Der Mensch in der Revolte

26. März 2003, 12:15
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Retrospektive der österreichischen Jahresfilmschau Diagonale würdigt das subversive Schaffen des serbischen Filmemachers Zelimir Zilnik

Graz - Ein Wiedergänger stolziert durch Belgrad. Korrekt in Uniform gekleidet konfrontiert er die Passanten mit einer Vergangenheit, die dort 1993 nur noch aus Trümmern besteht: Wohl genau deshalb scharen sich die Menschen um ihn, suchen das Gespräch, das zwischen Beichte, schelmischer Anklage und Wut hin- und herpendelt. Das Konzept, dem Rollenspiel des Cinéma Vérité verwandt, ist einfach, der Augenblick perfekt: Ein bekannter Schauspieler verkörpert den Diktator Tito, um die Stimme des Volkes hörbar zu machen.

Der konkrete Topos und das Spiel mit einer vorgegebenen Wirklichkeit, das stets auch ein Maß an Willkür einbezieht, kennzeichnen etliche Arbeiten des serbischen Filmemachers Zelimir Zilnik: Beispielsweise auch Crni Film/Der schwarze Film (1971) - eine Antwort auf die damalige öffentliche Rede von der "Schwarzen Welle", der Negativität des Neuen Jugoslawischen Films. Zilnik holt darin Obdachlose zu sich in die Wohnung, um dann die Menschen auf der Straße nach ihrer Ansicht zu dieser "Wohltat" zu befragen. Der Akt ist (auch) ästhetisches Programm wider geheucheltes Engagement, auf einem Insert steht: "Der Film muss gesellschaftskritisch werden ... Deswegen ficke ich mein Schuldgefühl."

Der schwarze Film revoltiert bereits gegen die repressive Tendenz im Land; noch ein paar Jahre davor hatte Zilnik einer Reihe von kurzen Dokumentarfilmen gemacht, die soziale Randgruppen ins Zentrum stellten. Gemeinsam mit Dusan Makavejev oder Aleksandar Petrovic arbeitete er an einem sozialkritischen Kino, das unter anderem in seinem ersten Spielfilm Rani radovi/ Frühe Werke (1969) Ausdruck fand: Yugoslavia, die Hauptfigur, zieht mit einer Bande von Jungmarxisten durchs Land, ihr Enthusiasmus endet im Schlammbad. Dass Tito der in Berlin prämierte Film missfiel, verwundert kaum.

Zilniks größter Erfolg markierte zugleich einen Wendepunkt in seinem Leben: Er musste Jugoslawien, für dessen Erneuerung er gekämpft hatte, verlassen, machte aber weiterhin Filme, die Anstoß erregten: Als Emigrant thematisierte er im Deutschland der 70er beispielsweise das Tabuthema RAF (Paradies. Eine imperialistische Tragikomödie).

Seine jüngsten Arbeiten sind meist auf Video gedreht, was ihm die Unabhängigkeit sichert: So kann er neue Formen der Ausbeutung aufspüren, die Ausschließungsmechanismen der Festung Europa aufzeigen - der gleichnamige Film folgt Migrantinnen und Migranten, die von einem "Heim" ins nächste abgeschoben werden. Auf der Diagonale bildet die Retrospektive der Filme Zilniks einen der Höhepunkte innerhalb vieler Programmpunkte, die dem osteuropäischen Kino gelten. Am 1. April kann man Arbeiten von Zilnik im Filmmuseum in Wien sehen. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.3.2003)

Von Dominik Kamalzadeh
  • "Dilettanten der Revolution" auf einem seltsamen Trip durch Jugoslawien: "Rni Radovi/Frühe Werke" (1969), das legendäre Spielfilmdebüt von Zelimir Zilnik.
    foto: diagonale

    "Dilettanten der Revolution" auf einem seltsamen Trip durch Jugoslawien: "Rni Radovi/Frühe Werke" (1969), das legendäre Spielfilmdebüt von Zelimir Zilnik.

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