"Vielleicht war sogar Goethe hier"

4. September 2009, 16:54
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Die sehr österreichische Geschichte der ältesten Wiener Buchhandlung: ein Gespräch mit Zita und Elisabeth Seidl, den Frauen hinter Kuppitsch

Die Buchhandlung Kuppitsch in der Schottengasse 4 ist die älteste Buchhandlung in Wien: 1789, im Jahr der Französischen Revolution, von einer Frau, Theresia Racca, gegründet, feiert sie in der kommenden Woche ihren 220. Geburtstag. Ihr Name geht auf den Buchhändler und Wissenschafter Matthäus Kuppitsch zurück, der sich 1821 bei Racca einkaufte. Die Buchhandlung ging durch mehrere Hände, seit 1886 ist sie im Familienbesitz. Zita Seidl war gemeinsam mit ihrer Schwester Monika Beer bis 2002 Inhaberin und Geschäftsführerin. Nach dem plötzlichen Tod ihres Sohnes Norbert leiten seit 2007 ihre Tochter Elisabeth Seidl und ihr Sohn Martin Seidl den Betrieb.

Standard: Frau Dr. Seidl, wie geht es der ältesten Wiener Buchhandlung am 220. Geburtstag?

Zita Seidl: Es gibt uns heute in einer modernisierten Form, anders ging das ja nicht mehr. Sehr schwierig ist die Konkurrenz der Großbuchhandlungen, wir sind eine der wenigen Buchhandlungen in dieser Größe noch in Privatbesitz. Wir haben 40 Mitarbeiter. Es gibt viele dieser kleinen Buchhandlungen mit nur einem Zimmer und einem Buchhändler, und es gibt die großen Ketten mit ihren riesigen Filialen. Der Wettbewerb ist heftig, und eine große Frage ist, ob der feste Buchpreis fällt. Ansonsten haben wir ein so gutes Publikum, von der Universität über die Banken und die Ämter ... Also ich muss lachen, wenn ich höre, die Österreicher haben nur ein Zweitbuch. Gott sei Dank ist das bei unseren Kunden nicht der Fall. Was ich sehr lustig finde, ist, dass bei uns Minister und Politiker aus und ein gehen, ganz ohneBodyguards. Der Wolfgang Schüssel ist früher viel gekommen, die Heide Schmidt, Alexander Van der Bellen, alle Couleurs, die Helene Partik-Pablé...

Elisabeth Seidl: Der Hannes Androsch war auch ein Stammgast, als er noch in der CA war. Es wird sogar behauptet, dass Goethe hier einmal eingekauft haben soll. Er soll in seinen Tagebüchern darüber geschrieben haben, aber wir waren leider nie imstande, die betreffende Belegstelle zu finden.

Standard: Sie sprechen davon, dass sich die Buchhandlung heute in modernisierter Form präsentiert. Wie war das denn, als Sie die Buchhandlungen übernahmen und die Zeiten noch nicht so modern waren?

Zita Seidl: Als ich 1950 angefangen habe, da gab es noch die Budel, und kein Kunde wäre auf die Idee gekommen, hinter die Budel zu gehen. Die Bücher wurden in Zeitungspapier eingepackt. Das war gar nicht so schlecht.

Elisabeth Seidl: Ich kann mich an meine Kindheit in der Buchhandlung erinnern, da gab es noch diese hohen Leitern, auf denen man nach oben klettern musste, um an Bücher heranzukommen. Der Kunde wäre nie auf die Idee gekommen, das selbst zu tun. In den 80er- und 90er-Jahren hat sich das völlig geändert. Von da an musste es so sein, dass der Kunde jedes Buch selbst in die Hand nehmen konnte.

Zita Seidl: Ich habe die Buchhandlung 1950 zum ersten Mal betreten, damals war sie noch am Schottenring. Es war ein finsterer Saal mit einem Kohleofen in der Mitte, auf dem der Geschäftsführer gerade sein Mittagessen gewärmt hat. Die ganze Buchhandlung hat danach gerochen. Ich habe mir gesagt: Nie im Leben bringt mich wer dazu, in dieser Buchhandlung zu arbeiten. Aber das hat sich dann geändert, ich habe die Buchhandlung übernommen, zusammen mit meiner Schwester im Jahr 1954.

Standard: Kuppitsch ist nicht nur von einer Frau gegründet worden, sondern wurde auch viele Jahrzehnte lang von Frauen geleitet. Hatte das spezielle Auswirkungen?

Zita Seidl: Weniger beim Angebot als bei den Mitarbeitern. Es waren immer sehr viele Kinder herum. Wir hatten den Ruf, dass wir viel Verständnis aufbrachten, wenn jemand sein Kind von der Schule abholte, weil wir das selber auch machen mussten. Wir hatten auch sehr viel Verständnis, wenn ein Lehrling in der Berufsschule Probleme hatte und nicht so gut lernte, weil wir ja selber auch Sorgenkinder hatten (lachend, zu ihrer Tochter). Nicht du, du warst ja nie ein Problemkind.

Elisabeth Seidl: Wir Kinder sind in der Buchhandlung aufgewachsen, das war ein schöner Ort zum Aufwachsen. Ich erinnere mich, als es in der Volksschule einmal hieß, "die Mutter ist zu Hause und kocht" , habe ich protestiert und gesagt, meine Mutter kocht nicht, die geht mit uns ins Café Haag essen.

Zita Seidl: Ich hab meine Kinder Freitag, Samstag und Sonntag auf die Welt gebracht, um den Betrieb nicht zu stören.

