Die Azoren-Insel São Miguel ist praktisch: Ihr vulkanischer Boden kocht Eintopf, wärmt Naturpools und lässt Tee in Europa gedeihen
"Heiß!", schreit der Bustourist und zieht geschwind seine Hand zurück. Wie ein kleines Kind, das von der heißen Herdplatte lernt, macht er gerade seine erste Erfahrung mit der Azoren-Insel São Miguel.
Die Hand war nicht am Herd, sondern in einem Erdloch der Caldeira Velha im Inneren der Insel. Alle paar Sekunden schnaubt hier der heiße Schwefeldampf heraus, an einer anderen Stelle gar kochendes Wasser. Weiter oben am Vulkan ist es dann aber wohltemperiert: Warme Quellen erhitzen einen kleinen Teich auf 45 Grad, und ein lauer, mineralhaltiger Wasserfall stürzt am Rand zehn Meter in die Tiefe. Die Azoren sind also doch ein Badeparadies, sollen die wenigen Bustouristen hier lernen. Zumeist sogar ein einsames - die Busse kommen nur kurz, einmal nach der Mittagspause und dann wieder am späten Nachmittag.
Schmatzt seit 50.000 Jahren
Erdgeschichtlich ist das Naturbad geradezu eine Neueröffnung. Es liegt am einstigen Kraterrand der Serra de Agua de Pau mit dem 947 Meter hohen Pico da Barrosa und der Serra da Tronqueira. Der gegenüberliegende Vulkan von Sete Cidades befand sich ursprünglich auf einer eigenen Insel. Erst vor 50.000 Jahren haben dann Erdbeben und Vulkanausbrüche eine Landbrücke entstehen lassen und die heutige langgezogene Form von São Miguel geschaffen - mitsamt der 65 kleineren Vulkankegel, aus denen es heute noch dampft, sprüht und schmatzt.
Früher war die Insel mit Wald bedeckt, aber darüber ist ganz zur Freude der Kühe auf den Weiden viel Gras gewachsen. 200.000 Rinder werden heute auf den neun Azoren-Inseln gehalten, allein auf São Miguel grasen 35.000. Die klimatischen Bedingungen begünstigen das, die durchschnittlichen Temperaturen und Niederschlagsmengen erlauben eine fast ganzjährige Beweidung. Fanden die ersten portugiesischen Eroberer im Jahre 1444 noch dichten Urwald auf den Azoren vor, so erstrecken sich heute oberhalb der Küste fast ausschließlich Wiesen. Diese Vegetationszone ist wie geschaffen für die Viehzucht - in den Bergen und um die Kraterseen ist es oft nebelig, dafür ist das Gras hier besonders üppig und grün.
Die Felder sind beinahe alle eingezäunt - von riesigen Hortensienhecken. Man kann sagen, São Miguel wird geradezu geadelt von Hortensien: Blaublütig, nur hier und da von weißen Hortensien unterbrochen, ziehen sich im Sommer riesige Felder über die Insel. Auch die mittlerweile zu einfachen Landstraßen ausgebauten Hohlwege werden von ihnen gesäumt - blühende Leitplanken sozusagen.
Die meisten Rinder werden heute aufs portugiesische Festland verschifft, denn die Bewohner der Azoren könnten allein so viel Fleisch gar nicht verzehren. Selbst wenn es im schmackhaften Eintopf "Cozido das Furnas" landet. Der besteht hauptsächlich aus Rindfleisch, aber auch aus scharfer Salami, Morcela-Blutwurst und Lauch-, Blatt- oder Rübengemüse. Es ist eine sehr erdverbundene Spezialität: Große, schwere Fleischtöpfe werden dafür in den heißen Fumarolenlöchern der Vulkan-erde vergraben und nach sechs Stunden als Eintopf aus der Hexenküche geholt. Angeblich geben die schwefligen Dämpfe dem Gericht seine besondere Note.
Furnas ist aber nicht nur wegen seiner Dampfkessel bekannt, sondern auch als Kurort mit Mineralbad. Im Terra Nostra Park gibt es den weltweit größten durch Erdwärme geheizten Naturpool. Aus zwei Wasserspeiern kommt immer wieder heißes Wasser nach, dessen Temperatur man nur kurz aushalten kann. Das mineralhaltige, braune Wasser sieht ein wenig brackig aus, ist aber ganz frisch. Umgeben ist dieses Naturheilbecken von einem zwölf Hektar großen botanischen Garten. Denn bereits vor 250 Jahren kam Furnas als Sommerfrische in Mode. Zuerst ließ der US-Vizekonsul und Orangenexporteur Thomas Hickling eine Villa gleich hinter dem Teich bauen und legte dann den Park an. Später erweiterte die Adelsfamilie da Praia das irdische Garten-Eden-Projekt.
