Nachlese 2009

Kapitalismus - für Moore das Böse schlechthin

6. September 2009, 19:39
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    foto: filmfestival venedig

    Seine Anwaltschaft gilt weiterhin dem verzweifelten Mittelstand: Michael Moore in "Capitalism: A Love Story".

     

Die simplifizierende Doku "Capitalism: A Love Story" kann nicht überzeugen

Im Gegensatz zu "White Material" von Claire Denis.

***

"Ich weigere mich, in einem Land wie diesem zu leben, und ich werde es nicht verlassen." Gewohnt kämpferisch beschließt Amerikas populärster Volksanwalt, Michael Moore, seine neueste dokumentarische Bestandsanalyse, "Capitalism: A Love Story".

Auf dem Filmfestival von Venedig, das in diesem Jahr nicht unbedingt durch politischen Kampfgeist auffällt, nimmt man solchen Widerstandsgeist dankbar auf. Da bräuchte es womöglich nicht einmal die Finanzkrise - griffige, bequem konsumierbare Kapitalismuskritik ist am Lido, wo man sich zum postdemokratischen Italien Berlusconis gerne oppositionell verhält, eine sichere Bank. Michael Moore wird geradezu hofiert.

Der populistische Tenor des Films ist mit den ersten Lehrbeispielen vorgegeben: Gleich nach der Vorspannmontage aus Banküberfällen sieht man, wie sich eine Familie im Inneren ihres überschuldeten Hauses verbarrikadiert, während ein Polizeitrupp die Hintertüre aufbricht. Die Gegenseite verkörpert ein slicker Immobilienmakler, der seine Firma nicht ohne Grund nach Geiern benannt hat. Opfer, Täter und Nutznießer sind somit rasch identifiziert.

Moore arbeitet in Capitalism erneut mit allen Registern der filmischen Verführung: Suggestive Archivmontagen, emotionale Einfühlung statt Analysearbeit, "gespielte" Szenen, in denen Moore vor Banken und in der Wallstreet den "Muckraker" mimt und damit seinen Einsatz beglaubigt. Seine Anwaltschaft gilt seit jeher dem verzweifelten Mittelstand, dessen Niedergang er als Verrat und Verkauf amerikanischer Ideale beschreibt. Spätestens seit Ronald Reagan hat sich "corporate America" als heimliche Macht an die Spitze des Establishment gesetzt. Strukturelle Ursachen werden da nur gestreift - wäre ja auch alles viel zu kompliziert!

Messianischer Vermittler

Moores Dilemma ist sein generalisierender Ansatz, er muss notgedrungen arg simplifizieren, um zum Punkt zu kommen. In "Roger & Me" war ein verwandtes Thema noch lokal begrenzt, von Film zu Film wurde sein Anliegen dann immer größer. Nun ist es ein System, das er nur zu erfassen vermag, indem er sich zum messianischen Vermittler eines verschütteten kritischen Bewusstseins stilisiert. Da ist es kein Zufall, dass in "Capitalism: A Love Story" die katholische Kirche für Expertisen herangezogen wird: Kapitalismus - das ist das Böse schlechthin.

"Gott gibt nicht auf" ist in Claire Denis' Wettbewerbsbeitrag "White Material" zwar auch einmal auf einer Kirche zu lesen, aber von Gottesvertretern fehlt längst jede Spur. Der Film spielt - erstmals seit "Chocolat" aus 1988, mit dem Denis debütierte - in Afrika. Und zwar in einem namenlosen Staat (möglicherweise ein Bezug auf Ruanda), in dem gerade ein blutiger Militärputsch tobt. Die meisten Menschen ergreifen die Flucht, nur Maria Vial (Isabelle Huppert) harrt auf ihrer Kaffeeplantage aus, weil sie sich in Afrika nicht mehr als Außenseiterin begreift.

Denis macht aus dem brisanten Stoff keines dieser einschlägigen Politdramen mit einfältigen Rollenmustern, sondern eine faszinierende Meditation über die Widersprüche einer postkolonialen Identität. Mit Maria Vial kreiert sie eine eigensinnige Figur, die sich zwischen allen Fronten bewegt und gegen jede politische Vernunft agiert, als sie noch einem verwundeten Rebellenchef (Isaach De Bankole) Asyl gewährt.