Standard: Kuppitsch war in der Nazizeit ein arisierter Betrieb. Wollen Sie darüber erzählen?

Zita Seidl: Ich hab sehr viel verdrängt. Ich frag mich heute, wie man so blöd sein kann. Der Vater war im KZ ab dem ersten Tag des Einmarsches von Hitler. Wir sind dann zuerst zu meinen Großeltern gezogen, weil es sonst keinen Erwerbstätigen in der Familie mehr gab, aber nach der Arisierung war plötzlich von einem Tag auf den anderen überhaupt nichts mehr da, kein Einkommen, kein Geld.

Elisabeth Seidl: Für mich als Spätgeborene war es schon sehr interessant zu hören, wie diese Geschichte verlaufen ist. Der Urgroßvater kam nach der Mittagspause ins Geschäft, und da steht ein langjähriger Mitarbeiter, der zwanzig Jahre im Betrieb war, und sagt: Du kommst mir nicht mehr herein, du bist Jude, das g'hört jetzt uns. Es gibt in den Firmenbüchern den typischen Vermerk: "Genehmigt vom Wirtschaftsministerium. Übernahme vom ehemaligen Buchhändler Arnold Israel Schlesinger" .

Zita Seidl: Der Mann war nach dem Krieg als Nazi eingesperrt, und dann, was niemand verstehen kann, hat ihn meine Mutter wieder eingestellt. Der einzige Grund dafür war ja vielleicht, dass er der Einzige war, der sich in der Firma auskannte. Ich war zuerst mit meinen Eltern in Amerika gewesen. Der Betrieb war zuerst in einer staatlichen Verwaltung und ist dann restituiert worden. Von allen Vermögenswerten war die Buchhandlung das Einzige, was wir zurückbekommen haben, und auch die war in einem desolaten Zustand.

Standard: Was ist mit Ihren Großeltern bzw. Urgroßeltern passiert?

Zita Seidl: Die Großmutter hat sich umgebracht, aber was mit dem Arnold passiert ist, das wissen wir nicht. Ich war so blöd, ich hab nie gefragt, was mit den Großeltern geschah. Wir sind 1950 aus den USA zurückgekommen. Meine Eltern waren ja fürchterliche Patrioten, mein Vater war k. u. k. Offizier im Ersten Weltkrieg, Monarchist, daher auch mein Name, er war Antinazi und Antikommunist. Ich bin eigentlich Volljüdin nach den Nürnberger Rassengesetzen, aber ich fühle mich nicht so. Mein Vater ist 1928 zum Katholizismus konvertiert, und ich bin in katholischen Schulen erzogen worden.

Elisabeth Seidl: Das Interessante war, dass mein Großvater aus politischen Gründen konvertiert ist, und zwar deshalb, weil er nicht zu den Sozialdemokraten wollte. Er hat gesagt, mir gefällt die christlich-soziale Politik einfach besser als die sozialdemokratische, aber als Jude kann ich nicht in die Partei, daher lass ich mich taufen. Er war weder ein religiöser Jude noch ein religiöser Katholik, aber er war ein sehr politischer Mensch.

Zita Seidl: Er hat immer gesagt: Ich steh rechts vom Metternich.

Standard: Gehen wir noch einmal zurück in die Gegenwart. Was sind denn 2009 die großen Trends im Buchhandel?

Zita Seidl: Den Kunden geht es seit je um Preis und Beratung, sie wollen den gleichen Service wie vor fünfzig Jahren, nur sind die Personalkosten heute viel höher. Ich glaube, viele Kunden kommen auch gern zum Über-Bücher-Tratschen, und wenn wir das bieten können, ist das schön.

Standard: Ist das Faktum, dass das Buch vorrätig ist, dass man es angreifen kann, wichtig?

Zita Seidl: Ja, für Buchliebhaber schon.

Elisabeth Seidl: Ich halte das haptische Moment, das Schmökern, das Suchen, das Schauen, für ganz wichtig. Ich hoffe nur, dass er das Buch dann auch bei uns kauft und nicht dann nach Hause geht und es im Internet bestellt.

Standard: Sind Internet und E-Books Gefahren für den Buchhandel?

Zita Seidl: Die Jungen schauen lieber im Internet nach als in einem Buch. Ich verwende Buch und Internet, aber stundenlang in einem Computer lesen, das könnte ich nicht. Aber wir haben in der Mittagspause immer noch viele Schüler aus dem Schottengymnasium, die bei uns ihre Jause essen und dann in den Büchern schmökern.

(Christoph Winder, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 05./06.09.2009)

Hinweis:
Kuppitsch feiert sein 220-Jahr-Firmenjubiläum am Donnerstag, den 10. 9., um 19.30 mit einer Lesung der Schriftstellerin Eva Menasse, die ihr neues Buch "Lässliche Todsünden" präsentiert. Zuvor spricht Christoph Winder mit Zita Seidl über die Geschichte des Hauses. Am Freitag ab 15 Uhr signieren Polly Adler, Erika Pluhar und Alfred Komarek ihre Bücher.

Link:
www.kuppitsch.at

  • Elisabeth Seidl (re.): "Schön, in der Buchhandlung aufzuwachsen." -
Zita Seidl (li.): "Die Jungen schauen lieber im Internet nach als im
Buch."
    foto: newald

    Elisabeth Seidl (re.): "Schön, in der Buchhandlung aufzuwachsen." - Zita Seidl (li.): "Die Jungen schauen lieber im Internet nach als im Buch."

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