Die falschen Töne der "Signalarchitektur"

6. September 2009, 20:56
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    Entwürfe fürs Wien Museum im historischen Vergleich: Otto Wagners "Agitationsprojekt" 1909 (o.), Modell von Henke/Schreieck 2009 (u.)

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    Schediwy: Die City braucht kein weiteres "Aufregerprojekt".

    Zur Person:
    Robert Schediwy lebt als Kulturpublizist in Wien und ist Mitglied des Internationalen Rats für Denkmalpflege (Icomos)

     

Muss Baukunst um jeden Preis "fototrächtig" sein, "Aufsehen erregen", "Zeichen setzen"? Kritische Anmerkungen zu den jüngsten Absichtserklärungen für eine Neugestaltung des Wien Museums

Angeblich herrscht allgemeine Freude: Kulturstadtrat Mailath-Pokorny hat einen Neubau oder zumindest ein bauliche Erweiterung des Wien Museums für die nächste Legislaturperiode des Wiener Landtags angekündigt. Museumsdirektor Wolfgang Kos (vgl. Interview im Standard, 3. 9.) ist begeistert und wünscht sich "Signalarchitektur" mit "Landmark-Charakter", möglichst zentral gelegen, damit auch "Flaneure" vorbeischauen, wenn im Museum "heiße Themen" abgehandelt werden. Auch Franz Ferdinand Wolf, der Kultursprecher der Wiener ÖVP, hält einen Neubau für eine "gute Sache" und mahnt, es müsse eine "innerstädtische Lösung" geben.

Nun, bekanntlich wird nichts so heiß gegessen wie gekocht, und zum Thema "Historisches Museum der Stadt Wien" (so der traditionelle Name) hat es schon um 1900 langwierige und hitzige Diskussionen gegeben. Ein gewisser Otto Wagner hat da zunächst mit einem "Agitationsprojekt" für einige Kontroversen in der Stadtverwaltung gesorgt und hätte auch beinah seinen prächtigen sezessionistischen Museumsbau errichten dürfen, aber es hat dann doch nicht geklappt, weder am Karlsplatz noch auf der (danach vorgesehenen) Schmelz. Signalarchitektur mit Landmark-Charakter war das übrigens nicht, das hatte Wagner nicht nötig. Schade drum.

Das Museum in seiner heutigen Form stammt, wie man weiß, von Oswald Haerdtl, wurde 1959 eröffnet und ist ein bescheidenes aber durchaus qualitätsvolles Bauwerk aus der Wiederaufbau-Zeit, zu dessen Vorzügen es zählt, dass es nicht in "spannungsvollen Dialog" mit der benachbarten Karlskirche treten will. Das Haus am Karlsplatz wurde mehrmals behutsam erweitert, etwa durch eine Hofüberdachung.

Bauliche "Signale" zu setzen ist erst in den letzten Jahrzehnten in der Wiener Innenstadt üblich geworden, und so manche Beispiele dieser etwas marktschreierischen Tendenz sind kritisch zu sehen. Beim Museumsquartier war es etwa der sogenannte "Leseturm", ein von Fachleuten als völlig unfunktional beschriebenes Mini-Hochhaus auf etwa 50 Quadratmeter Grundfläche, das der "Zeichensetzung" dienen sollte und das letztlich von Bürgermeister Zilk öffentlichkeitswirksam abgeschafft wurde. Es wird, wie es scheint, hauptsächlich von den beteiligten Architekten vermisst. Bei der Albertina wurde der "Soravia-Wing" als Werbesignal und Markenzeichen des Stararchitekten Hollein angebracht - nicht unbedingt von Begeisterungsstürmen der Fachwelt und des Publikums umtost. Die Neumöblierung des Schwarzenbergplatzes sollte wohl ebenfalls Signalcharakter haben - die Leuchtbänder waren allerdings letztlich nicht realisierbar, und geblieben sind vor allem die exemplarisch plumpen Lichtmasten.

Das von Wolfgang Kos offenbar favorisierte brückenartige Projekt von Henke/Schreieck entspricht leider genau der PR-Logik des bewusst Aufsehen erregenden "Zeichensetzens", wie sie in der Wiener Innenstadt schon mehrfach gescheitert ist und außerdem dem Bestandsschutz als Weltkulturerbe widerspricht. Signalarchitektur, die sich gegenseitig überschreit, ist überhaupt problematisch - insbesondere dann, wenn sie sich im historischen Zentrum zusammendrängt. Es kommt dabei zu einer vulgären Überfrachtung der Innenstadt - während gleichzeitig die neuen Wohn- und Bürozentren an der Peripherie veröden. Es ist beispielsweise ein Armutszeichen für Wien, dass trotz jahrelanger Ankündigungen, auf der Donauplatte eine große Kulturinstitution zu etablieren, bisher nichts dergleichen geschehen ist.

Bürgermeister Häupl neigt, wie es heißt, einem Wien Museum auf der Donauplatte zu, und in dieser ebenso sachlich berechtigten wie wahltaktisch vernünftigen Überzeugung sollte man ihn bestärken. Dort könnte nämlich - als eine weitere, eine ultramoderne Dependance des ohnedies an Standorten reichen Wien Museums, ein neues, lebendiges kulturelles Zentrum geschaffen werden, das Gott sei Dank nicht etablierte Kulturbauten wie das Musikvereinsgebäude oder das Künstlerhaus überschreien muss, um sichtbar zu werden. Und das liebenswerte Stammhaus am Karlsplatz könnte man mehr oder weniger in Ruhe lassen.

