Filme von Hausner und Herzog im Wettbewerb von Venedig
Ein funktionaler Speisesaal, gleichsam vom Herrgottswinkel aus gefilmt: Langsam füllt er sich mit Pilgern - manche im Rollstuhl, manche auf Krücken, wieder andere haben unsichtbare Leiden. Alle sind sie in der Hoffnung auf eine göttliche Intervention nach Lourdes gekommen. Schon mit diesem Einstieg zeigt Jessica Hausner in Lourdes ihren Zugang und ihre Absichten auf: Anstatt sich nur auf ein Individuum zu beschränken, sucht sie ein umfassenderes Bild des französischen Wallfahrtsorts zu kreieren.
"Ich wahre Distanz, das stimmt. Ich habe mir vorgestellt, mich diesem sehr ambivalenten Ort eher wie ein japanischer Forscher zu nähern", sagte Hausner auf der Pressekonferenz in Venedig, wo der Film am Freitag Weltpremiere hatte. Tatsächlich erscheint die Pilgerstätte darin mehr wie eine touristische Attraktion, die genauen Regeln unterworfen ist. Eine Woche lang werden die Besucher in ein Programm eingewiesen: Waschungen, Passionswege, Prozessionen und Messen folgen hier aufeinander wie die Abschnitte eines Produktionsablaufs. An dessen Ende steht im allerseltensten Fall dann wirklich ein Wunder.
Hausners quasidokumentarischer Ansatz, sein ruhiger, fließender Rhythmus, ist ein großer Gewinn. Als Zuschauer wird man nicht gleich in einen Plot einbezogen, vielmehr ergeben sich zahlreiche Gelegenheiten, Einblicke in diese sonderbare Ökonomie der Seelenpflege zu gewinnen. Die Geschichte von Christine (Sylvie Testud), einer jungen Frau im Rollstuhl, fügt sich geschmeidig in dieses Setting ein. Über die Protagonistin, die auf die Hilfe anderer angewiesen ist - und sich nach Freiheit sehnt -, werden unterschiedliche Begehrlichkeiten manifest.
Kühle Diagnose
Lourdes vereinigt Jessica Hausners Interesse an geschlossenen Räumen (Hotel) mit ihrem kühl-diagnostizierenden Blick auf zerbrechliche Figuren (Lovely Rita). Auch das lässt ihren ersten französischsprachigen Film reifer und ausgewogener erscheinen. Das Wunder, das Christine schließlich erfährt, bringt die Widersprüche des Ortes, vermittelt durch Reaktionen anderer Pilger, noch stärker hervor. Warum gerade diese Frau, wo sie nicht einmal allzu gläubig erscheint?
Im eindrucksvollen Finale steigert sich der Film noch einmal deutlich, die Ambivalenzen gerinnen zu einem faszinierenden Bild: Während lautstark der Italo-Schlager Felicità zu hören ist, lehnt die auferstandene Heldin an einer Wand - verletzbarer denn je.
Lourdes erweckt in einem katholischen Land wie Italien fast reflexartig Aufmerksamkeit. Der Film passt aber auch gut in einen Wettbewerb der kühnen Kontraste. Das gilt auch für Werner Herzogs fulminante Fortsetzung von Abel Ferraras Cop-Film-Klassiker Bad Lieutenant: Port of Call New Orleans.
Herzog versetzt die Handlung in die vom Hurrikan "Katrina" verwüstete Stadt. Wie in einem dieser verworrenen Films noirs der 1940er ist die Lösung des Kriminalfalls fast Nebensache: Er dient mehr als Gitter, durch das man in die Katakomben der Drogenkriminalität hinabsteigt, die wie in der US-Serie The Wire die unterschiedlichsten Milieus durchdringt. Leguane und Alligatoren sind die einzig unbeteiligten Zeugen in diesem Sumpf.
Den Part des moralisch kaum gefestigten Helden McDonagh (vormals Harvey Keitel) hat Nicolas Cage übernommen, der hier - entgegen allen Befürchtungen - eine der stärksten Performances seit langem abliefert. Selbst ein Junkie, der im Furor seiner Arbeit auch nicht davor zurückschreckt, kränkliche Frauen im Altersheim zu malträtieren, schlingert er mit zusammengezogenen Schultern durch einen Thriller, in dem sogar noch Seelen einen Tanz aufführen. Am Ende wird McDonagh, wie durch ein Wunder, von fast allen Sünden erlöst. (Dominik Kamalzadeh aus Venedig, DER STANDARD/Printausgabe, 05./06.09.2009)