Vertrauen: Schwer errungen, leicht zerstört

7. September 2009, 21:51
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    Getrennte Gemeinschaften: orthodoxer Gottesdienst in einer ausgebrannten Kirche in Mitrovica im Nordkosovo...

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    ... und Restaurationsarbeiten in der Hadum-Moschee in Gjakova im westlichen Kosovo. Die 1598 errichtete Moschee wurde im Krieg teilweise zerstört und wird mithilfe der Unesco wiederhergestellt.

Mangelndes Vertrauen ist das Hauptproblem zwischen Albanern und Serben im Kosovo - Ein serbischer und ein kosovo-albanischer Journalist analysieren die aktuelle Lage und suchen nach Lösungsansätzen

Alpbach/Belgrad - Ich war sehr überrascht, als Dragana und Hedwig mich anriefen: "Du bist unser Reiseführer von Belgrad nach Alpbach." Lange galt ich unter Kollegen als ausgezeichneter Reisegefährte, aber mein Ruf wurde vor zwei Jahren zerstört. Damals behielt ich im Flughafen von New York unabsichtlich den Reisepass einer älteren Dame bei mir, der ich half, ihr Flugzeug zu erreichen, weil sie spät dran war. Ein mehrtägiger Albtraum für uns beide folgte: Sie musste das Flugzeug wieder verlassen und allein in den USA zurechtkommen, während ich in Belgrad ihren Pass hatte.

"Vergiss die Oma, wir vertrauen dir", sagten Dragana und Hedwig. Zu dritt reisten wir zum Forum Alpbach, wo wir Gäste der Erste Stiftung beim Symposium "Vertrauen zwischen Individuen und Staaten" waren. Die beiden Hauptredner waren UN-Generalsekretär Ban Ki-moon und Friedensnobelpreisträger Martti Ahtisaari. Aber ich freute mich mehr auf das Wiedersehen mit meinem alten Freund Altin, einem albanischen Journalisten aus Tirana.

Wir trafen einander erstmals bei einem Seminar in Budapest 1997 und sind seither echte Freunde geworden. Er nennt mich einen "besonderen Ziegel in der serbischen Mauer", ich nenne ihn einen "guten Albaner", und gegenseitig nennen wir uns "Opas" , weil wir uns schon ewig zu kennen meinen.

Was ist das Rezept dieser ungewöhnlichen Freundschaft, die Krieg und Krisen überdauert hat? Gegenseitiges Vertrauen! Wir arbeiteten in mehreren gemeinsamen Projekten zusammen, nicht ohne Probleme, aber wir haben gelernt, einander zu glauben.

Die Organisatoren des Forums Alpbach waren Visionäre, als sie "Vertrauen" zum Hauptthema der Veranstaltung machten. Zu Recht sehen sie in den USA unter Barack Obama und in der Zukunft der EU die beiden wichtigsten "globalen Vertrauenstests". Aber zwischen den Zeilen waren der Balkan und speziell der Kosovo unter den wichtigsten Themen. Was war die Rolle der internationalen Gemeinschaft, warum arbeiten die ethnischen Gruppen nicht zusammen, welche Zukunft hat die Region?

Ahtisaari, ehemaliger Chefverhandler über den Status des Kosovo, versuchte einige Antworten zu geben. Seinen Worten zufolge wusste er, dass er seinen Job gut gemacht hatte, als beide Seiten in den Verhandlungen wütend auf ihn waren. Fast alle Forum-Teilnehmer aus Albanien und dem Kosovo ließen sich mit ihm fotografieren. In Prishtina gilt er ja fast als Held. Aber kein Teilnehmer aus Serbien drückte den Wunsch nach einer Fotosession mit ihm aus.

Ahtisaari versuchte nicht, seine damalige Verhandlungstaktik zu verbergen. "Vom ersten Tag an wussten alle Seiten, was die endgültige Lösung sein würde" , sagte er und setzte fort: "Wenn Person A der Person B die Brieftasche gestohlen hat, sollte die Lösung nicht sein, dass das Geld zwischen A und B aufgeteilt wird, sondern dass A die Brieftasche B zurückgibt." Richtig - aber was, wenn die Situation nicht so einfach ist? Was, wenn B die Brieftasche A vor zehn oder 50 Jahren stahl? Und was, wenn der Besitz der Brieftasche nicht so klar ist, weil sie jahrhundertelang von einer Hand zur anderen ging?

Kreative Lösung verpasst

Für die meisten Serben war Ahtisaari bestenfalls ein schlechter Verhandlungsleiter. Er versäumte eine gute Gelegenheit für eine kreative Kosovo-Lösung. Eine Lösung, wo die Albaner ihr eigenes Leben ohne Kontrolle aus Belgrad leben können und gleichzeitig die Serben nicht gedemütigt werden.

