Doppelpremiere

Die Ich-AG aus der Studierstube

3. September 2009, 18:42
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    foto: soulek/apa

    Wiener Auftakt einer Burg-Ära: der Stubengelehrte Faust (Tobias Moretti, re.) mit Mephisto (Gert Voss).

Mit der Doppelpremiere am Wiener Burgtheater wird dem liebsten Selbstbild der Deutschen gehuldigt - Mit Video

Doch die wahre Aktualität von Goethes Drama liegt in seiner Amoralität.

In Wahrheit ist Johann Wolfgang von Goethes Faust-Tragödie gar kein Fall für die Bühne. Wer immer sich auf das "Nahen" der vielen "schwankenden Gestalten" einlässt, muss dem betrüblichen Umstand Rechnung tragen, dass Faust ein wahres Lesedrama ist. Auf der Langstrecke von fast 17.000 Versen werden zwar diverse Menschheitsthemen abgehandelt: Man könnte sagen, buchstäblich alle. Allein mit der Theaterwirksamkeit ist es, vor allem mit Blick auf der Tragödie zweiten Teil, nicht weit her.

Wenn daher am Freitag ab 17 Uhr Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann seine Ära mit einer Zusammenschau beider "Fäuste" einläutet, so setzt er nicht nur auf die Zugkraft eines vielzitierten - und erstaunlich wenig gekannten - Stückes. Faust ist das Produkt eines in der Literatur beispiellosen Enzyklopädiezwangs.

Goethe, der Dichterfürst aus Weimar, lieferte den, ob der rührseligen "Gretchen"-Tragödie vielgespielten ersten Teil bereits 1808 ab. Faust. Der Tragödie zweiter Teil wurde erst ein Jahr vor Ableben des greisen Meisters, also 1831, von diesem fertiggestellt. Das ideale Theater für diese reichlich verwirrend anmutende Stoffsammlung hat sich bis heute nicht gefunden. Sieht man von Peter Steins integraler Aufführung im Rahmen der Expo 2000 ab, begnügen sich zeitgenössische Bebilderer zumeist mit Auszügen. "Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen", so weiß es schließlich auch der auf Wirkung erpichte Direktor im "Vorspiel auf dem Theater". Dem überwältigendsten Drama deutscher Zunge nähern sich berufene (wie unberufene) Sachwalter überwiegend auf Samtpfötchen.

Und das hat Gründe. In Wahrheit kocht der alte Goethe, auf der Schwelle zur Neuzeit stehend, einen wahren Hexenkessel auf: Er lässt den Streber Faust auf großer Flamme glühen. Denn nachdem Faust das arme Gretchen ins Unglück gestürzt hat - womit der erste Teil unversöhnlich endet -, führt ihn sein Erzieher Mephisto nach einer kurzen Pause der Erquickung an die "kaiserliche Pfalz".

Ab nun weht ein anderer Wind: Faust ist nicht länger der deutsche Grübler, den der spät geeinigte deutsche Nationalstaat im ausgehenden 19. Jahrhundert als Identifikationsfigur für melancholische Gymnasiallehrer entdeckt.

Faust erscheint als Produktmanager seiner selbst: Er ist das frühe Beispiel einer "Ich-AG", die den Kaiser in fiskalischen Fragen berät und mit Mephistos Hilfe eine nie abreißende Kette von Maskenzügen veranstaltet. Dieser Stubenhocker überwindet die Schranken von Raum und Zeit. Die wechselnden Schauplätze erscheinen wie Party-Locations. Der Deutschen liebster Grübler ist ein Großfürst der Psychedelik, eine hochattraktive Mischung aus Timothy Leary und - seiner Verbrechen wegen - Charles Manson. Statt Sharon Tate ermordet er - im fünften Akt des zweiten Teils - das Rentnerehepaar Philemon und Baucis.

Faust II kann mit Recht als das erste "virtuelle" Stück der deutschen Hochliteratur gelten. Die Verwaltung eines angeblich um Erkenntnis bemühten Subjekts führt hinein in Randbereiche der Vorstellungskraft. Faust. Der Tragödie zweiter Teil kann alles, woran moderne Medientechnik sich mit wackelnden Kameras mühsam abarbeitet. Das Stück erzählt nicht nur, wie das Papiergeld erfunden wird - das Phänomen der Inflation wird von Goethe gleich mitbedacht und höhnisch nachgeliefert.

Moderne Medienkritik

In Goethes Text erscheint die ganze Welt als Krisenherd. Die Staatshaushalte sind klamm; die Mittel, mit denen das Papiergeld "bedeckt" wird, sind dubios oder gar nicht erst vorhanden.

Zieht der Kaiser in die Schlacht (Faust II, vierter Akt), entfaltet Mephisto ein nie da gewesenes Medienspektakel: Wie auf CNN sieht man Scharmützel, die gar nicht stattfinden - oder mit bloßem Bedacht auf ihre mediale Wirkung in Szene gesetzt sind.

