Mit der Doppelpremiere am Wiener Burgtheater wird dem liebsten Selbstbild der Deutschen gehuldigt - Mit Video
Doch die wahre Aktualität von Goethes Drama liegt in seiner Amoralität.
In Wahrheit ist Johann Wolfgang von Goethes Faust-Tragödie gar kein Fall für die Bühne. Wer immer sich auf das "Nahen" der vielen "schwankenden Gestalten" einlässt, muss dem betrüblichen Umstand Rechnung tragen, dass Faust ein wahres Lesedrama ist. Auf der Langstrecke von fast 17.000 Versen werden zwar diverse Menschheitsthemen abgehandelt: Man könnte sagen, buchstäblich alle. Allein mit der Theaterwirksamkeit ist es, vor allem mit Blick auf der Tragödie zweiten Teil, nicht weit her.
Wenn daher am Freitag ab 17 Uhr Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann seine Ära mit einer Zusammenschau beider "Fäuste" einläutet, so setzt er nicht nur auf die Zugkraft eines vielzitierten - und erstaunlich wenig gekannten - Stückes. Faust ist das Produkt eines in der Literatur beispiellosen Enzyklopädiezwangs.
Goethe, der Dichterfürst aus Weimar, lieferte den, ob der rührseligen "Gretchen"-Tragödie vielgespielten ersten Teil bereits 1808 ab. Faust. Der Tragödie zweiter Teil wurde erst ein Jahr vor Ableben des greisen Meisters, also 1831, von diesem fertiggestellt. Das ideale Theater für diese reichlich verwirrend anmutende Stoffsammlung hat sich bis heute nicht gefunden. Sieht man von Peter Steins integraler Aufführung im Rahmen der Expo 2000 ab, begnügen sich zeitgenössische Bebilderer zumeist mit Auszügen. "Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen", so weiß es schließlich auch der auf Wirkung erpichte Direktor im "Vorspiel auf dem Theater". Dem überwältigendsten Drama deutscher Zunge nähern sich berufene (wie unberufene) Sachwalter überwiegend auf Samtpfötchen.
Und das hat Gründe. In Wahrheit kocht der alte Goethe, auf der Schwelle zur Neuzeit stehend, einen wahren Hexenkessel auf: Er lässt den Streber Faust auf großer Flamme glühen. Denn nachdem Faust das arme Gretchen ins Unglück gestürzt hat - womit der erste Teil unversöhnlich endet -, führt ihn sein Erzieher Mephisto nach einer kurzen Pause der Erquickung an die "kaiserliche Pfalz".
Ab nun weht ein anderer Wind: Faust ist nicht länger der deutsche Grübler, den der spät geeinigte deutsche Nationalstaat im ausgehenden 19. Jahrhundert als Identifikationsfigur für melancholische Gymnasiallehrer entdeckt.
Faust erscheint als Produktmanager seiner selbst: Er ist das frühe Beispiel einer "Ich-AG", die den Kaiser in fiskalischen Fragen berät und mit Mephistos Hilfe eine nie abreißende Kette von Maskenzügen veranstaltet. Dieser Stubenhocker überwindet die Schranken von Raum und Zeit. Die wechselnden Schauplätze erscheinen wie Party-Locations. Der Deutschen liebster Grübler ist ein Großfürst der Psychedelik, eine hochattraktive Mischung aus Timothy Leary und - seiner Verbrechen wegen - Charles Manson. Statt Sharon Tate ermordet er - im fünften Akt des zweiten Teils - das Rentnerehepaar Philemon und Baucis.
Faust II kann mit Recht als das erste "virtuelle" Stück der deutschen Hochliteratur gelten. Die Verwaltung eines angeblich um Erkenntnis bemühten Subjekts führt hinein in Randbereiche der Vorstellungskraft. Faust. Der Tragödie zweiter Teil kann alles, woran moderne Medientechnik sich mit wackelnden Kameras mühsam abarbeitet. Das Stück erzählt nicht nur, wie das Papiergeld erfunden wird - das Phänomen der Inflation wird von Goethe gleich mitbedacht und höhnisch nachgeliefert.
Moderne Medienkritik
In Goethes Text erscheint die ganze Welt als Krisenherd. Die Staatshaushalte sind klamm; die Mittel, mit denen das Papiergeld "bedeckt" wird, sind dubios oder gar nicht erst vorhanden.
Zieht der Kaiser in die Schlacht (Faust II, vierter Akt), entfaltet Mephisto ein nie da gewesenes Medienspektakel: Wie auf CNN sieht man Scharmützel, die gar nicht stattfinden - oder mit bloßem Bedacht auf ihre mediale Wirkung in Szene gesetzt sind.
Faust, ein Grübler, der ewig strebend sich bemüht? Mit solchen frommen Vorurteilen, zumeist von Vertretern der Anthroposophie in Umlauf gesetzt, gehört schleunigst aufgeräumt. Faust - ihn spielt an der Wiener Burg Tobias Moretti, flankiert von Gert Voss als Mephisto - ist der skrupellose Unternehmer der Moderne. Er trotzt der Meeresbrandung Land ab, denn er möchte ein "Gewimmel" sehen, "auf freiem Grund mit freiem Volke" stehen. Goethe erzählt von der Verrohung einer Gesellschaft, deren Kosten-Nutzen-Kalkulationen auf menschlichen Opfern basieren. Faust ist vielleicht gar kein Drama, sondern der Abriss unserer besten wie schlechtesten Möglichkeiten. Er gehört nicht nur aufgeführt, sondern in Management-Seminaren gelehrt. (Ronald Pohl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.9.2009)