu sein, ist immer noch eine der zentralen Anforderungen an einen Politiker. Und das, obwohl momentan alles auf den Internetwahlkampf schielt: laut einer aktuellen Studie des Hightech-Verbandes Bitkom werde die Präsenz im Internet für die kommende Bundestagswahl am 27. September sogar "wahlentscheidend" sein - besonders für die Zustimmung durch die junge Zielgruppe. "Dennoch ist das Fernsehen weiterhin das politische Leitmedium in Deutschland", sagt Dr. Bieber.
Auch er werde zusehen, wenn Angela Merkel und SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier sich beim großen Duell am 13. September gegenüberstehen. Allerdings nicht vor dem Fernseher, sondern vor Ort im Berliner Studio Adlershof; der Kommunikations-Experte bloggt live für das ZDF über die Argumentations-Schlacht der Kontrahenten (auch Dirk Sterman kommentiert live für derStandard.at das große TV-Duell). Dabei werden Millionen Augenpaare auf ihnen ruhen: "Das Duell wird aller Unkenrufe zum Trotz sicher mit Abstand das reichweitenstärkste Format im Fernsehwahlkampf sein", glaubt Dr. Bieber.
Stehen oder Sitzen?
So kurz vor der Wahl muss beim wichtigsten TV-Ereignis des Sommers für die Kandidaten alles stimmen: So sorgte "das Stehen" laut des Nachrichtenmagazins "Spiegel" für interne Diskussionen bei den Sendern ARD, ZDF, RTL und Sat.1, die das polemische Kräftemessen der beiden Politiker live übertragen werden.
Die Kanzlerin sehe an einem Rednerpult immer ein wenig "verloren" aus, meinten ihre Wahlkampfstrategen und pochten auf eine Sitzrunde. Bei Steinmeier verhalte es sich umgekehrt, glaubten dessen Berater. Sitzen schmeichele ihm nicht so.
Nun werden schlussendlich alle stehen: Merkel, Steinmeier sowie die vier Polit-Moderatoren der Sender: Frank Plasberg (ARD), Maybrit Illner (ZDF), Peter Klöppel (RTL) und Peter Limbourg (Sat.1).
"B-Movie" für die Opposition
Zum dritten Mal, seit "Schröder - Stoiber" bei der Wahl 2002, gibt es diese Art von Fernsehduell nach amerikanischem Vorbild. Die Oppositionsparteien waren immer schon davon ausgeschlossen. Der FDP-Spitzenkandidat Guido Westerwelle wollte sich beim ersten Mal sogar per Verfassungsgerichtshof-Urteil in die Sendung einklagen - ohne Erfolg.
Westerwelle forderte eine Absetzung TV-Duells zwischen Merkel und Steinmeier. "Das TV-Duell am Sonntag darf so nicht stattfinden. Es muss in eine Sendung mit allen Spitzenkandidaten umgewidmet werden", sagte Westerwelle der "Passauer Neuen Presse".
Die gestern stattgefundene kleine Diskussionsrunde der Opposition, mit FDP, Grünen und Linken sei ihm nicht genug. Im Übrigen traten die Oppositionsparteien sehr einig - und gegen die Regierung - auf; es gab weder eine große Auseinandersetzung noch eine knisternde Diskussion.
Kein Duell im Radio oder Internet
Doch nicht nur die politischen Kontrahenten fühlen sich ausgegrenzt. Auch Millionen Radiohörer und Internetuser bleiben außen vor - das Duell wird auf keinem Sender zu hören sein und auch im Internet nicht live übertragen. Eine parallele Übertragung im Radio könnte an den Quoten knabbern, befürchteten vor allem die Senderchefs von RTL und Sat.1. Gerade Sat.1 gilt in Fachkreisen schon jetzt als potenzieller Quotenverlierer.
Dass Radiofans, wenn sie zuhause seien und den Fernseher zur Verfügung hätten, dennoch nur den Radio anschalten würden, bezweifelt hingegen ARD-Vorsitzender Peter Boudgoust. In einem Brief hatte er die beiden Privatsender umzustimmen versucht, weil sonst die Deutschen unterwegs keine Chance hätten, das Duell zu verfolgen. Die Sendung dürfe von anderen TV- und Radiostationen nach der Ausstrahlung "beliebig oft" wiederholt werden, konterte jedoch RTL-Chefredakteur Peter Klöppel, ebenfalls per Brief.
Kein Live-Stream wie in Frankreich
"Vollkommen absurd und rückständig", findet Dr. Bieber diese Diskussion. Vor allem, dass es - wie es zum Beispiel in Frankreich beim Duell zwischen Ségolène Royal und Nikolas Sarkozy gemacht wurde - keinen Internet-Live-Stream vom Duell geben wird.
"Es wird aber hoffentlich dennoch zu regen Diskussionen über einschlägige Kanäle kommen", sagt Dr. Bieber: per Live-Blogging, Twitter oder Forumsdiskussion zum Beispiel. "Ich könnte mir aber auch vorstellen, dass die Oppositionsparteien noch während der Sendung mit so genannten 'Rapid Response'-Kommentaren auf so manches Statement der beiden reagieren werden".
Danach kommt die "Blitzanalyse"
Nach dem Fernsehduell werden, wie schon bei den beiden Malen zuvor, die Analysten zu Wort kommen: Welche Strategie wurde verfolgt? Wer konnte vielleicht bisherige Nicht-Wähler mobilisieren? Wer fischte in fremden Gewässern? Und vor allem: Wer hat gewonnen?
Für eine "Blitzanalyse" werden Kommunikations-Experten die Reaktionen ausgewählter Zuschauer auswerten und daraus ihre Schlüsse ziehen. Diese werden dann im Internet, Fernsehen und natürlich in den Schlagzeilen des nächsten Tages kursieren. Vielleicht wird, zwei Wochen vor der Wahl, so doch noch ein wenig Spannung in das bisher sehr müde, deutsche "Super-Wahljahr" kommen. (Rebecca Sandbichler/derStandard.at, 07.09.2009)
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Wichtige TV-Termine im Überblick:
10. September, 21.00 Uhr, ZDF: Maybrit Illner Spezial - der TV-Dreikampf
13. September, 20.30, ARD, ZDF, Sat.1, RTL: Das TV-Duell. Merkel - Steinmeier
13. September, 22.00, ZDF spezial: Nach dem TV-Duell
13. September, 22.00, ARD: Anne Will - Nach dem Duell
13. September, 22.00, RTL: Das TV-Duell - Die Analyse
13. September, 22.00, Sat.1: Ihre Wahl! - Die Sat.1-Arena
Wichtiger Internet-Termin:
Dirk Sterman wird auf derStandard.at das Duell Merkel-Steinmeier live kommentieren