Spreu vom Weizen der Wissenschaft trennen

26. März 2003, 11:56
22 Postings

"Bestenliste" der deutschsprachigen Mediziner sorgt für Unmut - basiert auf "Impact Factors" für Beiträge in renommierten Fachblättern

Wien - Es ist aussortiert. Die aktuelle Namensliste der angeblich "besten" deutschsprachigen Mediziner steht fest und im Internet: Von den genannten 1500 Ärzten stammen knapp zehn Prozent aus Österreich. Im Fachbereich Orthopädie schneiden heimische Mediziner in dem von der deutschen "Gesellschaft für angewandte Metaforschung" erstellten Ranking am besten ab. Unter den 31 Genannten sind vier Wiener und ein Grazer Wissenschafter.

Keine Freude mit Rankings

"Wir haben überhaupt keine Freude mit solchen Rankings", ärgert sich Robert Fischer, Leiter des Instituts für Qualitätssicherung der Österreichischen Ärztekammer: "Sie sagen nichts über Patientenbetreuung aus, bringen Unmut in die Kollegenschaft und sind kaum nachvollziehbar."

Sind sie doch, behaupten die Auflister: "Die Auswahl beruht nicht auf subjektiven Beurteilungen wie Gutachten, die allgemein umstritten sind. Es wird ein objektives Maß angewandt, der so genannte ,Science Impact Factor'." Der ist jedoch heftig umstritten.

Impact Factor ist wie Aktienkurs eines Fachblattes

Der Impact Factor des ISI (US-Institute for Scientific Information) ist so etwas wie der Aktienkurs eines Fachblatts. Er misst vermeintlich die Resonanz und damit die Qualität eines Journals, damit auch seiner Autoren. Zur Berechnung zählt das ISI alle Zitate, die ein Zeitschriftenjahrgang in den ersten zwei Jahren nach Erscheinen in ausgewählten Journalen erbringt. Ausgewählt ist freilich nur ein winziger Bruchteil aller weltweiten Journale.

Die Gesamtsumme der Zitationen (völlig egal, worauf sie sich beziehen, und sei es das Coverfoto) wird dann durch die Zahl der "zitierfähigen" Artikel (etwa Studienergebnisse) dividiert. Für allgemeine Fachblätter wie Nature und Science mit ihrer Fülle an "unzitierbaren Artikeln" wie Editorials, Briefen und Sonstigem ein Vorteil: Viele Zitationen im Gesamten dividiert durch wenige zitierfähige Artikel ergeben einen großen Impact Factor.

Schwachpunkte

Wissenschaftstheoretiker Gerhard Fröhlich von der Uni Linz zählt weitere Schwachpunkte auf: "Die Begrenzung auf die Resonanz in den ersten zwei Jahren begünstigt bewegte Disziplinen wie Gentechnologie." Und Mitglieder einzelner Forschergruppen zitierten sich auffallend oft gegenseitig.

Verpackung statt Inhalt

Der Inhalt trete zunehmend in den Hintergrund, während der Ort der Veröffentlichung, das Journal, zum eigentlichen Qualitätsmerkmal werde, kritisiert auch Peter Lawrence vom molekularbiologischen Labor in Cambridge das System. Der Herausgeber der Topzeitschriften Developement und Cell schreibt im aktuellen Nature: "Macchiavellistische Qualitäten des Forschers sind demnach wichtiger als dessen fachliche Kompetenzen."

Impact Factors verkämen zum Selbstzweck. Ergebnis sei eine Fetischisierung der Top-Journals - ein Muster, das aus der Modebranche bekannt ist: Auch hier seien Markennamen wichtiger als das Produkt. Lösung hat Lawrence allerdings nicht. Er empfiehlt: Wissenschafter sollten ihre Ergebnisse auf Open-Access-Websites veröffentlichen und kleine spezialisierte Journale den großen vorziehen.

Habilitation braucht imparktstarke Journale

Qualitätssicherungsexperte Fischer bezweifelt jedoch, dass dies funktioniert: "Die Karriere von Wissenschaftern hängt viel zu stark von diesen Faktoren ab." Wer zu wenig in impactstarken Journalen publiziere, damit zu wenig Punkte sammle, brauche etwa kaum auf Habilitation hoffen.

Dennoch wünscht sich auch Fischer eine Änderung des Systems. Die Zahl wissenschaftlicher Arbeiten nehme stärker zu als jene impactstarker Top-Journals - die fast alle in US-Händen sind. Die Herausgeber müssten also extrem stark selektieren: "Da herrscht ein massiver Lobbyismus." Auswahlkriterium für die Publikation von Artikeln sei neben örtlicher Nähe auch sprachliche. Und da das Impact-System nicht objektiv sei, würden auch solche Ärzte-Rankings nichts bringen. (Andreas Feiertag/DER STANDARD, Printausgabe, 26.3.2003)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.