Architektur

Höhlenmenschen in Flugzeugen

04. September 2009 16:46
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    fotos: michael krüger

    Palmach Museum of History (2000), Tel Aviv: "Selbst wenn man draußen ist, befindet man sich im Inneren und wird von der Architektur beschützt."

Architektur sollte sich nie um sich selbst, sondern immer nur um eines drehen: den Menschen - Interview mit Zvi Hecker

Der israelische Architekt Zvi Hecker wurde 1931 in Polen geboren, verbrachte seine Kindheit in Samarkand und in Krakau, bevor er sich 1950 in Israel niederließ. Er gilt als einer der herausragenden zeitgenössischen Architekten und unterhält Architekturbüros in Israel sowie in Berlin.

Hecker war einer der Ersten, die zu Beginn der sogenannten Krise ein Umdenken in der Architektur einforderten. Er formulierte sieben Thesen, die all jenes zum Ausdruck bringen sollen, was Architektur seiner Ansicht nach nicht sein darf. Grund genug, ein paar Zwischenfragen zu stellen.

1. These:
Architektur dreht sich nicht um sich selbst, sondern um die Bedürfnisse des Menschen.

Standard: Haben Sie den Eindruck, dass Architekten dieser Tage zu wenig über die Bedürfnisse der Nutzer ihrer Gebäude nachdenken?

Hecker: Ich sage nur, dass Architektur auf keinen Fall so selbstverliebt sein darf wie jemand, der ständig sein hübsches Spiegelbild betrachtet. Doch darum geht es heutzutage meistens in der Architektur: Sie ist hübsch, drückt aber absolut nichts aus. Eben wie jemand, der nichts im Kopf hat.

2. These:
Architektur bedeutet nicht, ein Objekt zu designen. Ein Großteil der heutigen Bauten scheint in Konkurrenz zu stehen mit designten Parfumfläschchen.

Standard: Sind daran tatsächlich die Architekten alleine schuld? Bauherren rund um den Globus lechzen doch geradezu nach dieser eitlen, hysterischen Show-Architektur.

Hecker: Ich darf behaupten, dass ich es in meiner nicht gerade kurzen Architektenkarriere kein einziges Mal mit einem idealen Bauherrn zu tun hatte. Die waren immer schwierig und wollten von mir immer etwas anderes, als ich beabsichtigte. Doch ich mag das, denn nur aus dem Schwierigen erwächst das Kreative. In jeder Form der Kunst, also auch in der Architektur, geht es doch auch um Maßhaltigkeit. Natürlich in unterschiedlicher Hinsicht. Doch stellen Sie sich beispielsweise eine Dichtkunst ohne Ökonomie der Mittel vor - unmöglich!

3. These:
Architektur ist kein Monument, um das man gehen kann, sondern eine Umgebung, in die man hineingehen kann.

Standard: Darf Architektur tatsächlich nie monumental-skulptural sein? Auch dann nicht, wenn die innere Logik passt?

Hecker: Ich erlaube mir in diesen sieben Thesen, sehr streng zu sein, weil ich mich selbst für einen guten Architekten und Künstler halte. Es gibt kein einziges Gebäude von mir, das man umrunden kann. Selbst wenn man draußen ist, befindet man sich im Inneren und wird von der Architektur beschützt. Also lautet meine Antwort: Natürlich kann Architektur skulptural und monumental sein, aber sie darf sich niemals auf ihre Form allein beschränken.

4. These:
Architektur soll uns nicht unterhalten, sondern beschützen.

Standard: Wann hat dieser architektonische Entertainment-Zirkus eigentlich begonnen? Wenn man provokant sein will, könnte man sagen, er habe bereits mit der Akropolis oder dem Kolosseum eingesetzt.

Hecker: Absolut richtig. Die Akropolis ist heute noch fantastisch. Aber sie wurde nicht gebaut, nur um uns zu unterhalten. Wenn ein Gebäude zusätzlich zu seiner schützenden Funktion auch schön ist und uns bezaubert, ist das wunderbar. Wenn man aber bereits mit dem Vorsatz, das Gebäude solle unterhaltend sein, zu planen beginnt, wird nichts dabei rausschauen.

5. These:
Architektur ist keine aufgeblasene Skulptur, sondern ein Gebäude, das benutzt werden soll. Es gibt nur ein paar gute Bildhauer auf dieser Welt, und keiner von ihnen scheint Architekt zu sein. Die letzten waren Michelangelo und Bernini.

Standard: Der Architekt als Künstler - eine sehr alte Diskussion. Fällt Ihnen ein Gebäude der vergangenen Jahrzehnte ein, das man tatsächlich als "Gesamtkunstwerk" bezeichnen kann? Gehrys diesbezüglich vielgerühmtes Guggenheim Bilbao etwa?

Hecker: Frank Gehry ist ein sehr talentierter Kerl. Der wurde schon so geboren. Alles was er macht, ist von bleibendem Wert. Das heißt aber nicht, dass Untalentiertere seine Ideen aufgreifen und glauben dürfen, sie könnten ihm nacheifern. Sein Platz in der Architekturgeschichte ist ihm sicher.

