Was war vor der Minarett-Debatte? Ein Fotoessay zeigt, wie Moscheen in Deutschland Teil des Stadtbilds wurden - und was Österreich davon lernen könnte
„Moschee adé“: Die Antwort mancher AnrainerInnen war heftig, als eine kleine Moschee in der Wiener Dammstraße beschloss, ihre Gemeinschaftsräume auszubauen. Dass sich an der Größe des Gebetsraumes gar nichts ändern sollte, war der Gegnerschaft egal: Kein Quadratmeter mehr für Menschen mit der „falschen“ Religion – so schien die Devise zu lauten.
Auch in Pforzheim gibt es eine Dammstraße. Auch hier steht eine Moschee – mit Kuppel und Minarett, und das seit fast zwanzig Jahren.
„Es war damals selbstverständlich“, sagt der Kulturhistoriker Christian Welzbacher, der zur Eröffnung der Ausstellung „Moscheen in Deutschland“ am Freitag im Wiener Architekturzentrum referierte. Dietmar Steiner, Chef des Architekturzentrums, erinnert an Zeiten, da Richard Lugners Baufirma mit dem Spruch „Wir bauen nicht nur Moscheen“ für sich warb. Dass er als Baumeister für Wiens ersten klassischen Moscheebau am Floridsdorfer Hubertusdamm fungierte, schien Lugner eine Auszeichnung zu sein, mit der er sich allzu gern schmückte.
"Kulturkampf" in Bad Vöslau
Das war vor 25 Jahren. Spätestens seit dem 11. September 2001, so Welzbacher, würden Moscheen mit Bedeutungen überfrachtet. Er nimmt ein Beispiel aus Niederösterreich: Bad Vöslau, wo im Herbst eine neue Moschee eröffnet werden soll, stehe geradezu „pars pro toto für den clash of civilizations“, meint Welzbacher. „Das ist, wie mit Kanonen auf Spatzen zu schießen.“
Die Ausstellung „Moscheen in Deutschland“ ist nicht nur für Architekturinteressierte spannend. Ein Foto zeigt einen Tourismusbus in Hamburg, dessen „City Tour“ auch zur einer kleinen Moschee führt. Der Bau stammt aus dem Jahr 1960 – zu einer Zeit, da die Arbeitsmigration aus der Türkei und aus Bosnien gerade erst richtig begonnen hatte und niemand wirklich damit rechnete, dass die GastarbeiterInnen hierbleiben würden. Heute, fünfzig Jahre später, ist die Hamburger Moschee selbstverständlicher Teil der urbanen Architektur. Gleichzeitig wurde auch hier nie so viel über neue Moscheebauten gestritten wie heute.
Was auffällt, ist, dass nur wenige Moscheebauten zeitgenössischen Architekturstilen folgen. „Außen Kuppel und Minarett, innen florale Dekoration“ – so beschreibt Welzbacher das gängige Moschee-Modell in Deutschland. Er habe sich gefragt, warum das so sei, sagt Welzbacher, und habe mehrere Antworten gefunden: Einerseits ließen vor allem nichtmuslimische ArchitektInnen ihre persönlichen Islam-Klischees einfließen: Orientalismus, der lieber Moscheebauten aus dem 16. Jahrhundert zitiert, als neue, reduzierte Formen zu wählen, zeigt, wie sehr europäische, nichtmuslimische ArchitektInnen den Islam immer noch im Orient verorten.
Die Politik im Minarett
Andererseits stehe vor allem bei türkischen Gemeinden in Deutschland ein klarer, politischer Auftrag dahinter: Da an öffentliche Gelder oder große Spendensummen schwer heranzukommen sei, wären kleine türkischstämmige Gebetsgemeinschaften gezwungen, sich an die staatliche Religionsbehörde in Ankara zu wenden. Und dieses stelle Geld bereitwillig zur Verfügung – und verwende so „die Religion als Vehikel, die politischen Ziele eines laizistischen Staates unter Umgehung diplomatischer Beziehungen zu erreichen“, so formuliert es Welzbacher. Das Minarett als politisches Symbol - allerdings nicht als Ausdruck eines politischen Islam, sondern einer türkisch-nationalistischen Außenpolitik. Und das gilt wiederum nur für bestimmte türkische Vereine.
Es gibt aber auch andere Beispiele. So der moderne Moscheebau in Penzberg, einer 16.500-Seelen-Gemeinde in Oberbayern (siehe Ansichtssache). Ein Cubus ohne Kuppel, ein quaderförmiges Minarett, das nicht auf den ersten Blick als solches wahrnehmbar ist – man könnte meinen, solche Formsprache würde MoscheegegnerInnen eher entgegen kommen als die klassische Bauform. Irrtum: Auch hier sei bald unterstellt worden, die Penzberger Gemeinde hätte sich nur deshalb für den modernen Stil entschieden, um ihre wahren, konservativistischen Ideale zu verschleiern.
"Muslimensteuer"
Moscheen werden zu einer bedeutenden europäischen Baugattung werden: Das steht für Welzbacher, dessen Buch „Euroislam-Architektur. Die neuen Moscheen des Abendlandes“ im Vorjahr erschienen ist, fest. Um das architektonische Potenzial auszureizen, braucht es jedoch Finanzierung, die einerseits ermöglicht, erfahrene ArchitektInnen beizuziehen, und andererseits politische Einflussnahme verhindert. Eine geregelte finanzielle Basis für muslimische Gemeinden, etwa in
Form einer an den Kirchenbeitrag angelehnten „Muslimensteuer“, würde
den Gläubigen helfen, sich nicht von Spendengebern aus der Türkei oder
aus der arabischen Welt abhängig machen zu müssen, meint Welzbacher.
Fotograf Wilfried Dechau hatte acht Wochen Zeit bekommen, um sein Bildessay über Moscheen in Deutschland zu vervollständigen. Von der umgebauten Autowerkstätte bis hin zur hypermodernen Moschee in Penzberg: Dechau gelang ein Abriss, der auf kleinstem Raum zeigt, dass es „den Islam“ in Europa nicht gibt. Auf AusstellungsbesucherInnen, so hofft Welzbacher, könnten die Bilder nachhaltigen Einfluss haben. Und zwar dann, wenn sie bewirken, „dass sich die Menschen auch einmal in eine Wiener Moschee hineintrauen. Und dass sie dann bemerken: Hoppla, mir passiert hier ja gar nix.“ (Maria Sterkl, derStandard.at, 6.9.2009)
Moscheen in Deutschland:
Ein Fotoessay von Wilfried Dechau
mit Modellen und Plänen neuerer Moscheen.
Architekturzentrum Wien - Halle F3
5. September 2009 - 21. September 2009, täglich 10:00 - 19:00 Uhr
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Architekturzentrum Wien