Experiment

Menschen im Schwarm verhalten sich wie Fische

06. September 2009 15:59

Computersimulationen durch realen Versuch bestätigt: Es bedarf nur fünf Personen, um hundert zu lenken

Berlin - Fische und Menschen haben, was ihr Verhalten betrifft, mehr gemeinsam als man vermuten mag. Treten beide Spezies in Schwärmen auf, so benehmen sich beide nach ganz ähnlichen Gesetzmäßigkeiten. Jens Krause vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei berichtet in der Zeitschrift Philosophical Transactions of the Royal Society B wie eine größere Menschenmenge von nur wenigen Individuen in ihrer Bewegung wesentlich beeinflusst werden kann. "Es ist eine Illusion zu glauben, dass der Mensch sein Verhalten nur aufgrund von Informationen aus Wörtern oder Gesten anderer ausrichtet. Oft kopieren wir das Verhalten anderer, sei es bewusst oder unbewusst", so der Berliner Wissenschafter.

Es braucht bloß fünf bis zehn Prozent der Individuen einer Gruppe, um diese in eine bestimmte Richtung zu lenken. Was zuvor in Computersimulationen getestet wurde, bestätigte ein Experiment, das Krause bereits vor zwei Jahren mit Unterstützung eines Fernsehsenders durchführte und dessen Auswertung nun vorliegt. Über 200 Menschen wurden damals angeleitet, in normaler Geschwindigkeit durch eine Halle zu gehen und dabei in der Gruppe zu bleiben.

Verteilung maßgeblich

Ohne dass dies die anderen wussten, hatte man zuvor zehn Menschen angewiesen, einen bestimmten Punkt anzusteuern. Das reichte tatsächlich aus, um die gesamte Menge dorthin zu lotsen. "Wir erkannten dabei, dass die Verteilung eine Rolle spielt. Sind die informierten Personen gleichmäßig verteilt, erhöhen sie damit die Kontaktfläche und können die Gruppe relativ gut steuern. Persönliche Führungseigenschaften spielen hingegen kaum eine Rolle", so Krause.

Nutzen kann dieses Wissen überall dort bringen, wo sich Menschen in größeren Gruppen bewegen. Weitere Experimenten zeigten etwa, dass zur schnellen Evakuierung von Gebäuden und Plätzen informierte Personen die Menge dann am besten leiten können, wenn sie sich an deren Mitte oder Rand befinden. "Die Polizei berichtete als Reaktion auf das Fernsehexperiment, dass die Ergebnisse für die Kontrolle von Demonstrationen von Nutzen sein können. Der Prozentsatz von ursprünglich gewaltbereiten Demonstranten ist oft nur sehr klein, doch andere kopieren ihr Verhalten. Identifiziert man die kleine Gruppe, kann dadurch der Übersprung des Verhaltens viel eher verhindert werden", berichtet Krause.

Relevanz hat das Schwarmverhalten weiters in der Architektur, wenn etwa Fußballstadien oder U-Bahn-Stationen geplant werden. Schließlich glauben sogar Historiker, aufgrund der Erkenntnisse den Verlauf von längst vergangenen Schlachten besser rekonstruieren zu können.

Kopieren von Verhalten als Erfolgsstrategie

Doch auch im Alltag könne man laut Krause diesen Schwarmeffekt überall beobachten, wo sich Menschen in Mengen aufhalten. "Ohne dass Worte nötig wären, leiten wir etwa bei Großveranstaltungen vom Verhalten der anderen ab, wohin wir uns bewegen, ob es schon Zeit zum Einfinden ist oder ob eine Mahlzeit angesagt ist. Oder wer mit anderen Personen im Aufzug fährt, steigt häufig unbewusst mit ihnen aus, obwohl er noch nicht angekommen ist." Da sich das Kopieren des Verhaltens anderer meist als Erfolgsstrategie gezeigt habe, erfolge meist zuerst die Reaktion auf andere und dann erst die Reflexion dieses Verhaltens. "Das Kopieren ist seit langem ein wichtiger Informationsfluss und kann bei vielen Wirbeltieren beobachtet werden."