Aber generell: Wenn Architekten Bildhauer spielen, werden sie sehr bald von sich selbst enttäuscht. Architekten können sich mit Bildhauern nicht messen. Nicht einmal Le Corbusier, selbstredend ein sehr talentierter Architekt, hat ordentliche Skulpturen zusammengebracht. Seine Malereien sind gegebenenfalls ein bisschen besser. Ich persönlich hoffe, dass meine Arbeiten ebenfalls skulpturale Qualität haben.

Aber über all dem darf, wie gesagt, nie der erste Zweck der Architektur vergessen werden, nämlich jener, Leute zu schützen, eine angenehme, brauchbare Umgebung für sie zu schaffen.

6. These:
Architektur ist keine Modeerscheinung, sondern originär und verfügt über eine dreitausend Jahre alte Tradition und Erinnerung.

Standard: Dennoch gab es in all diesen Jahrtausenden und Jahrhunderten gewisse Stile und Ismen. Die Postmoderne ist vorbei, der Dekonstruktivismus vielleicht auch schon wieder. Philip Johnson, der Namensgeber all der wichtigen Ismen des 20. Jahrhunderts ist tot und somit niemand in Sicht, der den heutigen "Architekturstil" taufen und benennen könnte. Haben Sie vielleicht eine Idee für einen Namen?

Hecker: (lacht) Bei Johnson weiß man nie! Vielleicht kommt er ja doch noch einmal zurück! Ich würde sagen, wir befinden uns an der Schwelle zum Humanismus. Es gibt dieses weit verbreitete Gefühl, dass die Welt und der Zustand, in dem sie sich befindet, absolut nichts mehr mit der zeitgenössischen Architektur zu tun haben. Es gibt Kriege und Korruption. Leute sitzen in Gefängnissen. Und es herrscht eine Kluft zwischen all dem und einer idiotischen Elite, die für ihre Kunstschätze Museen bauen lässt. Das ist doch pathetisch. Das hat mit der gegenwärtigen Welt nichts mehr zu tun. Schätze werden angehäuft, und wir Architekten bauen dafür riesige Paläste! Die eigentliche Frage lautet vielmehr: Wie können wir auf diesem Planeten überleben? Und welche Rolle spielt die Architektur dabei?

7. These:
Architektur ist keine Universallösung. Sie beantwortet höchstens die dringendsten Fragen, hoffentlich ohne die Umwelt und die Strukturen der Städte zu zerstören. Traurigerweise scheint das für manche nicht aufregend genug.

Standard: Architekten verstehen sich oft als Weltverbesserer, was ja begrüßenswert ist. Aber natürlich brauchen sie Verbündete in Form von Politikern, Finanziers, Bauherren. Doch dieses Kräfteverhältnis scheint sich eher zuungunsten der Architektur zu entwickeln. Architekten haben es heutzutage schon sehr schwer, die Welt tatsächlich zu verbessern.

Hecker: Ich widerspreche. Ich glaube nicht, dass es heute schwieriger ist, gute Architektur zu machen als zu irgend einer anderen Zeit in der Geschichte. Wir stecken zu sehr in unserer Zeit und in der derzeitigen Situation. Wir glauben zwar, alles habe sich verändert, aber das ist nicht der Fall. Es hat sich tatsächlich fast nichts geändert.

Der Kern aller Architektur ist der Mensch, und in den vergangenen 5000 Jahren ist das menschliche Wesen im Grunde gleich geblieben. Wir sind immer noch eine Art Höhlenmensch. Wir fürchten uns vor Unglück, glauben an Gott, brauchen Schutz. Wir haben alles Mögliche an Werkzeugen erfunden. Wir sind Höhlenmenschen, die in Flugzeugen fliegen. Aber all das sind nur kleine Spielzeuge. Für die Architektur bedeutet das, dass die Bedürfnisse dieselben geblieben sind. Natürlich bedienen wir die mit anderen Mitteln.

Doch stellen Sie sich vor, Sie wären ein Dichter. Was brauchen Sie? Nur einen Bleistift und ein Blatt Papier. Und manchmal reicht ein Gedicht, um unsere Situation zu erhellen, Zusammenhänge klarzumachen.

Die Welt kann nur durch Schönheit gerettet werden, hat Dostojewski gesagt. In der Architektur ist es dasselbe. Wir schreiben nicht, wir haben Stein, Beton. Doch diese schmutzige Arbeit kann genauso zu Poesie werden. (Ute Woltron, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 05./06.09.2009)

m.a.d
05.09.2009 16:43


nichts neues unter der sonne ...

Elio Ambrosi
 
07.09.2009 21:33
widerspruch

euer gnaden. Hollein, Prix & Swiczinsky, Dominique Perrault, Zaha Hadid, um nur einige zu nennen, denken ziemlich anders - sehr zum Schaden ihrer Bauherrn und der Nutzer und Betreiber ihrer Gebäude.

m.a.d
09.09.2009 06:29


ja, deswegen verkaufen sie ihre entwuerfe an die entwicklungsgesellschaften, die dann daraus seelenlose menschenfresserbauten produzieren.

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