Das Wien Museum hat es jedenfalls nicht nötig, krampfhaft nach Aufmerksamkeit zu haschen, weder architektonisch noch sonstwie. Und ein neuer, zusätzlicher Standort in der Donau City wäre eine konstruktivere Herausforderung für Management und Publikum als ein "Aufregerprojekt" in der geschützten Innenstadt. (Robert Schediwy / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.9.2009)

 

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11 Postings
Hafner
00
Ein Gebäude im Stil ...

... eines nackten Hinterns würde sicher weltweit Aufsehen erregen.
Und es passt gut zu Wien.

Bodypainter
21
PETITION AUF FACEBOOK BITTE UNTERSTÜTZEN!

wozu einen wettbewerb machen – der logischste aller entwürfe stammt von otto wagner himself! klar ist der plan alt und müsste überarbeitet werden, aber er wäre der optisch wertvollste besonders für diese lage – und er wäre touristisch und architektonisch einmalig. es gibt deshalb eine petition auf facebook unter www.tinyurl.com/petitionwagner – wer die idee ebenfalls gut findet: bitte der petition beitreten!

retlaw
01
Die Australische Botschaft

steht ihren Plänen zumindest als Gebäude im Weg :-)

Z4ph0d
11
Oh mein Gott ...

Wach mal auf. Wir leben im 21. Jahrhundert und Otto Wagner ist lange tot. Sein Erbe sollte man schätzen und pflegen. Künstlich nachbauen – sowas erinnert an Disneyland und Las Vegas.

Wien sollte sich endlich mal in die Zukunft bewegen und nicht ständig nostalgisch verklärt in die Vergangenheit schauen.

Hafner
10
Für diejenigen,

... für die sich "in die Zukunft bewegen" ein Wert an sich ist, ist das sicherlich eine gute Idee.
Menschen mit eigenem Hirn und eigenem Geschmack holen sich aus der Entwicklung und geplanten Zukunft das für sie beste heraus.
Das kann natürlich auch bedeuten, etwas zu belassen, wenn es nicht verbesserbar ist.
Denken Sie einmal darüber nach ob "fortschrittlich" einen Wert an sich darstellt und teilen Sie mir bitte Ihre Meinung dazu mit!

Z4ph0d
00
belassen

das ist schon richtig. ich meinte ja auch, das man ein schützenswertes erbe pflegen sollte. hier geht es nun aber um einen neubau.

stellen sie sich vor otto wagner hätte auf über 100 jahre alte baupläne berühmter baumeister zurückgegriffen. er ist heute vor allen dingen deshalb legendär, weil er seiner zeit weit voraus war.

etwas neues zu schaffen ist immer "mehr wert" als auf bereits bekanntes zurückzugreifen.

"neu" allein ist dabei allerdings kein wert an sich, aber (fast) immer begleiterscheinung.

Hafner
20
10.9.2009, 14:39
Das hat der Architekt der ...

... Votivkirche auch gemacht.
Architekten wie Semper haben das sogar ganz gern gemacht.
Nach heutigen Begriffen würden die genialen Intellektuellen diese Architekten als "Handwerker" herabwürdigen.
Ich finds nicht schlecht.
Eine nicht-Architektur wie das alte World Trade Center (einfach einen Würfel zu bauen) finde ich nicht besonders originell (dort war ja nur die Größe neu).

sweet maker
 
10
15.9.2009, 14:22
der vergleich hinkt


der tätowierer will ja ein gebäude 100jahre nach seinem entwurf verwirklichen.

und die votivkirche ist mit ihrem fetten a***h nicht umsonst eines der hässlichsten gebäude der stadt (getoppt von zb. der rossauerkaserne um in dieser fantasy-welt zu bleiben)

Hafner
00
15.9.2009, 14:46
Darf man ...

.. hässliche "Kunstwerke" als hässlich bezeichnen?
Darf man nicht.
Warum darf man dann "Kunstwerke" als hässlich bezeichnen, die nicht dem intellektuellen Mainstream folgen?

X Xenophon
11
Das WIEN MUSEUM am Karlsplatz ist ...

durch die oft gelungenen Aktivitäten Wolfgang Kos aus einem hochinteressanten, bis vor einiger Zeit ein bisschen verschlafenem, nunmehr ein hochinteressantes und attraktives und aktuelles Museum und "Meeting-Point" geworden. Ein wesentlicher Gesichtspunkt ist für mich dabei auch die gute Lage am Karlsplatz, ich gebe zu bedenken, dass wahrscheinlich kein Mensch einen Neubau auf der Platte wahrnehmen und besuchen würde.

nbergmann
20
nur wegen der guten lage ins museum

die donaucity ist näher am karlsplatz als etwa schönbrunn, jedenfalls mit der ubahn vom karlsplatz in 10 min erreichbar. also selbst die schlechte lage ist eine ziemlich gute und ein mit ausflug ins grüne (donauinsel, donaupark) gut zu verbinden. aber wenn man nur wegen der lage ein museum besucht ist das ohnehin schon peinlich.

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