Muss Baukunst um jeden Preis "fototrächtig" sein, "Aufsehen erregen", "Zeichen setzen"? Kritische Anmerkungen zu den jüngsten Absichtserklärungen für eine Neugestaltung des Wien Museums
Angeblich herrscht allgemeine Freude: Kulturstadtrat Mailath-Pokorny hat einen Neubau oder zumindest ein bauliche Erweiterung des Wien Museums für die nächste Legislaturperiode des Wiener Landtags angekündigt. Museumsdirektor Wolfgang Kos (vgl. Interview im Standard, 3. 9.) ist begeistert und wünscht sich "Signalarchitektur" mit "Landmark-Charakter", möglichst zentral gelegen, damit auch "Flaneure" vorbeischauen, wenn im Museum "heiße Themen" abgehandelt werden. Auch Franz Ferdinand Wolf, der Kultursprecher der Wiener ÖVP, hält einen Neubau für eine "gute Sache" und mahnt, es müsse eine "innerstädtische Lösung" geben.
Nun, bekanntlich wird nichts so heiß gegessen wie gekocht, und zum Thema "Historisches Museum der Stadt Wien" (so der traditionelle Name) hat es schon um 1900 langwierige und hitzige Diskussionen gegeben. Ein gewisser Otto Wagner hat da zunächst mit einem "Agitationsprojekt" für einige Kontroversen in der Stadtverwaltung gesorgt und hätte auch beinah seinen prächtigen sezessionistischen Museumsbau errichten dürfen, aber es hat dann doch nicht geklappt, weder am Karlsplatz noch auf der (danach vorgesehenen) Schmelz. Signalarchitektur mit Landmark-Charakter war das übrigens nicht, das hatte Wagner nicht nötig. Schade drum.
Das Museum in seiner heutigen Form stammt, wie man weiß, von Oswald Haerdtl, wurde 1959 eröffnet und ist ein bescheidenes aber durchaus qualitätsvolles Bauwerk aus der Wiederaufbau-Zeit, zu dessen Vorzügen es zählt, dass es nicht in "spannungsvollen Dialog" mit der benachbarten Karlskirche treten will. Das Haus am Karlsplatz wurde mehrmals behutsam erweitert, etwa durch eine Hofüberdachung.
Bauliche "Signale" zu setzen ist erst in den letzten Jahrzehnten in der Wiener Innenstadt üblich geworden, und so manche Beispiele dieser etwas marktschreierischen Tendenz sind kritisch zu sehen. Beim Museumsquartier war es etwa der sogenannte "Leseturm", ein von Fachleuten als völlig unfunktional beschriebenes Mini-Hochhaus auf etwa 50 Quadratmeter Grundfläche, das der "Zeichensetzung" dienen sollte und das letztlich von Bürgermeister Zilk öffentlichkeitswirksam abgeschafft wurde. Es wird, wie es scheint, hauptsächlich von den beteiligten Architekten vermisst. Bei der Albertina wurde der "Soravia-Wing" als Werbesignal und Markenzeichen des Stararchitekten Hollein angebracht - nicht unbedingt von Begeisterungsstürmen der Fachwelt und des Publikums umtost. Die Neumöblierung des Schwarzenbergplatzes sollte wohl ebenfalls Signalcharakter haben - die Leuchtbänder waren allerdings letztlich nicht realisierbar, und geblieben sind vor allem die exemplarisch plumpen Lichtmasten.
Das von Wolfgang Kos offenbar favorisierte brückenartige Projekt von Henke/Schreieck entspricht leider genau der PR-Logik des bewusst Aufsehen erregenden "Zeichensetzens", wie sie in der Wiener Innenstadt schon mehrfach gescheitert ist und außerdem dem Bestandsschutz als Weltkulturerbe widerspricht. Signalarchitektur, die sich gegenseitig überschreit, ist überhaupt problematisch - insbesondere dann, wenn sie sich im historischen Zentrum zusammendrängt. Es kommt dabei zu einer vulgären Überfrachtung der Innenstadt - während gleichzeitig die neuen Wohn- und Bürozentren an der Peripherie veröden. Es ist beispielsweise ein Armutszeichen für Wien, dass trotz jahrelanger Ankündigungen, auf der Donauplatte eine große Kulturinstitution zu etablieren, bisher nichts dergleichen geschehen ist.
Bürgermeister Häupl neigt, wie es heißt, einem Wien Museum auf der Donauplatte zu, und in dieser ebenso sachlich berechtigten wie wahltaktisch vernünftigen Überzeugung sollte man ihn bestärken. Dort könnte nämlich - als eine weitere, eine ultramoderne Dependance des ohnedies an Standorten reichen Wien Museums, ein neues, lebendiges kulturelles Zentrum geschaffen werden, das Gott sei Dank nicht etablierte Kulturbauten wie das Musikvereinsgebäude oder das Künstlerhaus überschreien muss, um sichtbar zu werden. Und das liebenswerte Stammhaus am Karlsplatz könnte man mehr oder weniger in Ruhe lassen.
Das Wien Museum hat es jedenfalls nicht nötig, krampfhaft nach Aufmerksamkeit zu haschen, weder architektonisch noch sonstwie. Und ein neuer, zusätzlicher Standort in der Donau City wäre eine konstruktivere Herausforderung für Management und Publikum als ein "Aufregerprojekt" in der geschützten Innenstadt. (Robert Schediwy / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.9.2009)