Menschen im Schwarm verhalten sich wie Fische

Computersimulationen durch realen Versuch bestätigt: Es bedarf nur fünf Personen, um hundert zu lenken

Berlin - Fische und Menschen haben, was ihr Verhalten betrifft, mehr gemeinsam als man vermuten mag. Treten beide Spezies in Schwärmen auf, so benehmen sich beide nach ganz ähnlichen Gesetzmäßigkeiten. Jens Krause vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei berichtet in der Zeitschrift Philosophical Transactions of the Royal Society B wie eine größere Menschenmenge von nur wenigen Individuen in ihrer Bewegung wesentlich beeinflusst werden kann. "Es ist eine Illusion zu glauben, dass der Mensch sein Verhalten nur aufgrund von Informationen aus Wörtern oder Gesten anderer ausrichtet. Oft kopieren wir das Verhalten anderer, sei es bewusst oder unbewusst", so der Berliner Wissenschafter.

Es braucht bloß fünf bis zehn Prozent der Individuen einer Gruppe, um diese in eine bestimmte Richtung zu lenken. Was zuvor in Computersimulationen getestet wurde, bestätigte ein Experiment, das Krause bereits vor zwei Jahren mit Unterstützung eines Fernsehsenders durchführte und dessen Auswertung nun vorliegt. Über 200 Menschen wurden damals angeleitet, in normaler Geschwindigkeit durch eine Halle zu gehen und dabei in der Gruppe zu bleiben.

Verteilung maßgeblich

Ohne dass dies die anderen wussten, hatte man zuvor zehn Menschen angewiesen, einen bestimmten Punkt anzusteuern. Das reichte tatsächlich aus, um die gesamte Menge dorthin zu lotsen. "Wir erkannten dabei, dass die Verteilung eine Rolle spielt. Sind die informierten Personen gleichmäßig verteilt, erhöhen sie damit die Kontaktfläche und können die Gruppe relativ gut steuern. Persönliche Führungseigenschaften spielen hingegen kaum eine Rolle", so Krause.

Nutzen kann dieses Wissen überall dort bringen, wo sich Menschen in größeren Gruppen bewegen. Weitere Experimenten zeigten etwa, dass zur schnellen Evakuierung von Gebäuden und Plätzen informierte Personen die Menge dann am besten leiten können, wenn sie sich an deren Mitte oder Rand befinden. "Die Polizei berichtete als Reaktion auf das Fernsehexperiment, dass die Ergebnisse für die Kontrolle von Demonstrationen von Nutzen sein können. Der Prozentsatz von ursprünglich gewaltbereiten Demonstranten ist oft nur sehr klein, doch andere kopieren ihr Verhalten. Identifiziert man die kleine Gruppe, kann dadurch der Übersprung des Verhaltens viel eher verhindert werden", berichtet Krause.

Relevanz hat das Schwarmverhalten weiters in der Architektur, wenn etwa Fußballstadien oder U-Bahn-Stationen geplant werden. Schließlich glauben sogar Historiker, aufgrund der Erkenntnisse den Verlauf von längst vergangenen Schlachten besser rekonstruieren zu können.

Kopieren von Verhalten als Erfolgsstrategie

Doch auch im Alltag könne man laut Krause diesen Schwarmeffekt überall beobachten, wo sich Menschen in Mengen aufhalten. "Ohne dass Worte nötig wären, leiten wir etwa bei Großveranstaltungen vom Verhalten der anderen ab, wohin wir uns bewegen, ob es schon Zeit zum Einfinden ist oder ob eine Mahlzeit angesagt ist. Oder wer mit anderen Personen im Aufzug fährt, steigt häufig unbewusst mit ihnen aus, obwohl er noch nicht angekommen ist." Da sich das Kopieren des Verhaltens anderer meist als Erfolgsstrategie gezeigt habe, erfolge meist zuerst die Reaktion auf andere und dann erst die Reflexion dieses Verhaltens. "Das Kopieren ist seit langem ein wichtiger Informationsfluss und kann bei vielen Wirbeltieren beobachtet werden."

Der Ausgangspunkt für diese Beobachtung stammt aus dem Tierreich. Fische flitzen blitzschnell durch das Wasser und ändern schlagartig ihre Richtung, ohne dabei zusammenzustoßen. Was das menschliche Auge nicht wahrnehmen kann, offenbaren erst Hochgeschwindigkeitskameras. Der Richtungswechsel erfolgt nicht gleichzeitig, sondern einige wenige Fische beginnen und die anderen folgen in extrem kurzen Zeitabstand. "Auch hier spielen Zahlenverhältnisse eine Rolle", erklärt der Berliner Wissenschaftler.

Da einzelne Fische kaum auf das Ansteuern eines Ziels trainiert werden können, setzte Krause einen Roboterfisch ein, der einen Weg mit einem gefährlichen Räuber einschlug, obwohl es eine sichere Wegalternative gab. "Ein einzelner Fisch folgt dem Robofisch auf dem gefährlichen Weg, ein Schwarm nimmt hingegen den sicheren Weg." (red/pte)


Abstract
Philosophical Transactions of the Royal Society B: Leadership, consensus decision making and collective behaviour in humans

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