Die Plantage wird zum Schauplatz eines schleichenden Zerfalls, in dem die Ordnung eines labilen Staatsgefüges wie unter Zeitlupe aufbricht. Gesicherte Positionen, politische Gewissheiten sind hier keine mehr möglich. Auch die Familie ist äußerst instabil. Unterstützt von Stuart Staples Score, erschafft Claire Denis Szenen von (alb-)traumähnlicher Intensität. Kindersoldaten schleichen durch die Wohnung und spielen mit den Versatzstücken einer fremden Kultur, eben dem "White Material", bevor sie von den Milizen im Schlaf massakriert werden. (Dominik Kamalzadeh aus Venedig / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.9.2009)

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1 2 3
was weiß ich
00
10.9.2009, 22:18
der guardian ist da anderer meinung

http://bit.ly/dVPBM

Al Berto
21

gestern in venedig: vaporetto für einheimische 1,50, für touristen 6,50. italien wäre ja ok, wenn die italiener nicht wären.

leaping frog
00
italiener sind die volle abzocker pur.

früher waren sie weltspitze bgzl. qualität & geschmack.

Andrea012
00
suprise, suprise

also mich überrascht es auch nicht, dass der film schlecht abgeschnitten hat. wenn das meiste nur gespielt ist .... es wundert mich allerdings warum der film als dokumentarfilm bezeichnet wird.

hätte noch eine frage. habe kürzlich im MQ so Sticker auf den Enzis kleben sehen auf denen ein fingerabdruck mit den worten "What color is your life?" war. Weiß jemand zufällig was diese Sticker zu bedeuten haben.

Longyearbyen
 
03
"Kapitalismus - für Moore das Böse schlechthin"

Bei dem reißerischen Aufmacher kann der Moore noch Nachhilfeunterricht beim Autor nehmen.

soki3456
09
und umgekehrt

wenn Regierungen und Konzerne für Krieg und andere Grauslichkeiten eintreten, ziehen sie alle Register der Manipulation: jegliches Know-How aus den Wissenschaften zur Beeinflussung der Entscheidung des Souveräns wird kaltschnäuzig verwendet. Das ist so das regt keinen mehr auf.
Wenn nun einer diese manipulativen Mittel für IMHO gute Zwecke verwenet, dann gibts einen methodologischen Aufschrei der akademischen Kaste. Das ist doch wirklich spannend!
Welche Ziele verfolgt diese Kaste:
1. Gesellschaftskritk ist unser Monopol und wir wollen uns als die kritischen im kleinen Kreis selbst sagen wie fürchterlich komplex und schlimm doch alles ist,
2. Sie haben Angst, dass es wirklich zu einem Aufstand kommt.

leaping frog
00
also ich bin definitiv kein "revoluzer"

aber ich finde moores polemische vorgehensweise voll legitim, wenn man sieht wie polemisch die "offizielle" quellen sind.

byron sully
02
überrascht mich nicht,

ich schätze zwar michael moore als politischen menschen und teile viele seiner ansichten. als regisseur find ich ihn aber nicht unbedingt grandios. sowohl "bowling for columbine" als auch "fahrenheit 9/11" haben - trotz meiner grundlegenden sympathie für deren botschaften -als dokumentarfilme große schwächen.

Stephen Ferrando
03
Der Zweck heiligt die Mittel

was ist schon dabei die Waffen närrischen Amerikaner vorzuführen was für Schaden damit angerichtet werden.

Oder wie ineffizient und asozial ihr eigenes Gesundheitssystem ist, und das ein soziales Staatliches System sehr gut funktionieren kann und sogar kostengünstiger ist.

Oder das der ungezügelte Kapitalismus ohne regulierung doch nicht für wohlstand für jeden sorgt und deregulierung nicht das allheilmittel ist.

Wenn man diese Themen jetzt stark fachlich und nüchtern behandelt dann kommt dieser Film bei den liberalen intellektuellen an die es sowieso schon verstanden haben.

22% der amerikaner glauben das sich die sonne um die erde dreht.

Timagoras
 
00
"22% der amerikaner glauben das sich die sonne um die erde dreht"


genau!

und alle nichtamerikaner wissen ganz genau, wie es wirklich ist.

tja .... ;o)

Friedrich Gruber
43
Der Moore Michael hat immer schon

Fakten mit frei Erfundenem übel vermischt und seine Anhänger-Netzwerke hielten das seltsamerweise für eine echte Dokumentation. Es gibt übrigens in der Politik und ihrer Berichterstattung reichlich Nachahmer dieser üblen Manipulationsmethode - vor allem auch in Österreich.

the lawyer
03

Genau, in Ö sitzen sie im Parlament und in der Redaktionszentrale von Krone, Österreich und Heute!

