Wiener Staatsoper

Existenzielles Gefühlsbad in der Einkaufswüste

6. September 2009, 20:30

Giacomo Puccinis "Manon Lescaut" zur Saisoneröffnung

Wien - Eine nackte Frau und zwei Männer mit nur notdürftig bedecktem Geschlecht sind auf jenem Riesenbild von Franz West zu sehen, das den Eisernen Vorhang der Staatsoper in dieser Saison ziert. Etliche Opernstoffe, so der knappe Kommentar bei der Präsentation von Drei - Vom Vorgang ins Temperament am Freitagvormittag, umkreisen ähnliche Konstellationen.

Flugs wurde am Abend bei der Saisoneröffnung mit Manon Lescaut der Beweis dafür erbracht. Puccinis Drama variiert das Thema einer Frau zwischen zwei Männern in der Tat auf archetypische Weise. Dass es dem Komponisten wichtig war, mythologische Züge unterzubringen, macht die sonst recht hatscherte Story umgekehrt wiederum ins Allgemeine deutbar.

Regisseur Robert Carsen vermochte in seiner schon bei der Premiere 2005 umstrittenen Inszenierung zu zeigen, dass die Oper nicht auf Rokoko-Kostümchen angewiesen ist, sondern dass der Konsumismus, an dem die Protagonistin krankt, sie mehr mit der Gegenwart verbindet, als manchen lieb sein kann. Mit ihrem Weg vom mondänen Hotel zur abstrahiert-sterilen Schaufenstergalerie (und nicht einfach einem "Einkaufszentrum", wie es aggressive Gegner der Regiearbeit weismachen wollen) wird die Einöde, in der Manon zugrunde geht, drastisch greifbar.

Innerhalb eines prononcierten Ensembles mit Boaz Daniel (Lescaut), Janusz Monarcha (Geronte) und Alexander Kaimbacher (Edmondo) war es wie schon vor vier Jahren Barbara Haveman, die als Manon mit dramatischer Leuchtkraft liebte und litt, während Neil Shicoff als Des Grieux sich schonungslos verausgabte. Noch mit 60 ist der Sänger selbst im stummen Spiel den meisten seiner Kollegen an Intensität und Überzeugungskraft haushoch überlegen.

Das Orchester unter der sicheren Leitung von Paolo Carignani hätte hingegen mehr Hingabe und weniger bloße Lautstärke bieten können. Und auch das, was der Dirigent selbst vorgab, schien weniger zwingend und feurig als bei seinen jüngsten Verdi-Dirigaten an diesem Haus. Ob der Mann zu viel Geschmack und Skrupel hat, eifrig auf Tränendrüsen einzuwirken?

Aus anderen Gründen eine feuchte Angelegenheit wurde jedenfalls die Übertragung ins Freie. Weitere Termine mit Werken von Mozart bis Schostakowitsch folgen aber noch bis Ende Oktober. (Daniel Ender / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.9.2009)

 

Balsamessig
20
Noch mit 60 ist der Sänger stumm seinen jüngeren Kollegen überlegen!

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