Impfen oder nicht impfen gegen das Grippevirus H1N1 - Experten sind sich uneinig
Es ist ein Dilemma, weil die internationalen Behörden vom Katastrophenfall ausgegangen sind. Wäre das Grippevirus H1N1 tatsächlich Auslöser einer hochaggressiven Grippe wie etwa H5N1 gewesen, wäre jetzt Gefahr in Verzug. Der Schulanfang und der Beginn der kühleren Jahreszeit begünstigen die Ausbreitung. Allein: Die Schweinegrippe ist vergleichsweise harmlos - ein bisschen Fieber, Halsweh, mehr nicht.
"Über die beste Immunität werden jene verfügen, die diese leichte Grippe durchgemacht haben", sagt Wolfgang Granninger; Leiter der Abteilung für Klinische Infektiologie am Wiener AKH. Sollten sich die Menschen impfen lassen? "Ich bin ein Befürworter von Impfungen, wenn damit schwere Krankheiten vermieden werden können, doch gegen das Grippevirus H1N1 würde ich meine Kinder nicht impfen lassen", sagt Granninger. Sein größtes Bedenken: das Expressverfahren, mit dem der Impfstoff zugelassen wird. "Wie lassen sich in so kurzer Zeit die Nebenwirkungen der Impfung herausfinden?", fragt er.
Bedenken, die Marcus Müllner, Leiter der für die Zulassung zuständige Behörde Ages PharmMed, zerstreut. In Österreich erzeugt die Pharmafirma Baxter den Impfstoff, "da haben wir Erfahrungen durch die saisonalen Impfungen", sagt Müllner und erklärt, dass in den neuen Zellkulturverfahren nur mehr der Virusstamm ausgetauscht wird. Es funktioniere "wie in einem Baukastensystem". Als ehemaliger Arzt rät er zur Impfung. "Es ist ein Abwägen von Risiko und Nutzen," erklärt er die überaus schwierige Aufgabe, die aus Sicht eines für Public Health Verantwortlichen klar zu beantworten ist: "Jedes einzelne Opfer des H1N1-Virus ist zu viel, wenn es zu vermeiden ist."
Bei der Ages PharmMed prüft man derzeit die für die Immunisierung nötige Impfdosis. "Wegen des milden Verlaufs kann es sein, dass nur eine und nicht zwei notwendig sein werden", so Müllner. Mitte September soll das Verfahren abgeschlossen sein.
Wolfgang Granninger ist auf die Impfempfehlungen gespannt: Neben medizinischem Personal sollen Kinder und Schwangere Priorität haben, "an diesen Bevölkerungsgruppen sind die Impfstoffe in diesem Zulassungsverfahren aber sicherlich nie getestet worden", sagt der Infektiologe und bleibt dabei: "Eine Impfaktion ist in erster Linie für die Pharmawirtschaft eine gute Sache." (Karin Pollack/DER STANDARD, Printausgabe, 7. September 2009)