Rundschau: Six Feet Under In Space

Josefson, 19. September 2009, 13:14
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coverfoto: heyne

Robert Charles Wilson: "Julian Comstock"

Broschiert, 670 Seiten, € 9,20, Heyne 2009.

Das ist mal wieder so ein Fall, wo ein grandios gutes Buch unter den Erwartungen der LeserInnen leiden könnte. Also am besten alles vergessen, was man vom (wahl-)kanadischen Star-Autor Robert Charles Wilson bislang gewohnt war, zurücklehnen und genießen - der Meister der Ideen-SF hat sich diesmal nicht für kosmophysikalische Phänomeme interessiert und statt dessen ein Experiment gewagt. Wilson ist ein bekennender Fan von Abenteuerromanen aus dem 19. Jahrhundert - auch solchen der schundigeren Art. Gewidmet hat er "Julian Comstock" William Taylor Adams, der als "Oliver Optic" einige Jugendromane verfasste, und der Ich-Erzähler von "Julian Comstock" hat sich ein Gutteil seines Weltbilds aus den ähnlich gestrickten Abenteuergeschichten des fiktiven Autors Charles Curtis Easton zusammengezimmert. Der Roman ist in fünf Akte unterteilt und etabliert bereits im launigen Vorwort den speziellen Tonfall zwischen Draufgängertum und augenzwinkernder Großmäuligkeit, in dem damals so gerne erzählt wurde.

Wir befinden uns mitten im 22. Jahrhundert - doch sieht man von den imposanten Stahlskeletten in Manhattan und den längst überwucherten Müllhalden ab, würde man's nicht merken. Die Säkularen Alten - mit anderen Worten: wir - haben den Karren in den Dreck gefahren, das Ende des Öls und der Niedergang der Städte liegen lange zurück und die Welt hat sich auf einem neuen/alten Niveau eingependelt, das dem 19. Jahrhundert zum Verwechseln ähnlich sieht. (So ähnlich, dass von Anfang an klar ist: Hier geht es nicht um eine plausible Zukunftskonstruktion, sondern um ganz etwas Anderes.) Es ist eine auf den ersten Blick idyllische Welt der Getreidemühlen und Brombeerbüsche, der Pferdedroschken und Pfeifenraucher. Aber auch eine der strengen Klassendreiteilung in Aristokraten bzw. Eupatriden, freie aber wenig begüterte Pächter und abhängige Arbeiter ... oder um ein Wort aus der Vergangenheit zu nehmen: Sklaven. Und eine Welt der Prüfsiegel auf Bücher und des rigorosen Vorgehens gegen Häresien. Worunter zumindest in den Vereinigten Staaten, die nun auch weite Teile Kanadas umfassen, alles fällt, was dem Dominion of Jesus Christ on Earth widerspricht.

Titelfigur ist der zu Beginn des Romans 17 Jahre alte Neffe des US-Präsidenten, der vor seinem recht monarchisch regierenden Onkel ins Exil gerettet werden musste: in den Bundesstaat Athabaska im Nordwesten des Kontinents. Doch erzählt wird sein Werdegang und Aufstieg zur legendenumrankten Gestalt aus der Sicht seines besten Freundes, des gleichaltrigen Athabaskaners Sam Hazzard. Gemeinsam fliehen sie vor der Zwangsrekrutierung, werden aber aufgegriffen und mit der Armee in den östlichen Bundesstaat Labrador geschickt, wo die fürchterlichen und aggressiven Mitteleuropäer seit Jahrzehnten den Amerikanern Gebiete streitig machen. Trotz der allseits bekannten Grausamkeit und Gottlosigkeit Mitteleuropas erzeugt dieses Fürstentum in seinen Untertanen dennoch so etwas wie "Patriotismus" (der dem wirklichen zum Verwechseln ähnlich sieht), resümiert Sam in einer der zahlreichen Fußnoten zum Gaudium gerade heimischer LeserInnen. Durch seine Schilderungen (aber auch durch Auslassungen und Verdrängungen) wird Sam glänzend charakterisiert. Vom naiven und im Grunde systembejahenden Jungen - ein Charakterzug, den er nie ganz verlieren wird -  wandelt er sich allmählich zum reifen und kritischer denkenden Menschen. Julian hingegen bleibt selbst für seinen besten Freund weitgehend ein Mysterium, trotz all der gemeinsamen Erlebnisse, die sie in den weiteren Akten nach New York, in einen neuerlichen Kriegszug und schließlich wieder in die neue Hauptstadt der USA zurückführen. Dabei verbindet die beiden sogar der gemeinsame Traum vom Schreiben: Während Sam seine Kriegserlebnisse dazu nützt, seinem eingangs erwähnten literarischen Vorbild Charles Curtis Easton nachzueifern, arbeitet Julian an der Verwirklichung seiner großen Vision: der filmischen Umsetzung seines Werks "The Life and Adventures of the Great Naturalist Charles Darwin".

