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"Bare" : Die Zaubertinte von Bibi Nelson, Isabel Lizardi u.a. verschmiert nicht und leitet elektrische Impulse.

Der Niederländer Levi van Veluw reinterpretiert in "Landscapes" das Genre der Landschaftsmalerei.
Linz - Die Natur zeigt sich von ihrer feuchten Seite. Dass ausgerechnet der Himmel der Ars Electronica heuer ein Schnippchen schlagen und die geplante Eröffnungs-Sternenguckerei mit Wolken verhängen sollte, kann man durchaus als kritische Sub-Ebene des Festivals lesen: Human Nature titelt dieses und spielt damit bewusst zweideutig auf die "Natur des Menschen" an, sich die Erde untertan zu machen, Natur zu einem Gebilde aus Menschenhand umzufunktionieren.
Aber der "natürlichen Natur" war am Mittwoch nicht nach klarer Sternennacht, weswegen der Wink des Himmels nicht weniger gemein ist: Denn die schöne Idee, so viele Linzer wie möglich zum Lichtausschalten zu motivieren, ist nicht nur aus ökologischer Perspektive, sondern auch vom partizipatorischen Ansatz her löblich. Und obendrein knüpft das kollektive "Licht aus!" im 30. Jahr des Festivalbestehens an die Ur-Aktion der Klangwolke an: Mit dem privaten Radio am Fenster stieg Bruckners Achte 1979 akustisch über der Stadt auf.
Aber in unseren Tagen gilt es ja generell eher, Stromfresser ab- statt aufzudrehen. Vom kollektiv erstrampelten Mondlicht bis zum windbewegten Fantasieskelett hat der Linzer Hauptplatz schon einige solcher Low-Technology-Projekte gesehen. Aktuell gleicht dieser jedoch eher einem Container-Zelt-Dorf. Die Dichte der Kulturtapete in der ganzen Stadt ist eigentlich logisch, denn für das Jubiläum und das Kulturhauptstadtjahr Linz 09 wurde besonders tief in die Trickkiste gegriffen.
Für den guten Zweck
Es ist kein perfider Sparkurs, wenn man im Basiscamp des von Jules Vernes inspirierten Projekts 80+1 - Eine Weltreise des öfteren einen Euro spenden muss, um die Toilettespülung zu betätigen: In der öffentlichen Bedürfnisanstalt ist lediglich das Projekt WIA, kurz für Water in Africa - Water in Austria, platziert, die Gratis-Ressourcen entsprechen jenen Mengen, die in Mali aus einem Brunnen gepumpt werden. Danach muss man zahlen - freilich für den guten Zweck.
Oder man geht aufs Töpfchen, wie es die Amerikanerinnen Britta Riley und Rebecca Bray vorschlagen: Ihr ziemlich cleveres Projekt Drink.Pee.Drink.Pee.Drink.Pee zeigt in der Human Nature-Ausstellung vor, wie man Urin durch Zugabe von Enzymen und Magnesiumchlorid zu einer reichhaltigen Nährstoffquelle für Pflanzen umwandeln kann.
Dass Kupfer und Zinkelektroden, in Pflanzenerde gesteckt, genug Energie für eine Digitaluhr liefern, ist als Erkenntnisgewinn allerdings ebenso mau wie die Idee des handgekurbelten Vibrators. Der Glücklichmacher Earth Angel von Caden Enterprise spendet auch im hintersten Wüstenzipfel Freuden; für solche Gegenden hatte Biennale-Venedig-Teilnehmerin Marjetica Potrc schon 2001 sinnvollere handbetriebene "Power Tools" - Telefone oder Lampen - entwickelt.
Szenario Stammzellenfarm
Erschreckend, aber gut ist hingegen das Szenario, das Michael Burton vom Menschen als Stammzellenfarm der Pharmaindustrie entwickelt. Oder die Zaubertinte Bare, mit der man die Körperoberfläche mit elektronisch leitfähigen Netzen überziehen kann. Amüsement dominiert hier wie auch an den anderen Festivalstätten und erinnert daran, dass die Ars - jenseits der Symposien und Workshops, die am Freitag starten - ein Publikumsfestival ist und die vielreisende Kunst- und Technologieklientel eher nicht mehr vom Hocker reißen kann. Auf Altbekanntes zu treffen, gehört in der History Lounge jedoch zum Konzept:
Eine Hommage an Zelko Wiener, der nette Life Writer, dessen künstliches Leben sich von den eingetippten Buchstaben ernährt, oder die Liquid Views (1992), eine künstliche Wasseroberfläche. Von dieser berichtet die Künstlerin Monika Fleischmann, sie habe stets unterschiedlichste Reaktionen ausgelöst: "Das ist ja wie Sex mit meinem Computer" , deutete man das Wasserstreicheln etwa in Los Angeles.
Wie jedes Jahr zeigt sich hier im Brucknerhaus aber auch, dass noch so bemühtes Ausstellungsdesign nicht gegen die architektonische 70er-Jahre-Düsternis ankommt und das Multifunktionslabyrinth aus Infoständen, Büros und Cafeteria den Ausstellungsteilen nicht zuträglich ist.
Daher lohnt stets der Weg ins OK, wo jedes Jahr die mit oder ohne Goldene Nica gewürdigten Cyber-Arts-Projekte zu sehen sind. Edunia, die Kreuzung des genetischen Codes von dem Künstler Eduardo Kac und einer Petunie, die blaue Gen-Nelken-Zucht von Georg Tremmel oder ein Kalligraphie-Roboter von robotlabs, der binnen neun Monaten eine komplette Bibel niederschreibt, formulieren Ideen, die man gerne weiterspinnt. (Anne Katrin Feßler / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.9.2009)
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