Die kalifornische Band verbindet mexikanische Klischees mit der anarchistischen Haltung des US-Hardcore - zum Weinen schön
Dass bei dieser Sache etwas faul ist, erkennt man nicht nur am sportlichen Slacker-Schuhwerk und den Frisuren der zentralen Akteure. Auch Texte wie folgender werden sich im traditionellen mexikanischen Genre eher gar nicht finden. Der Papst ist nämlich katholisch. "Please quit asking Jesus for help / Go out and find it yourself."
Man muss also davon ausgehen, dass sich unter den im Tanzkappellenbedarfshandel erworbenen schwarzen "Charros" insgesamt gut vier Handvoll gottlose Tattoos befinden. Und es ist damit zu rechnen, dass die Musiker sonst grundsätzlich einem anderen Tagesgeschäft nachgehen, als mit Wurmschnapsmischgetränken angetschecherten Ami-Touristen das Loblied der Küchenschabe mit Bratlgeige und Oberkrainerhupe ins Klischee zu reiben.
Hinter Mariachi el Bronx verbirgt sich das in Los Angeles ansässige Hardcore-Punk-Trio The Bronx. Drei Weißbrote, die in einer nicht so glamourösen hispanischen Wohngegend nicht nur tags wie nachts Gangster-HipHop um die Ohren gehauen bekommen und sich etwas verzagt an ihre Gitarren klammern, auf denen der Satz "Fuck the system!" steht. Dank zusätzlicher Dauerbeschallung mit mexikanischen Volksmusiken und der väterlichen Freundschaft des kalifornisch-mexikanischen Akkordeonkönigs David Hidalgo von der Götterband Los Lobos bauten sie gegenüber den Mariachi-Sounds zudem ein Stockholm-Syndrom auf.
Wenn man "La Cucaracha" und diverse Lieder über weiße und schwarze Tauben, gebrochene Herzen, zerbrochene Träume und das liebliche Mexiko voller auf Friedhöfen tanzender Lebender wie Toter und schließlich das Loblied auf das Komatrinken ("I'm Borracho number one!") nur oft genug gehört hat, geht es einem in Fleisch und Blut über. Der entwurzelte weiße Mann neigt bekanntlich dazu, seine spirituelle Heimat in der Ferne zu suchen. Es können ja nicht alle dem Dalai Lama, Bob Marley oder den Klostertalern nachlaufen. Da müssen auch einige Leute für Sänger wie Pedro Infante, Lucha Reyes oder José Alfredo Jiménez übrig bleiben.
The Bronx vergessen ihr Lebensziel, von Johnny Rotten adoptiert zu werden und das amerikanische System zu zerschlagen, indem sie selbst superreich werden. Sänger Matt Caughthran und Freunde schnallen sich akustische Gitarren um, kidnappen ihrerseits Alfredo Ortiz, den Schlagzeuger der Beastie Boys, sowie einige Shopsäufer von der Tankstelle nebenan, die versprechen, im Zweifelsfall auch eine Geige in der Hand halten können, so sie nicht gerade ihr Gleichgewicht ausbalancieren müssen.
Sie gründen eine kommunitarismusdingsbumsgeführte Dritte-in-der-ersten-Welt-Befreiungsarmee, die von Hotelbars und öffentlichen Barbecues aus Kalifornien zu jenem von honigfarbenem Licht durchfluteten gelobten Land machen soll, in dem es dank für jedermann frei zugänglicher Kräuterzigarettenfabriken und Wurmschnapstränken ein immerwährendes Singen, Lachen, Tanzen und Springen hat.
Bevor es so weit ist, rumpeln sich Mariachi el Bronx allerdings noch mit bissigen, sozialkritischen Liedern wie Clown Powder, Slave Labor oder Silver Or Lead in einer atemberaubenden Mischung aus scheppernden und schmetternden Trompeten, bauchigen Bässen und hart gestrampften Gitarren durch die Schluchten von Los Angeles und predigen der Welt, dass diese nicht gut eingerichtet sei.
All dies könnte selbstverständlich leicht ins ironische Fach abdriften und das Unternehmen zu einer musikalischen Clownreise degradieren. The Bronx aber entdecken in den klischeehaften mexikanischen Liedschablonen eine anarchische Kraft und aufsässige Lebensfreude, die dem angestammten Punkrock schon lange verlorengegangen ist. Mariachi El Bronx, con mucho gusto. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.9.2009)
Mariachi El Bronx (White Drugs / Universal)