Chefs der UN-Atomenergiebehörde : Keine konkreten Beweise für ein laufendes Atomwaffenprogramm der Regierung in Teheran
Wien - Der Iran wird nach Auffassung des Chefs der UN-Atomenergiebehörde (IAEO bzw. IAEA) in absehbarer Zukunft keine eigene Atomwaffe bauen. Die vom Nuklearprogramm der Islamischen Republik ausgehende Bedrohung werde übertrieben dargestellt, sagte IAEO-Generaldirektor Mohamed ElBaradei in einem Interview des Fachmagazins "Bulletin of the Atomic Scientists". Darin betonte er, es gebe keine konkreten Beweise für ein laufendes Atomwaffenprogramm der Regierung in Teheran. "Aber irgendwie reden viele Leute davon, dass Irans Atomprogramm die größte Bedrohung für die Welt ist. Ich denke, in vielerlei Hinsicht ist diese Bedrohung aufgebauscht worden".
ElBaradei sagte, man mache sich mit Blick auf das Atomprogramm Sorgen, was die künftigen Absichten der iranischen Regierung angehe. Er forderte deshalb mehr Transparenz seitens des Iran. "Aber die Vorstellung, dass wir morgen aufwachen und der Iran eine Atomwaffe haben wird - das ist eine Vorstellung, die von den Fakten, die wir bislang gesehen haben, nicht untermauert wird."
Der IAEO-Chef, der im November nach zwölf Jahren aus dem Amt scheidet, mahnte Zurückhaltung bei der Verschärfung von Strafmaßnahmen gegen den Iran an. Sanktionen dürften nur als letztes Mittel in Betracht gezogen werden, und sie dürften nicht die Bevölkerung treffen, sagte er. "Wie wir im Irak gesehen haben, verhinderten Sanktionen lediglich den Zugang verletzbarer, unschuldiger Zivilisten zu Lebensmitteln und Medizin."
Das Interview wurde im Juli geführt und am Dienstagabend veröffentlicht. Am heutigen Mittwoch treffen sich im Raum Frankfurt Vertreter der fünf ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrats und Deutschlands. Sie wollen ihren künftigen Kurs im Umgang mit dem Iran abstecken. US-Präsident Barack Obama hat der Islamischen Republik bis Ende September Zeit gegeben, sich zu neuen Gesprächen bereitzuerklären. Anderenfalls drohe eine vierte Sanktions-Runde. Am Dienstag hatte der Iran überraschend mitgeteilt, er willige in neue Verhandlungen über sein umstrittenes Atomprogramm ein.
Der Iran wird verdächtigt, unter dem Deckmantel eines zivilen Nuklearprogramms die Entwicklung von Atomwaffen anzustreben. Der Iran bestreitet das, hat aber bisher keine umfassenden internationalen Kontrollen zugelassen.(APA/Reuters)