Der Ausgangspunkt für diese Beobachtung stammt aus dem Tierreich. Fische flitzen blitzschnell durch das Wasser und ändern schlagartig ihre Richtung, ohne dabei zusammenzustoßen. Was das menschliche Auge nicht wahrnehmen kann, offenbaren erst Hochgeschwindigkeitskameras. Der Richtungswechsel erfolgt nicht gleichzeitig, sondern einige wenige Fische beginnen und die anderen folgen in extrem kurzen Zeitabstand. "Auch hier spielen Zahlenverhältnisse eine Rolle", erklärt der Berliner Wissenschaftler.

Da einzelne Fische kaum auf das Ansteuern eines Ziels trainiert werden können, setzte Krause einen Roboterfisch ein, der einen Weg mit einem gefährlichen Räuber einschlug, obwohl es eine sichere Wegalternative gab. "Ein einzelner Fisch folgt dem Robofisch auf dem gefährlichen Weg, ein Schwarm nimmt hingegen den sicheren Weg." (red/pte)


Abstract
Philosophical Transactions of the Royal Society B: Leadership, consensus decision making and collective behaviour in humans

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 44
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Harabeli
14.09.2009 16:28

also, ehrlich.. so ne wissenschaft... hoffentlich ist der wissenschaft klar, dass im gegensatz ztu fischen menschen können sich artikulieren. mensch... vergleich hinkt gealtig.

Saskia Fabian
 
10.09.2009 11:23
ein wichtiger beitrag zum verständnis von religiösem fanatismus und faschismus

verteile ein paar missionare gut oder ein paar parteifunktionäre und die masse bewegt sich dorthin

das kleine Maßnahmenpaket
08.09.2009 16:42

Seltsam, mir kommt vor, das wurde schon längst bewiesen, und zwar von Wissenschaftlern die mit freiwilligen "echten" Akteuren arbeiten konnten. Aber wenns dann der Computer sagt...dann stimmts natürlich ;-)

phaidros
09.09.2009 19:27
manchmal hilfts, den artikel, zu dem man seinen senf beigibt, auch zu lesen,

zumindest die ueberschrift.

falls sie es nicht finden sollten, hier der hinweis:

"Computersimulationen durch realen Versuch bestätigt"

martinus
 
15.09.2009 15:46

wenn den artikel nur 5 leute lesen, sollt's doch reichen.

sag mir alles
09.09.2009 00:18
in früheren experimenten

hat man kügelchen genommen - heute vergleich mit fischen - was einem quantensprung nachkommt.

phaidros
09.09.2009 19:28

das schwarmverhalten von kuegelchen :-)

lebewesen, glasmurmeln, eh alles dasselbe?

Anschauungsunterricht Leben
07.09.2009 17:13

Interessant finde ich va ja, dass man dieses Verhalten auch mit sehr simplen Agenten am Computer nachspielen kann. Wenn sich künstliche neuronale Netze (die im Prinzip ja deterministisch handeln) so benehmen wie Menschen, dann könnte man ja nochmal die Frage stellen, wie das mit Bewusstsein und freiem Willen eigentlich so ist...

Joe Bazooka
 
07.09.2009 18:46
ja ja

Ist der Wille frei, was unterscheidet Mensch und Tier, wo sitzt das Ich, woher kommt es, wohin geht es, gibt es ein ewiges Leben, existiert Gott...? -Denken Sie noch ein Mal darüber nach, ob das überhaupt ein naturwissenschaftliches Sujet ist. Wollen Sie das tun?

phaidros
09.09.2009 19:35
sie haben schon recht.

aber grenzziehungen sind heikel.
ist die theoretische physik naturwissenschaft oder philosophie? wie siehts mit verhaltensforschung aus? mit evolutiosbiologie? das sind alles bereiche, die grundsaetzlicher reproduzierbarkeit und experimentaler basis nicht allzu nahe oder sogar ziemlich fern stehen, und doch werden sie mit guten gruenden in die nawi gerechnet.

dass alles das, was sie aufgezaehlt haben, sehr wohl naturwissenschaftliches sujet sein kann (ist es in der tat), schliesst nicht aus, dass die naturwissenschaftlichen ergebnisse auf grund dieser fragestellungen nicht endgueltig oder letztgueltig sind.

was spricht dagegen, den unterschied zw mensch und tier (auch) biologisch zu definieren, als genetischen zb?

