Im Studium Lebensmittel- und Biotechnologie lernt man, woraus Lebensmittel bestehen und wie man sie verändern kann - von A wie Apfel bis Z wie Zitrone
Noch vor zehn Jahren hätte Andrea Graf sich wahrscheinlich gewundert, wenn ihr jemand gesagt hätte, dass sie einmal im Labor stehen und einen weißen Kittel tragen würde. Die heute 27-Jährige wusste nach der Matura nämlich nicht genau, was sie beruflich machen wollte. Nach einem Jahr in einem Bürojob mit „null Aufstiegschancen" entschied sie sich schließlich für das Studium Lebensmittel- und Biotechnologie an der BOKU (Universtität für Bodenkultur) in Wien.
Die Übersichtlichkeit der BOKU
„Das war eher spontan, ich habe mich einfach umgesehen, was es so gibt", sagt sie heute. Sie habe sich damals für viele Dinge interessiert, „zum Beispiel für Architektur oder Psychotherapie." Die Gründe für die Studienwahl: Erstens habe sie sich schon in der Schule für Chemie und Biologie interessiert. Zweitens hatte es ihr die Übersichtlichkeit der BOKU angetan. „Man kommt in alle Kurse und muss nicht, wie in anderen Studien, am Boden sitzen", sagt Graf.
Leiterin der Qualitätssicherung
Im April 2008 spondierte die Niederösterreicherin zur Diplomingenieurin, gleich danach bewarb sie sich bei der Firma Jungbunzlauer in Laa an der Thaya - und bekam den Job. „Während des Studiums hatte ich das Praktikum hier nicht bekommen - wahrscheinlich, weil es Leute gab, die näher wohnten als ich", erzählt Graf. Kurz vor Studienende bekam sie von der BOKU das Jobinserat zugeschickt und diesmal klappte es. „Ich habe gar nicht damit gerechnet, so schnell einen Job zu finden", so die 27-Jährige. Sie arbeitet nun als Leiterin der Qualitätssicherung im Labor und ist somit für eine Handvoll Mitarbeiter zuständig.
Zurück zum Studium: Graf bezeichnet es im Nachhinein als „sehr sehr intensiv". „Vielleicht bin ich aber nicht das Mittelmaß, vielleicht bin ich genauer oder ich habe mir schwerer getan als andere", fügt sie hinzu. Anfangs sei das Studium trotz ihres Interesses „sehr schwierig" gewesen, weil sie nach der Matura in einer Handelsakademie kein großes Grundwissen in Biologie und Chemie hatte. Viel Freizeit habe sie dafür auf jeden Fall geopfert. Und, „oh, ja" - natürlich würde sie das Studium weiterempfehlen. Außerdem: „Es ist für Burschen genauso interessant, es besteht nicht nur aus Fächern wie Biologie und Chemie sondern man lernt auch technisches wie Verfahrenstechnik, Prozesstechnik oder Energietechnik."
Physik und Chemie
Besonders gut hat ihr am Studium gefallen, dass sie gelernt habe, „wie das Leben bis ins kleinste Detail funktioniert." Wenn man über die Grundkenntnisse verfüge und alles schön langsam im Kopf verknüpfen könne, sei es „unglaublich interessant, wenn man dahinterkommt, wie alles Leben mit Physik und Chemie zusammenhängt."
Das Spannende an der Arbeit mit Lebensmitteln sei etwa, zu wissen, was darin steckt oder wie man sie mit Zusätzen verändern kann. In Saucen werde etwa Xanthan verwendet, um die Entmischung von Wasser- und Öl-Phase zu verhindern. Interessant sei zum Beispiel auch, was beim Kochen mit den Inhaltsstoffen passiere: „Stärke verkleistert und geht bei bestimmter Behandlung in den Glaszustand", sagt Graf. Auch die Geschichte der Lebensmittel - schon im Altertum sei mithilfe von Fermentation mit Mikroorganismen Bier gebraut und Brot gebacken worden - sei interessant.
Genauigkeit ist gefragt
Für Studium wie Job seien Verantwortungsbewusstsein und Genauigkeit gefragt. Grafs Arbeitgeber, die Firma Jungbunzlauer, produziert Zitronensäure, deren Qualität im Labor analysiert und überprüft werden muss. „Zitronensäure wird beispielsweise für viele Limonaden, für Saucen oder Ketchup verwendet", erklärt Graf. Das Ausbildungsprofil des Studiums entspreche „vielem, was wir hier suchen", heißt es bei Jungbunzlauer. Man suche sich sein Personal genau aus, vergebe zum Teil auch Diplomarbeiten an Studierende.
Die Herausforderung an Grafs Job seien die Verantwortung, das Koordinieren der Mitarbeiter und der Überblick, damit alles funktioniere. Aufgrund ihrer Funktion hat sie mehr im Büro zu tun als im Labor. Wichtig sei daher eines: sich auf seine Mitarbeiter verlassen zu können.
Verändertes Konsumverhalten
Das Wissen über die Zusammensetzung und Inhaltsstoffe von Produkten ändere übrigens auch das Konsumverhalten. „Man schaut schon, was in den Produkten ist und woher sie kommen", sagt Graf, „vor allem kaufe ich nur natürliche Produkte und koche nie Fertigprodukte." (Maria Kapeller, derStandard.at, 8.9.2009)