Die simplifizierende Doku "Capitalism: A Love Story" kann nicht überzeugen
Im Gegensatz zu "White Material" von Claire Denis.
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"Ich weigere mich, in einem Land wie diesem zu leben, und ich werde es nicht verlassen." Gewohnt kämpferisch beschließt Amerikas populärster Volksanwalt, Michael Moore, seine neueste dokumentarische Bestandsanalyse, "Capitalism: A Love Story".
Auf dem Filmfestival von Venedig, das in diesem Jahr nicht unbedingt durch politischen Kampfgeist auffällt, nimmt man solchen Widerstandsgeist dankbar auf. Da bräuchte es womöglich nicht einmal die Finanzkrise - griffige, bequem konsumierbare Kapitalismuskritik ist am Lido, wo man sich zum postdemokratischen Italien Berlusconis gerne oppositionell verhält, eine sichere Bank. Michael Moore wird geradezu hofiert.
Der populistische Tenor des Films ist mit den ersten Lehrbeispielen vorgegeben: Gleich nach der Vorspannmontage aus Banküberfällen sieht man, wie sich eine Familie im Inneren ihres überschuldeten Hauses verbarrikadiert, während ein Polizeitrupp die Hintertüre aufbricht. Die Gegenseite verkörpert ein slicker Immobilienmakler, der seine Firma nicht ohne Grund nach Geiern benannt hat. Opfer, Täter und Nutznießer sind somit rasch identifiziert.
Moore arbeitet in Capitalism erneut mit allen Registern der filmischen Verführung: Suggestive Archivmontagen, emotionale Einfühlung statt Analysearbeit, "gespielte" Szenen, in denen Moore vor Banken und in der Wallstreet den "Muckraker" mimt und damit seinen Einsatz beglaubigt. Seine Anwaltschaft gilt seit jeher dem verzweifelten Mittelstand, dessen Niedergang er als Verrat und Verkauf amerikanischer Ideale beschreibt. Spätestens seit Ronald Reagan hat sich "corporate America" als heimliche Macht an die Spitze des Establishment gesetzt. Strukturelle Ursachen werden da nur gestreift - wäre ja auch alles viel zu kompliziert!
Messianischer Vermittler
Moores Dilemma ist sein generalisierender Ansatz, er muss notgedrungen arg simplifizieren, um zum Punkt zu kommen. In "Roger & Me" war ein verwandtes Thema noch lokal begrenzt, von Film zu Film wurde sein Anliegen dann immer größer. Nun ist es ein System, das er nur zu erfassen vermag, indem er sich zum messianischen Vermittler eines verschütteten kritischen Bewusstseins stilisiert. Da ist es kein Zufall, dass in "Capitalism: A Love Story" die katholische Kirche für Expertisen herangezogen wird: Kapitalismus - das ist das Böse schlechthin.
"Gott gibt nicht auf" ist in Claire Denis' Wettbewerbsbeitrag "White Material" zwar auch einmal auf einer Kirche zu lesen, aber von Gottesvertretern fehlt längst jede Spur. Der Film spielt - erstmals seit "Chocolat" aus 1988, mit dem Denis debütierte - in Afrika. Und zwar in einem namenlosen Staat (möglicherweise ein Bezug auf Ruanda), in dem gerade ein blutiger Militärputsch tobt. Die meisten Menschen ergreifen die Flucht, nur Maria Vial (Isabelle Huppert) harrt auf ihrer Kaffeeplantage aus, weil sie sich in Afrika nicht mehr als Außenseiterin begreift.
Denis macht aus dem brisanten Stoff keines dieser einschlägigen Politdramen mit einfältigen Rollenmustern, sondern eine faszinierende Meditation über die Widersprüche einer postkolonialen Identität. Mit Maria Vial kreiert sie eine eigensinnige Figur, die sich zwischen allen Fronten bewegt und gegen jede politische Vernunft agiert, als sie noch einem verwundeten Rebellenchef (Isaach De Bankole) Asyl gewährt.
Die Plantage wird zum Schauplatz eines schleichenden Zerfalls, in dem die Ordnung eines labilen Staatsgefüges wie unter Zeitlupe aufbricht. Gesicherte Positionen, politische Gewissheiten sind hier keine mehr möglich. Auch die Familie ist äußerst instabil. Unterstützt von Stuart Staples Score, erschafft Claire Denis Szenen von (alb-)traumähnlicher Intensität. Kindersoldaten schleichen durch die Wohnung und spielen mit den Versatzstücken einer fremden Kultur, eben dem "White Material", bevor sie von den Milizen im Schlaf massakriert werden. (Dominik Kamalzadeh aus Venedig / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.9.2009)