Joe Bazooka
 
10.09.2009 14:30

Reproduzierbarkeit gehört zur Definition des Bios. Es geht mir doch nicht um eine Schubladisierung; jede Wissenschaft kann zu einer Fragestellung einen Beitrag leisten, sobald sie in ihren Erfahrungsbereich fällt. Aber darum ist z.B. Physik noch keine Philosophie. Als Philosophie müsste sie integrativ arbeiten, was nicht geht, weil sie als Naturwissenschaft an ihren Erfahrungsbereich gehalten ist. Und dieser Bereich ist durch endliche Begriffe erschlossen: es gibt keine theoriefreie Erfahrung. Deshalb versteht z.B. kaum jemand, was im CERN geschieht: uns fehlen dazu die Begriffe. Mit denen kann man andererseits nicht philosophieren. Der freie Wille z.B. kommt darin nicht vor. Es geht also um gar keine künstliche Grenzziehung, wie Sie sehen.

AlterEgo
 
08.09.2009 22:11

Ach, Teile davon fallen sicher in den NaWi Bereich.

Schurke!
07.09.2009 16:02
sheeple


/\___
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t 3
 
07.09.2009 18:32
netter

versuch...

mikromalist
 
07.09.2009 15:53
Verhalten?

Schwarm: so distanziert, wie möglich - so eng, wie notwendig (aus dem Distanzgefühl umschiffte ein Schwarm jedes Hindernis, ohne Befehle).
Herde: so eng, wie möglich - so distanziert, wie notwendig (aus der Distanzangst, entsteht Stillstand oder gesteuert in den Abgrund)
Deshalb entspringt Schwarmintelligenz der Weisheit der Vielen. Herden klammern sich an die Goofheit der Engstirnigen.

m m 10
07.09.2009 15:21
Oder wer mit anderen Personen im Aufzug fährt, steigt häufig unbewusst mit ihnen aus, obwohl er noch nicht angekommen ist.

ok... muss ich mir jetzt sorgen machen? das ist mir noch nie passiert und ich fahre tägl. öfters mit dem aufzug...

Helicopterman
07.09.2009 13:36
Nicht wirklich verwunderlich,

schliesslich kamen unsere Vorfahren auch mal aus dem Wasser.

phaidros
09.09.2009 19:38

eine etwas weit hergeholte erklaerung, finden sie nicht?

Finn McCool
07.09.2009 12:51
"Oder wer mit anderen Personen im Aufzug fährt, steigt häufig unbewusst mit ihnen aus, obwohl er noch nicht angekommen ist."

Ja so gehts mir auch dauernd! Letztens erst bin ich unbewußt in einen fast 1km entfernten Gastgarten gegangen und hab mir dort unbewußt mehrere Krügerl bestellt, obwohl ich eigentlich in der Arbeit eine wichtige Besprechung gehabt hätte.

Wahrscheinlich bin ich wieder unbewußt jemandem gefolgt, obwohl bewußt wahrgenommen habe ich ihn/sie natürlich nicht.

Cuchullain
07.09.2009 12:07
Diesen Artikel bitte auch zum Ressort "Politik" und "Wirtschaft" verlinken!

Am besten zum Artikel "heißer Herbst - Lohnverhandlungen" und "Wirtschaftskrise": vielleicht geht dann was weiter!

Castanaro
 
07.09.2009 12:07

Ich fürchte das geht noch viel weiter. Wahrscheinlich steuern auch ca 5-10% den Rest des Menschenschwarmes geistig. Aber das wird natürlich einer Mehrheit immer überzogen vorkommen ;)

Hans Müller1
 
09.09.2009 18:05
so what?

halvar van flake
09.09.2009 11:14
ich glaub eher es sind 5-10 promille.

Anschauungsunterricht Leben
07.09.2009 17:20

Viel schlimmer ist, dass nicht einmal diese 5-10% ihr steuerndes Verhalten immer bewusst steuern können...

Castanaro
 
08.09.2009 11:31

Ja und nein. "bewusst" ist ein Gummiparagraph, denn es gibt jedenfalls unterschiedliche Evolutionsgrade des Bewusstseins bzw. der Intelligenz. Tatsächlich ist aber eine relativ hoher keine Voraussetzung für eine steuernde Funktion.

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