Wilson hat mit "Julian Comstock" (im Original mit dem Zusatz "A Story of 22nd Century America" versehen) so etwas wie den großen amerikanischen Abenteuerroman alter Prägung geschrieben - und ermöglicht uns wie einem Leser unserer Ururureltern-Generation die (Wieder-)Entdeckung der Welt. Und indem Wilson die Zukunft als Zwillingsschwester der Vergangenheit schildert, kann er zugleich satirische Schlaglichter auf die Gegenwart werfen: Auf eine US-Präsidentschaft als Familienangelegenheit etwa oder eine nach einer christlich geeinten Welt strebende Regierung. Oder auch subtiler: Nur zu gerne mokieren sich die Figuren in "Julian Comstock" über die zerstörerische Verschwendungssucht der Säkularen Alten - und lassen selbst die dreckschleudernde Kohlewirtschaft wieder aufleben, mit der die Raubbau-Gesellschaft überhaupt erst ihren Anfang nahm. - "Julian Comstock" - an dieser Stelle gebührt auch dem Übersetzer Anerkennung - sprüht vor Humor; nicht nur, aber gerne von der spöttischen Art. Und über jeder Seite schwebt der Geist von Mark Twain.

Bemerkenswert aber auch der Grundzug von Gutmütigkeit und Optimismus, der nicht einmal in der Beschreibung von Kriegsgräueln verloren geht. Und einige Momente sind besonders berührend. Zum Beispiel wenn Sam sein längst zerfleddertes Exemplar eines verbotenen Buchs der Alten hervorkramt: "A History of Mankind in Space", das er auf all seinen Reisen bei sich trägt. Oder wenn Julian sein humanistisches Glaubensbekenntnis formuliert: Ich wünsche mir eine Bibel, in der die Früchte vom Baum der Erkenntnis den Samen der Weisheit enthalten und das Leben für die Menschen schöner machen und nicht schlimmer. Ich wünsche mir eine Bibel, in der Isaac vom Opferstein aufspringt und Abraham an die Kehle fährt, um ihn für die elende, blutige Sünde des Gehorsams zu bestrafen. Nicht zuletzt sucht der Roman damit im Jahr 2174 nach der Antwort auf eine Frage, die 2009 eindeutig verneint werden muss: Kann ein Atheist Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden?

"Julian Comstock" ist der vielleicht beste Phantastik-Roman des Jahres. In die Top Ten gehört er allemal.

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20 Postings
Julian Comstock

was mich ein wenig überrascht hat ist die ähnlichkeit des Settings und der Erzählstruktur zu Fitzpatrick´s War von Theodore Judson. Ich denke allerdings das
Robert Charles Wilsons Entwurf besser ist (bis jetzt bin aber noch nicht fertig mit dem Buch)

Danke für die Ausdauer beim lesen. Werde mir wohl Turils Reisen durchlesen, hört sich recht interessant an.

Ist übrigens eine treffende Beschreibung der Bücher von Peter F Hamliton.

Broschiert, 493 bzw. 381 Seiten

also das buch will ich sehen, das eine seite hat, die keine rückseite hat ...

ist zwar ot, gehört aber auch mal gesagt.

aber okay, hier ist der sci-fi teil, vielleicht gibts ja tatsächlich so was wie eine einseitige seite ...

Sie sollten mal wieder ein Buch in die Hand nehmen - naja, und dann versuchen mal, ein Buch auch zu lesen. Sie werden, nicht nur was die Seitenzahl angeht, seeeehr überrascht sein ... ;-)))

naja, aber wenn der Roman auf Seite 493 aus ist, bleibt das Blatt auf der hinteren Seite leer und das Buch mag dann durchaus mehr Seiten haben, der Roman aber nicht.

und ich dachte immer, seitenzahlen bezögen sich auf die physischen seiten, nicht auf die beschriebenen.

jetzt frag ich mich, wie man bei alasdair grays janine, 1982 zählt. da sind haufenweise leere seiten mitten im text.

Vielleicht sind da ja die leeren Seiten Teil des Romans ;)

Generell wirds da keine Norm geben wie die Seiten zu zählen sind. Mich persönlich würd halt schon eher interessieren auf wieviele Seiten der Text sich aufteilt und nicht wieviele Blätter sich im Buch befinden.

ob ein buch 214, 598 oder 1530 seiten hat mag in gewissem sinne von interesse sein.
ob es jedoch mit dem einen oder anderen vakat fünf seiten mehr hat oder nicht - das ist doch völlig irrelevant, sofern man keine druckermaschine betätigt.

der gedanke 'teil des romans', gestaltungselement sozusagen, gefällt mir.

