Die Zeit der Gießkanne läuft ab

25. März 2003, 18:48
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Wie eine Expertendiskussion über die Reform des Sports in Österreich zu einer über Bewegungs-, Begeisterungs- und Leistungsmangel wurde

STANDARD: Was ist Österreichs größtes Defizit im Sport?

Schweitzer: Es gelingt uns nicht, die Talente aus der Schule zu holen und in die Vereine zu führen. Wir brauchen den Schulsportverband.
Haber: Die Aufgabe der Schule ist aber nicht die leistungssportliche Entwicklung, sondern eine allgemeine körperliche Ausbildung. Wir haben nicht einen Talentmangel, wir leiden unter einem schlechten Wissenstransfer in die Praxis. Ein echtes Talent läuft Gefahr, in Österreich schlecht ausgebildet zu werden und hinter seinen Möglichkeiten zu bleiben.
Schweitzer: Bei mir war ein junger Mann, der mit seinem Dienstleistungsunternehmen in der Volksschule und der Unterstufe asiatische Kampfsportarten anbietet - die Eltern sind begeistert und zahlen 79 Euro im Semester.
Jungwirth: Das Kind braucht eine Bezugsperson. Wenn ich die Turnlehrer jahrzehntelang demotiviere, Überstunden streiche, Neigungsgruppen wegnehme, Stunden kürze, machen sie Dienst nach Vorschrift. Der Wurm liegt im Unterrichtsministerium.
Kornhoff: In der Volksschule wird der Turnunterricht nicht von spezifisch ausgebildeten Lehrern gehalten. Die Handarbeiter, die Musiker, die Religionslehrer, alle haben ihre Vereine, sozusagen, die ihre Lehrer in die Schule schicken.
Vogl: Der SV Ried bietet in der Unterstufe Neigungsgruppen an, dann gehen die Buben ins Ausbildungszentrum, dann zum Verein.
Schweitzer: In der Schule soll nicht die Nachwuchsakademie des Vereins gebildet werden, dort sollen nur die Talente gefunden werden. Holdhaus: Wir müssen im Kindergarten anfangen, dort wird die musische Erziehung forciert, die Bewegung nicht. In der Volksschule passiert auch nix. Nehmen wir durch eine externe Organisation nicht die Verantwortlichen, die Eltern, die Kindergärtnerinnen, die Volksschullehrer, aus der Pflicht? Und die Kinder sind ein schlafender Riese, wenn wir sie wecken, müssen wir sie betreuen.

STANDARD: Halten Sie das ÖFB-projekt Challenge 2008 für aussichtsreich?


Haber: Der Fußball ist ein Verband, der Talente verschleißt. Challenge 2008 ist von der Idee her richtig, aber es reden zu viele Leute mit.
Vogl: Der SV Ried gibt 20 Prozent für den Nachwuchs aus, dafür kommt 50 Prozent der Mannschaft von dort, das heißt, wir sparen so Geld. Wenn das Modell dazu führt, dass wir mehr Nachwuchstrainer haben, profitieren wir davon.
Haber: Warum geben wir das Geld aber nicht gleich den Vereinen, warum der Umweg über den Schulsportverband?
Schweitzer: Weil wir nicht direkt vom Verein in die Schule kommen.
Jungwirth: Aber du brauchst alles, den Lehrer, den Turnsaal.
Schweitzer: Aber die stehen leer.
Jungwirth: In Wien möchte ich einen leeren Turnsaal sehen.
Holdhaus: In der Volksschule scheitert der Turnunterricht an der Lehrergewerkschaft, aber mit einer anderen Struktur könnten wir uns das ersparen.
Schweitzer: Auf dem freien Markt ist genug Geld. Wenn die Eltern, die Schule und der Verein ein bisschen Geld investieren, kann ich zusätzliche Trainer anstellen.
Haber: Ein Problem des Amateursports ist, dass er die Trends verschläft und daneben verhungert. Er muss die Aufgaben übernehmen, die ihm sonst der kommerzielle Sport wegnimmt.
Vogl: Es hängt ja nicht an der Vereinsform - wenn so eine Initiative ausgeschrieben wird, muss ich als Verein überlegen, wie ich den Trainer zu mir bringen kann.
Jungwirth: Wenn das Schulministerium besser funktionieren und das Geld besser einsetzen würde, ersparen wir uns den ganzen Topfen.

STANDARD: Ist das alles nicht die Idealvorstellung eines Turnlehrers, der am Nachmittag mit den Kindern im Verein weitermacht?


Schweitzer: Es geht darum, die Neigungsgruppen wieder zurückzuholen. Ich will nicht, dass das irgendwelche Abzocker in die Hände kriegen.
Jungwirth: Da sind wir sofort einverstanden. Man bündelt die Lehrer einiger Schulen, ein Turnlehrerverband, das wäre g'scheit.

STANDARD: Ist Österreich eine Sportnation?