Aber so wie São Miguels berühmte Hortensien sind auch die anderen Gewächse hier im Garten keine heimischen: Als frühe Globalisierer holten die Kolonialherren viele Exoten aus Asien oder Südamerika. Hinter der Hickling-Villa säumen etwa riesige Ginkgos den Weg zum Skulpturengarten, und vor den kleinen Grotten im Park stehen alte Araukarien mit sechs Meter Umfang, rot blühende Eisenholz-bäume, japanische Sicheltannen und Tulpenbäume aus Nordamerika. Und damit es zwischen den Baumfarnen und Bambushainen immer blüht, gibt's hier noch Kamelien, Callas, Cannas, Amaryllis, Agapanthus, Orchideen und Lilien. Der Yams, eine Staudenpflanze mit herzförmigen Blättern und Wurzelknolle, hat auf der Insel längst seinen angestammten Platz - natürlich auch im Cozido-Eintopf.
Echter europäischer Tee
Mitunter wirkt die Insel sogar abseits der raren Zeugnisse von Zivilisation wie ein Obst- und Gemüsegarten, denn es wächst aufgrund des feucht-milden Klimas so ziemlich alles auf den Azoren: am Straßenrand überdimensionierte Kapuzinerkresse und unmittelbar daneben bereits Ananas, Zuckerrohr - und sogar Tee. Die beiden einzigen Teeplantagen Europas befinden sich im Nordosten São Miguels in der Nähe von Maia.
Die ehrwürdigen Häuser "Cha Gorreana" und "Cha Formosa" produzieren den Tee ausschließlich für den heimischen Bedarf. Über Macao wurden ab 1874 Sprösslinge aus China eingeführt, als der Niedergang des Orangenanbaus durch die Napfschildlaus die Suche nach neuen Anbauprodukten veranlasst hatte. Rund 45 Hektar werden im Familienbetrieb von Hermano Ataide Mota mittlerweile in der fünften Generation bewirtschaftet, 40 Tonnen schwarzen und grünen Tees ernten Motas Mitarbeiter im Jahr. Von April bis September werden alle zwei Wochen nur die zartesten Blätter aus den Teepflanzen herausgeschnitten.
Der Besuch der Teeplantage ist wie eine Zeitreise in die Anfänge der Industrialisierung. Die Blätter werden längst nicht mehr wie früher mit der Hand gezupft. Das macht jetzt eine alte Maschine, die drei Menschen gleichzeitig bedienen müssen - wie mit einem Staubsauger holen sie dabei nur die jungen Blätter aus den Stauden. Im Obergeschoß des Anwesens welken die Blätter dann, anschließend werden sie fermentiert, und danach schließen sich die maschinelle Trocknung und Reinigung an. Es überrascht nicht weiter, dass die gefinkelten Apparaturen zur Tee-verarbeitung aus England kamen. Handarbeit bleibt nur das Sieben und Verpacken des Tees, an der Hausbar gibt es ihn dann frisch gebrüht zu kosten.
Auf der anderen, südlichen Seite der Insel wird ebenfalls täglich frisch gebrüht. In einer Bucht liegt der Strand Praia do Fogo bei Ribeira Quente - das Besondere an dieser Badestelle: Sie verfügt über eine natürliche Bodenheizung. Der Bustourist vom Vulkan ist auch wieder da. Er steht bereits bis zu den Waden im Wasser und gräbt mit den Zehen ein paar Zentimeter im Sand. Da öffnet sich ein Deckel zum Hexenkessel, und der Sand wird kochend heiß. Der Tourist kennt sich inzwischen mit der Höllenwärme aus. "Cool", sagt er nur und legt sich in die Badewanne.
Da öffnet sich ein Deckel zum Hexenkessel, und der Sand wird heiß. Der Tourist kennt sich inzwischen mit der Höllenwärme aus. 'Cool', sagt er nur und legt sich in die Badewanne. (Nicolas van Ryk/DER STANDARD/Printausgabe/29.8.2009)