Sehr geehrter Herr Generaldirektor,
aus den verschiedensten Bereichen des Unternehmens ist in den letzten Wochen eindringlich darauf aufmerksam gemacht worden, dass die Art und Weise, in der (zweifellos notwendige) Sparmaßnahmen geplant und längst auch schon in Angriff genommen sind, zu unübersehbaren Einschränkungen im ORF-Programmangebot führen müssen. Da nun auch einigermaßen feststeht, wer in den nächsten Wochen und Monaten den ORF verlässt, ist es endgültig unübersehbar geworden, dass unter den dadurch drohenden Gegebenheiten selbst Informationskernbereiche wie die ZiBs, die Radio-Journale und -Nachrichten oder die Landesstudios die gewohnte Qualität und Quantität nicht mehr anbieten könnten. Wird das Realität, würde das nachhaltige, kaum mehr wieder gut zu machende Beschädigungen der Substanz des ORF bedeuten. Mit weitestreichenden Folgen, denn ein ORF, der nicht mehr im Stande wäre, öffentlich-rechtliche Kernaufgaben zu erfüllen, hätte seine Legitimation verloren.
Damit das „Sparkonzept" zu keinem ORF-Zerstörungskonzept wird, muss nun endlich raschest konkret festgelegt werden, welche Aufgaben/Sendungen für den ORF unverzichtbar sind, welches Personal dafür unbedingt nötig ist und wo das herkommt. Die Erfüllung dieser Aufgaben hat die Geschäftsführung bisher trotz mehrfacher Aufforderung durch die ORF-JournalistInnen verabsäumt. Nun wird in Redakteursversammlungen genau darzulegen sein, was der jeweilige Bereich unter den neuen personellen Gegebenheiten weiter liefern kann und was nicht. Dann liegt es an den Verantwortlichen klarzustellen, welche Konsequenzen geplant sind: das Streichen von Sendungen, Personalumschichtungen (die dann zwangsläufig wieder in anderen Bereichen Angebotskürzungen bedingen), Schemaänderungen, usw. Zu diesen Plänen werden die Redakteursversammlungen (wie im ORF-G/Redakteursstatut vorgesehen) ihre Vorschläge machen. Selbstverständlich werden die ORF-JournalistInnen dabei, wie auch bisher immer, die extrem schwierige Lage des Unternehmens berücksichtigen, ebenso selbstverständlich sind sie allerdings nicht für Einschränkungen der Informationsqualität zu haben, denn gäbe es da keine wesentlichen Unterschiede mehr zu den Angeboten von Kommerzanstalten, würde sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk selbst in Frage stellen.
Die ORF-Journalistinnen und Journalisten erwarten, endlich konkret und detailliert in die Umsetzung notwendiger Maßnahmen einbezogen zu werden, denn sie sind es, die täglich produzieren, was die Kernkompetenz des ORF ausmacht, als solche vom Publikum wahrgenommen wird. Mit dem Erlassen von „Spar"-Vorgaben, die offenbar von Leuten kommen, denen sowohl Programmnotwendigkeiten als auch die tagtägliche Arbeitspraxis fremd sind, ist die Gefährdung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks jedenfalls nicht abzuwenden.