Haber: Die Kultur hat in den Medien eine große Lobby, der Sport nicht. Daher kommen schwachsinnige Vorschläge wie die Steuer für Freizeitsportler.
Holdhaus: Die Sportberichterstattung polarisiert, Bewegung ist positiv besetzt, Sport negativ. Ich glaube nicht, dass der Hermann Maier jemanden zum Skifahren animiert.
Jungwirth: Für Kleinere ist er ein Vorbild. Aber wir hängen alles an den Skisport, obwohl er eine exotische Sportart ist.
Holdhaus: Ich weiß nicht, ob Spitzensportler wirklich Vorbilder sind.
Haber: Spitzensport ist Zirkus.
Vogl: Als Impuls ist ein Spitzensportler oder eine Spitzenleistung in den Medien bestens geeignet.

STANDARD: Im Spitzensport geht's um Helden, um Dramen, damit kann man nicht den Schulsport retten, oder?

Kornhoff: Es gibt aber Gemeinsamkeiten. In Skandinavien gibt's ein besseres Sportbewusstsein, daran sind die Medien schuld, auch die Politiker. Sportbewusstsein ist auch eine Frage der öffentlichen Darstellung.
Holdhaus: Im Zuge der Regierungsverhandlungen hat bis zum Schluss niemand gewusst, was mit dem Sport passiert. Warum?
Schweitzer: Weil Sport von den meisten Politikern nur als Möglichkeit gesehen wird, sich selber zu präsentieren.

STANDARD: Aber ein Fußballverein lebt doch von der Begeisterung in der Region?

Vogl: Wir waren lange der Kleine gegen die Großen, heute haben wir 400 Kinder, damit 800 Zuschauer, das ist Marktdurchdringung. Und jetzt bauen wir in Ried mit seinen 13.000 Einwohnern das eigene Stadion. Aber ohne Medien wäre es nicht gegangen, das erste Mal im Teletext war ein Quantensprung.
Jungwirth: Im Schwimmverband streiten sie jetzt aus Ahnungslosigkeit wegen der Sponsoren. Und trotzdem haben wir Weltklasseleistungen. Ohne dass der Verband was dafür kann.
Kornhoff: Der Spitzensport braucht einen einheitlichen gestaltenden Willen. Wir eiern immer zwischen der Demokratie und dem zentralen Willen hin und her.
Haber: Ich will die bürgerlichen Freiheiten nicht aufgeben, aber andere Länder mit demokratischer Tradition bündeln auch ihre Kräfte.
Vogl: Das passt zum Tabuthema geschlossene Bundesliga, ob mit zehn, zwölf oder 14 Vereinen. Die Existenzangst und die Ausländerflut würden sich aufhören. Holdhaus: In Australien werden 13 Verbände gefördert, weil man dort Aussichten hat, nicht wie bei uns 53.
Schweitzer: Das heißt, die Gießkanne muss weg?
(Peter Kleinmann erscheint frisch vom Volleyball-Champions-League-Finale.)
Kleinmann: Und wir müssen uns das Geld holen, das wir nachgewiesenermaßen dem Staat erwirtschaften. Außerdem möchte ich die Chance haben, einen Burschen im Verein einzustellen und ihm als Lehrling Volleyball, Sportartikelhandel und Sportmanagement beizubringen.
Vogl: Wenn im Berufssportgesetz Pensionsregelungen stehen, kann ich über die Steuerabsetzbarkeit österreichische Spieler billiger machen als Ausländer.
Schweitzer: Aber nach welchen Kriterien suche ich förderungswürdige Verbände?
Kleinmann: Gesundheit, Medienpräsenz, Bewegung.
Holdhaus: Warum nicht nach Medaillenchancen wie in Australien?
Haber: Der Sport schafft Werte, das ist zu wenig bekannt. Warum äußert sich der Bundeskanzler nicht zweimal in der Woche zum Sport?

(Moderation: Johann Skocek, DER STANDARD, PRINTAUSGABE 26.3. 2003)

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Eine Gruppe von fünf Experten und einem Staatssekretär (von links): ÖOC-Generalsekretär Heinz Jungwirth, SV Rieds geschäftsführender Vizepräsident Peter Vogl, Sportstaatssekretär Karl Schweitzer, Fußball-Bundesliga-Vorstand Thomas Kornhoff, Sportwissenschafter und Leistungsdiagnostiker Hans Holdhaus, Sportarzt und Nachwuchsfachmann Paul Haber. Nicht im Bild ist Volleyball-Manager Peter Kleinmann.
    foto: standard/cremer

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    Eine Gruppe von fünf Experten und einem Staatssekretär (von links): ÖOC-Generalsekretär Heinz Jungwirth, SV Rieds geschäftsführender Vizepräsident Peter Vogl, Sportstaatssekretär Karl Schweitzer, Fußball-Bundesliga-Vorstand Thomas Kornhoff, Sportwissenschafter und Leistungsdiagnostiker Hans Holdhaus, Sportarzt und Nachwuchsfachmann Paul Haber. Nicht im Bild ist Volleyball-Manager Peter Kleinmann.

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