Olivio Tasso
52
Könnte vielleicht nicht

Michael Moore "das Böse schlechthin" sein? "Manufacturing Dissent" [http://www.imdb.com/title/tt0961117/] ist eine ziemlich "entzaubernde" Doku über Michael Moore.

Mucosaprolaps
06

War nicht damit zu rechnen, dass sich Ultrakonservative an Moore mit dessen eigenen Methoden rächen? Aus derselben Ecke gibt es auch Produktionen, die den Irakkrieg bejubeln, vor einer UNO-Invasion in den USA warnen, die Klimaveränderung als Märchen abtun oder bestreiten, dass Zigaretten irgendetwas verursachen als Arbeitsplätuze, Gesundheit und frischen Atem.

Walter KURTZ
 
00

Seit wann sind kanadische - selbstdeklarierte - Linke Ultrakonservative?
Der Herr arbeitet einfach mit miesen Tricks und benützt nun sein Image um mit manipulativen Filmen haufenweise Geld zu scheffeln.

yanoosh
04

Polemik ist die Waffe der Wahrhaftigkeit gegen die Kaltschnäuzigkeit der Lügen. {Elmar Kupke}

Dr. Lari and Mr. Fari
 
98
Ohne Kapitalismus häütt der verlogene Hund

ka Geld füpr seien Filme und findert keine Vorführorte. SO schauz nämlich aus.

Fra Diavolo
03

Ohne Kapitalismus bräuchte er diese Filme gar nicht zu machen.

Prostetnik Vogon Jeltz
510
Ohne Kapitalsmus müsstest du bei gleichem Einkommen nur 20 statt 40 Stunden pro Wochen hackeln gehen.



Mit den überflüssigen 20 Stunden finanzierst nämlich DU u.a. die Filme und Vorführorte sowie die Prachtvillen und Luxusyachten der Besitzer von Produktionsfirmen und Kinoketten - alles klar?


Des weiteren:

Ohne Kapitalismus gäbe es...

...keine Migration.

...keine Armut.

...keine Hungerregionen.

...keine Kriege.

usw., usf.


Und:

Sofern du nicht von den Erträgen deines Kapitals in Saus und Braus leben kannst - lieber Freund, du wirst permanent verarscht und weißt es nicht einmal.


P.S.:

Diese Information ist GRATIS!

guzo
00
Wenn es keine Migration gäbe,

wäre ich jedoch konsequenter Befürworter des Kapitalismus. Bin ich aber nicht.

Bedenken Sie nur: Mit all diesen ÖsterreicherInnen, ihrer Hosenschei*er-Mentalität und ihrer ""Kultur"" alleine in einem Land! UNPACKBAR!!!!

Schmierfink Hannes
10

Ohne Kapitalismus gäbe es...

...keine Migration.
...keine Armut.
...keine Hungerregionen.
...keine Kriege.
usw., usf.

tja, dann erzählen sie das mal den chinesen und sagen sie ihnen, sie sollen wieder zu den glanzzeiten maos zurückkehren. ich garantiere ihnen man wird sie teeren und federn.

klar der kapitalismus ist an allem schuld und die DDR war das paradies auf erden???

Schmierfink Hannes
20

Im Kommunimsus müsstest du bei gleichem Einkommen 80 statt 40 Stunden pro Wochen hackeln gehen.


Fra Diavolo
02

Die Welt ist nicht Schwarzweiß. Und Kommunismus ist nicht die einzige Alternative zum Kapitalismus, Du Pinsel.

Timagoras
 
00
"Ohne Kapitalismus gäbe es... ...keine Migration. ...keine Armut. ...keine Hungerregionen. ...keine Kriege. usw., usf. "


also das paradies auf erden.

genau!

btw.: was finden Sie an migration so schlimm?
und Sie glauben allen ernstes, dass es migration in "vorkapitalistischer zeit" nicht gab?

migration gibt es, seit es lebewesen gibt, die sich fortbewegen können - und das ist auch gut so.


Jr Ewing
00

Diese Antwort ist eher umsonst als gratis.

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