Heute ist der Kosovo unabhängig, aber fünf EU-Länder erkennen ihn nicht an. Für Serbien ist der Kosovo weiterhin Teil seines Territoriums. Der Norden mit seiner serbischen Bevölkerungsmehrheit steht unter Belgrads Kontrolle. Der Kosovo ist praktisch geteilt. Und die Russen? Sie stehen beiseite und warten auf eine weitere Gelegenheit, ihr Spiel zu spielen. Das Schlimmste ist das Misstrauen zwischen den getrennten Gemeinschaften - es ist größer denn je.

Sehr oft endet die leidenschaftliche Diskussion mit meinem albanischen Kollegen Altin spät in der Nacht mit völlig entgegengesetzten Positionen. Er wird vermutlich mit vielem, was ich hier schreibe, nicht übereinstimmen, aber er weiß, dass meine Haltung ihm keinen Schaden zufügt und dass ich offen für Diskussionen bin, bis wir eine akzeptable Lösung finden. Ich wiederum weiß, dass er den unabhängigen Kosovo nicht unterstützt, weil er etwas gegen die Serben hat, sondern weil er zutiefst daran glaubt, dass dies die beste Lösung für beide Gemeinschaften ist.

Vielleicht war die Unabhängigkeit die einzige realistische Lösung, aber wegen der Art, wie die Verhandlungen geführt und abgeschlossen wurden (in zwei Jahren traf Ahtisaari die serbische und die albanische Delegation nur zweimal), muss man sich an die Kopf greifen und fragen: War es nur ein Theater oder wirklich der Versuch, einen Kompromiss zu finden?

Vertrauen bedeutet nicht, dass man in allem übereinstimmen muss. Es ist mehr ein Prozess, in dem man mit offenen Karten, ehrlichem Herzen und klarem Verstand spielt. Vertrauen kann sehr leicht verlorengehen, wie in meinem Fall eingangs geschildert, und der Prozess der Wiederherstellung ist lange und schmerzhaft. Das gilt für Individuen, aber auch für Staaten und Organisationen. (Milohrad Ivanović/DER STANDARD, Printausgabe, 8.9.2009)

Milorad Ivanović und Lavdim Hamidi waren Gäste der Erste Stiftung beim diesjährigen Forum Alpbach. Ivanović ist stellvertretender Chefredakteur von "Blic", der größten serbischen Tageszeitung. Hamidi ist Journalist der kosovarischen Tageszeitung "Zeri". Beide nahmen am "Balkan Fellowship for Journalistic Excellence" der Erste Stiftung und der Robert Bosch Stiftung teil.

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10 Postings
Old Surehand
23
16.9.2009, 14:23
"(...) wusste er (Ahtisaari), dass er seinen Job gut gemacht hatte, als beide Seiten in den Verhandlungen wütend auf ihn waren."

Guter Beitrag. Ein Serbe, der Ahtisaari nicht verteufelt. Die Kritik, die er anbringt, ist sachlich und kann gehoert werden. Interessant auch, dass aus seiner berufenen Feder keines der verschwoerungstheoretischen Argumente - an die sich meine serbischen ForumsfreundInnen sozusagen beschwoerend klammern - hier mit keinem Wort bemueht werden (etwa die Bestechungsmaer): kann dies jemanden zum Nachdenken ueber eigene, vorschnelle Schlussziehungen animieren (Groesse vorausgesetzt)? Was sagt dem kritischen Leser dieses Auslassen vom Chefredakteur des "Blic"? Haette er nicht allen Grund, seine Kritik an Ahtisaari mit diesem Vorwurf zu untermauern? Kann es sein, dass diese Vorwuerfe - gelinde gesagt - duchsichtig konstruiert & infam sind?

chilly76
 
62
und ich hab vom ersten tag an gewusst das dieses albanisch befallene kosovo wirtschaftlich nichtüberlebensfähig sein wird.

und jetzt
jetzt ist der status quo eingetreten den niemand im westen wollte und serbien genau davor gewarnt hat.

die lösung liegt immernoch in der hongkongautonomie nur die eu muss es den sehr verwöhnten albanern klarmachen das das kosovo zurück in den völkerrechtlichen rahmen muss. es führt kein weg daran vorbei eine GEMEINSAME UND BEIDSEITIGE lösung zu finden.