Wieder mal ...

... danke für die Rundschau!

Turils Reise habe ich zu 2/3 durch, war zuerst wegen des Perry Rhodan Backgrounds[*] etwas skeptisch, ist aber wirklich gut geschrieben. Und abgesehen vom morbiden Hauptthema kann man durchaus weiteren österreichischen Lokalkolorit erkennen.



[*] wer Interesse an einer vollständigen Silberband-Sammlung von 1 - 100 um 400 Euro hat: alexander[at]all-chemie.at

Perry Rhodan ist zwar klassische Schundliteratur aber auch unglaublich kreativ. Ich stehe zu meinem Perry :)

Es gibt eine Reihe von Einwänden gegen die Serie.

Alles Handeln ist militärisches Handeln. Militärpersonen sind die Hauptpersonen. Der Titelheld ist sowohl Staatsoberhaupt als auch Feldherr, und mit dysfunktionalen Familienverhhältnissen. Es geht oft um Eroberung. Der beschriebene Menschenstaat ist angeblich eine Demokratie, doch der Titelheld ist jahrtausendelang politischer Führer. Das letztere Wort hab ich absichtlich gewählt!

Ich habe nicht viel Perry Rhodan gelesen,

aber im Gegensatz zu Ihnen ist mir bekannt, das die Frage, inwiefern Handeln militärisches Handeln sein muss zu unterschiedlichen Zeiten innerhalb der Serie unterschiedlich beantwortet wurde. Auch dass die Hauptperson sowohl Staatsoberhaupt als auch Feldherr war trifft nicht immer zu und warum dysfunktionale Familienverhältnisse der Hauptperson ein Einwand gegen eine Serie sein sollen verstehe ich nicht.
Übrigens ist im Wesen der Demokratie nicht angelegt, dass die gewählten Repräsentanten nur eine kurze Zeitspanne regieren dürfen, wenn die Wähler einer Demokratie ihr ganzes Leben die gleiche Person wählen, so ist das ihr gutes Recht.

Wenn man die Serie am Anfang anfängt ist die Tendenz ziemlich klar.

Ich hab die Serie bis zu den MdI verfolgt. Zu verschiedenen Zeiten in meinem Leben. Zahlreiche Menschenrechtsverstöße pflastern den Weg der Protagonisten - zuerst im Auftrag des Robotregenten und dann auf eigene Rechnung. Nicht gerade vorbildlich für die zumeist jungen Leser!

So tiefschürfend analysiere ich Schundliteratur eigentlich nicht. Aliens, Raumschlachten und so weiter zählen für mich - und somit ist PR eine Fortführung der Goldenen Ära der SciFi. Und die vermisse ich, auch wenn langsam wieder ein Silberstreif am Horizonz auftaucht.

Lesen Sie mal

Edmond Hamilton und seine beiden "Star King" Romane. Alt aber gut!

ich hab damals perry rhodan gelesen. so von 500-1000.
(meister der insel, hetos der sieben, seth apophis).
gibts das heute auch noch, daß man wieder bei einem band einsteigen kann, der quasi der anfang eines neuen erzählschwerpunktes ist? würd gern mal wieder ein paar bände lesen ...

"Meister der Insel" waren aber die Bände 200-299. 500-570 war "Schwarm", dann Altmutanten, Anti-ES, Konzil der Sieben, Aphilie, Bardioc, und dann hab ich aufgehört zu lesen, langlang ists her. Die Silberbände haben mir optisch nie gefallen, aber gelegentlich werden jetzt Einzelzyklen als Taschenbücher aufgelegt, und manchmal muss ich an mich halten, mir eins zu kaufen, aber irgendwie möchte ich gute Jugenderinnerungen nicht mit der Wirklichkeit konfrontieren.

ja, das stimmt schon. "meister der insel" waren die bände 200-299 - an "schwarm" kann ich mich nicht erinnern. "konzil der sieben" hab ich gelesen und dann war da ja auch noch das mit dem verschwundenen gehirn von perry rhodan. und dann kam das mit der superintelligenz, die träumte.
hab dann noch den anfang von "seth apophis" (kann falsch geschrieben ein), wieder eine feindselige superintelligenz, gelesen. dann hab ich aufgehört.
kann man da jetzt mit "silberbänden" weiterlesen?

Ja, bei 2500 hat gerade ein neuer Zyklus angefangen. Ich les aber eher die alten Silberbände, weil mir die ganze Vorgeschichte fehlt. Vielleicht steig ich dann mit den Hefteln an. Kann mich aber erinnern, dass die dann schon ziemlich absurd wurden so von der Technologie her.

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