Faust, ein Grübler, der ewig strebend sich bemüht? Mit solchen frommen Vorurteilen, zumeist von Vertretern der Anthroposophie in Umlauf gesetzt, gehört schleunigst aufgeräumt. Faust - ihn spielt an der Wiener Burg Tobias Moretti, flankiert von Gert Voss als Mephisto - ist der skrupellose Unternehmer der Moderne. Er trotzt der Meeresbrandung Land ab, denn er möchte ein "Gewimmel" sehen, "auf freiem Grund mit freiem Volke" stehen. Goethe erzählt von der Verrohung einer Gesellschaft, deren Kosten-Nutzen-Kalkulationen auf menschlichen Opfern basieren. Faust ist vielleicht gar kein Drama, sondern der Abriss unserer besten wie schlechtesten Möglichkeiten. Er gehört nicht nur aufgeführt, sondern in Management-Seminaren gelehrt. (Ronald Pohl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.9.2009)

 

Kommentar posten
12 Postings
Andreas Schmidt
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der Wappler fühlt sich scheiße!

Und wer befreit Faust aus den Fängen der modernen Regisseuren?

Chris_SM
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Der Worte sind

nun genug gewechselt, lasst uns endlich Taten sehen!

elle(s)
00
die häme, die

über dem armen hrn Pohl ausgeschüttet wird, ist für mich nach lektüre seines texts nicht nachvollziehbar. er bezieht sich ganz offensichtlich auf die interpretation, die dieser heute uraufgeführten inszenierung zugrunde liegt und die ist vermutlich eine radikale. im gegensatz zu den lesern und postern hier wird er, wie andere journalisten auch, proben vorab gesehen haben. die modernität des fauststoffs ist meines erachtens genau das, was nicht nur theatermacher sondern auch autoren immer wieder reizt, sich in neuen formen damit auseinander zu setzen.
barbara rett wird gerade bezüglich faustaufführung interviewt und erzählt, dass bei der generalprobe so ziemlich alles schiefgegangen ist.
hoffentlich bald: orf-aufzeichnung?

verlogenes miststück
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abgesehen von der restlichen kritik:


charles manson hat NICHT sharon tat ermordet.

es ist nicht einmal klar ob seine anhänger das auf seinen auftrag hin getan haben. im gegensatz zu den späteren morden.

Matador
 
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wirklich selten hab ich

so einen mist gelesen. "goethe, der dichterfürst aus weimar"... na was, der war das?
wenns wenigstens die banalen aber fundierten bisherigen interpretationen wären, an welchen sich der autor da abarbeitet (kleine welt/große welt etc.)… aber sowas ist fast schon tragisch.

und die inszenierung wird sicherlich ebenfalls großartig. moretti, ewig nur als weniger-als-hälfte eines absurden tv-duos zu sehen, wird wohl wieder wie beim ottokar von den jungen theaterhooligans des burgtheaters mühelos und vernichtend an die wand gespielt, ohne es auch nur im geringsten zu merken.

dem ausschnitt hier auf der seite nach werden diese 6h vermutlich aus fremdschämen bestehen...

norman m.
00
"eine hochattraktive Mischung aus Timothy Leary..

...und - seiner Verbrechen wegen - Charles Manson. Statt Sharon Tate ermordet er - im fünften Akt des zweiten Teils - das Rentnerehepaar Philemon und Baucis" - der grausame Höhepunkt einer furchtbar selbstverliebten Kritik! Pohl schreibt gar nicht über Faust, er schreibt nur im Medium Faust über Pohl! Mies!

10 dag Meinungswurscht - dünn aufschneiden bitte!
 
10
Würd mal das ...

... Gretchen "faustisch" anlegen - heutzutage!

Die Zeiten haben sich ja doch etwas geändert ... ;-)

10 dag Meinungswurscht - dünn aufschneiden bitte!
 
13
... ungefähr so ...

"Schönes Fräulein, darf ich´s wagen
Mein Geleit und Arm ihr anzutragen ...

"Kannst rugig wagen, alter Greis
denn wie du siehst ist Gretchen heiss

Jedoch, in Zeiten wie den diesen
läuft gar nichts unter 150 Miesen ..." ;-)

so go
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zum glück

wagen es dennoch manche schulen den faust schon früh auf die naive jugend loszulassen.

wer den tod schillers und die scheinbare einsamkeit als Ich-AG deutet, der will vielleicht nur einen freibrief bekommen, selbst eine so verhasste ich-ag begründen zu dürfen.

sie konnten durch provokation mein interesse wecken, ich gratuliere!

Agent Provocateur!
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Mein liebstes Zitat (und zugleich die älteste fassbare Form an Kritik am Unwesen des Projektmanagements)

"Das ist ein Schalk - Ders wohl versteht -
Er lügt sich ein - Solang es geht -
Ich weiß schon - Was dahintersteckt -
Und was denn weiter? - Ein Projekt"

karajan33
25

grauenhafter reaktionärer oberlehrertext. kriegt der geld vom burgtheater oder was soll diese pr schreibe ?

DesEsseintes
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"Faust ist das frühe Beispiel einer "Ich-AG""

An den Haaren herbeigezogen. Beinahe schwachsinnig, dieser Vergleich. Und eine Frechheit gegenüber allen unfreiwillig Selbständigen, deren Lebensform und -leid von Goethe ganz gewiß nicht vorhergesehen wurde. Aber solche interpretatorischen Hüftschüsse sollen den halbinteressierten Dummköpfen offenbar die brennende Aktualität des Stücks verbürgen.

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