Der letzte Jugoslawe
00
10.9.2009, 18:37

dafür ist's wohl zu spät. lösung kann nur sein, dass beide staaten in die eu kommen und dann die grenze nach und nach, innerhalb einer generation wieder verschwinden wird.

chilly76
 
31
11.9.2009, 03:09
ich bin mir ziemlich sicher das es nicht möglich sein wird das beide als staaten in der eu sein werden

nicht als staaten , denn erstens wieso sollte serbien etwas zustimmen was kein staat dieser welt zustimmen würde? und zweitens ein teil in der eu weiss noch nicht genau das es die wahl hat zwischen serbien sammt pristina hat oder pristina ohne belgrad. (das zweite ist schlechteres für die eu)
und dann bleibt noch das kosovo wenn es mal hypothetischerweise eu reif sein sollte um der eu beizutreten immer noch das kriterium gutnaschbarschaftliche beziehung die es so (bei heutigem stand) nich geben wird. und für die eu als staatenbund gibt es kein unabhängiges kosovo denn einige eu staaten werden es niemals anerkennen
(p.s. mich und die meisten serben kann man mit dem satzt eu beitritt nicht erpressen)

mfg ...kosovo is serbia

Old Surehand
13
16.9.2009, 14:25
Ihre Argumentation bleibt interessantes Forschungsobjekt:

praktisch alles, was Sie als Argumente fuer Serbien bzw. gegen den Kosovo anfuehren, kann auch umgekehrt ins Feld gefuehrt werden. Sie betonen immer Ihre Offenheit fuer alle Fragen, Sie betonen Ihre Rechtsverbundenheit, Sie betonen das Festhalten an voelkerrechtlichen Prinzipien (was das wohl heissen mag bei jemandem, der voellig offensichtlich nicht die geringste Ahnung vom Voelkerrecht hat?): wie vertraegt sich dies mit dem monolithischen Standpunkt, der sich ganz am Schluss als Slogan offenbart? Ebenso interessant wie pikant, dass man dabei keine Bedenken hat, selbigen in der Sprache des grossen Teufels USA zu packen
;-) Wieso eigentlich nicht russisch? ;-))

ano xxo
21
na des wirds sicher net spielen,

...kosova kann ja mit der situation sehr gut leben, wozu also eine "beidseitige lösung"???, die wäre doch nur sinnvoll, wenn beide seiten mit der realität nicht leben könnten....das aber ist nicht der fall, denn kosova kann mit der derzeitigen realität LEBEN....serbien hat allerdings probleme die realität zu verstehen....aber, nix unser caffee...

grüsse


PS: wozu führt man eigentlich kriege, um am ende dort zu stehen wo man vorher gestanden ist ???....seltsame logik!!!; kriege bringen vollendete tatsachen.....also, bis zum nächsten krieg...

chilly76
 
42
11.9.2009, 08:15
auch die kosovoalbaner werden wie die nordzyprioten eines tages gesprächsbereitschaft über den status der südserbischen provinz kosovo und metochia zeigen

im krieg gibt es keine gewinner und die die heute meinen ihn gewonnen zu haben werden auch früher oder später mit der realität konfrontiert und feststellen das es keine dauerhafte lösung im kosovo gibt ohne die serben.

ich sag mal so das du mich richtig verstehst..... als im februar 2008 die völkerrechtswiedrige sezession kosovos passierte schwebten die albaner mit rosaroten brille im siebten siegeshimmel. heute sieht die sache bischen anders aus man begreifft langsam das die serben nicht aus dem kosovo verschwinden werden. und in ein paar jahren werden die albaner begreifen das es ohne die serben keinen ausweg aus dem europäischen dauerkriesenherd kosovo gibt ohne eine beidseitige kompromisslösung.

Old Surehand
11
16.9.2009, 14:26
;-)

Futur und Konjunktiv - wie gehabt. Da hat jemand wenigsten in der Grammatik aufgepasst ;-))

el dus
 
65
Vom ersten Tag an wussten alle Seiten, was die endgültige Lösung sein würde"

sagte der Herr, der sich als schauspielender Verhandler oder wahlweise auch als verhandelnder Schauspieler mit dem vorgegebenen (von wem wohl) Verhandlungsergebnis in der Tasche der Weltöffentlichkeit als seriöser Vermittler präsentierte. Das Schauspiel "Verhandlungen" wurde gewissenhaft von den Medien apportiert. Der Erfolg war endenwollend, der Vorgeber ließ die Medien das Verhandlungsgenie in den höchsten Tönen preisen.

Old Surehand
13
16.9.2009, 14:30
Das was Sie im Titel fuehren, sagen aber auch serbische Politiker,

und zwar nicht erst seit gestern, wenn auch hinter vorgehaltener Hand (ausser Jovanovic bzw. die Liberalen). Kosovo wurde keineswegs 2008 verloren, das wird Ihnen auch der Politiker der Radikalen in vertraulichem Gespraech zugestehen. Ich bin auch der Meinung, dass der Zeitpunkt fuer die Unabhaengigkeit voellig daneben war - und timing ist im Leben wie in der Politik essentiell. Der Zeitpunkt war im Juni 1999 - damals haette sich weder in Serbien und schon gar nicht auf internationaler Buehne jemand darueber aufgeregt, und jeder haette seinen Schuldigen gehabt: Serbiens Buerger die desastroese Politik der Vergangenheit mit ihren Exponenten, die Demokratischen Kraefte haetten sich gut hinter den Autokraten der Vergangeheit verstecken koennen

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