Handlungsspielraum in der Gegenwart

16. September 2003, 10:23
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Eröffnung mit Standing Ovations für die Intendanz und Nina Kusturicas ungewöhnlichem Spielfilm "Auswege"

Graz - Am Anfang war Applaus: Das Diagonale-Intendantenduo Christine Dollhofer und Constantin Wulff wurde vom Publikum in der Helmut-List-Halle am Eröffnungsabend erst einmal mit Standing Ovations begrüßt. Und dann vom scheidenden Bürgermeister Alfred Stingl und seinem designierten Nachfolger, Kulturstadtrat Siegfried Nagl, überrascht, die den "Dank der Stadt Graz" für sechs Jahre erfolgreicher Festivalarbeit überbrachten und auch eine deutliche Grußadresse gen Wien sandten:

Als Förderpartner wolle man auch partnerschaftlich in Entscheidungen eingebunden werden - noch, so Stingl, habe er ein klein wenig Hoffnung, dass sich Ko-Intendantin Dollhofer nochmals um die Intendanz bewerben werde.

Keine Bewerbung

Gegenüber dem STANDARD meinte Dollhofer dazu am Dienstag, sie freue sich sehr über die Solidarität und den Zuspruch. An der Situation habe sich aber aus ihrer Sicht nichts geändert. Sie habe sich bereits im Vorjahr mit einem Konzept und neuen Ideen um die Weiterführung des Festivals beworben. Den Umstand, dass darauf seitens des BKA ein Dreivierteljahr nicht reagiert wurde, könne sie nur als "Abwahl ihrer Arbeit" interpretieren. Weshalb eine nochmalige Bewerbung, zumal zu den neu ausgeschriebenen Bedingungen, für sie nicht infrage käme.

Dass ihr inzwischen sogar Kunststaatssekretär Franz Morak eine solche nahe lege, habe sie aus den Medien erfahren. Für Gespräche mit allen Beteiligten stünde sie allerdings nach wie vor jederzeit zur Verfügung.

Viel Beifall gab es jedenfalls auch für den Eröffnungsfilm - das Ergebnis einer ungewöhnlichen Kooperation: Barbara Albert hat im Auftrag des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser ein Drehbuch geschrieben, drei exemplarische Fallgeschichten zu Gewaltbeziehungen entwickelt, die jeweils unterschiedliche Milieus, Generationen und Kulturen einbringen. Nina Kusturica hat daraus einen ungewöhnlichen Spielfilm gemacht:

Auswege kommt einerseits einem dezidierten, quasi volksbildnerischen Auftrag nach - und erinnert damit implizit an den entsprechenden, programmatischen Gebrauch des Mediums durch Filmemacherinnen etwa in den 70er-Jahren, wenngleich er sich ästhetisch eher auf das zeitgenössische österreichische (Autoren-)Kino bezieht.

Bereits mit dem Titel ist festgeschrieben, dass es hier ganz maßgeblich auch um Aufklärung über Rechte, Rechtsmittel sowie Anlaufstellen - vom Frauennotruf über Beratungsstellen bis zum Frauenhaus - für Betroffene geht. Um das Aufzeigen von Handlungsmöglichkeiten und die Aufforderung, diese zu nutzen.

Die Platzierung dieser konkreten Informationen wirkt zeitweilig irritierend vordergründig, die Erzählung (und einzelne Nebenfiguren) mitunter wie in ihren Auftrag eingeklemmt. Das erzeugt eine Art von zweigleisiger Erzählung - man pendelt zwischen Bildern und Sätzen mit distanzierend wirkendem "Appellcharakter" und Szenen, die mehr über ein direktes (physisches) Involviertwerden funktionieren.

Andererseits entwickelt Auswege, der ein ganzes Ensemble neuer Leinwandgesichter ins Spiel bringt, jedoch immer wieder intensive Situationen - und eröffnet vielleicht gerade in seiner seltsamen Hybridform auch neue filmische Aktionsräume. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.3.2003)

Von Isabella Reicher
  • "Auswege"
    foto: diagonale

    "Auswege"

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