Vorsichtige Annäherung unter Nachbarn

31. August 2009, 19:27
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Serbische Urlauber kehren allmählich nach Istrien zurück, auch wenn die Erinnerung an den Krieg noch frisch ist

Poreè - Während das istrische Küstenstädtchen Poreè am Sonntagmorgen, kurz nach acht Uhr, langsam aus dem Schlaf erwacht, herrscht auf dem örtlichen Busbahnhof bereits reges Treiben. Koffer rollen über den Bahnsteig, um in den Stauräumen großer Reisebusse mit serbischen Nummernschildern zu verschwinden. Gleich auf drei Bussen prangt die Aufschrift „Beograd", wie die serbische Hauptstadt in der Landessprache heißt. Gut acht Stunden dauert die Fahrt von Istrien nach Belgrad, dreimal pro Woche wird die Strecke bedient. An diesem Morgen sind so gut wie alle Plätze belegt.

Nebojša Vivod verstaut gerade seine Sporttasche im Gepäckraum des Busses. Der Tourist aus Belgrad ist das erste Mal in Kroatien, hat gerade zwei Wochen bei Verwandten in Poreè verbracht, die ihn zum Bus begleiten. Er ist begeistert. „Ich komme sicher bald wieder, das war wirklich klasse hier." Ob er als Serbe in Kroatien negative Erfahrungen gemacht habe? Der junge Mann schüttelt den Kopf energisch. Auch seine Begleiter stimmen mit ein. Nein, ganz im Gegenteil.

Vivod ist nicht der einzige serbische Tourist, den es auf die westlichste kroatische Halbinsel zieht. Von Jahr zu Jahr werden es mehr. Allein in Istrien habe man heuer ein Fünftel mehr serbische Gäste als im Vorjahr zu verzeichnen.

Langsamer Trend

„Trotz allem ist das erst der Anfang", so Tomislav Popovic, Direktor des Fremdenverkehrsverbands Istrien. Es sei ein langsamer Trend. Kein Boom, wie es bisweilen in den Medien dargestellt werde, sagt er.

Denn die serbischen Touristen stellen gerade mal ein Prozent aller Gäste in Istrien. In den ersten sieben Monaten waren es 11.700 Touristen, die dort Urlaub machten. Zum Vergleich: In diesem Zeitraum zog es mehr als 200.000 Gäste aus Österreich auf die Halbinsel. Anderswo in kroatischen Ferienregionen sehen die Zahlen weniger rosig aus, serbische Nummernschilder sieht man dort eher selten. Nicht ohne Grund, denn die Wunden der Kämpfe zwischen den beiden Nachbarn sind auch 18 Jahre nach Kriegsausbruch noch recht frisch, wie etwa im ostkroatischen Slawonien oder im dalmatinischen Hinterland. In Istrien habe es keinen Krieg gegeben. Entsprechend sei hier nicht mit Zwischenfällen zu rechnen, die auf Revanchismus basieren, sagt Popovic.

Zerkratzte Autos oder gar zerstochene Autoreifen serbischer Fahrzeuge, die auf kroatischen Straßen unterwegs sind, hielten die allermeisten Serben von einem Urlaub in Kroatien ab und brachten einen findigen serbischen Geschäftsmann auf die Idee, kroatische Nummernschildattrappen an Touristen aus seinem Land zu verkaufen, um Beschädigungen des eigenen Fahrzeugs im einst verfeindeten Kroatien zu vermeiden.

Milkan Maravic betreibt das maritim ausgestattete Luxushotel Nautica im Hafen von Novigrad, an der Westküste Istriens. Das Lounge-Restaurant öffnet den Blick auf mehrere Reihen Yachten. Auch serbische Gäste aus Belgrad sind angereist, um von der dazugehörigen Marina aus zum Segeltörn aufzubrechen, wie man an den Autokennzeichen erkennen kann. Noch sind es nur wenige, aber Maravic setzt auf das Nachbarland: Bei der Touristikmesse in Belgrad präsentierte er sein Hotel in diesem Frühjahr erstmals potenziellen serbischen Gästen. „Das ist ein Wachstumsmarkt", sagt der Hotelier optimistisch.

Werbung um Kroaten

Die kroatische Fremdenverkehrszentrale schickte sich heuer ebenfalls erstmals dazu an, mit Plakaten in Belgrad und der Vojvodina um potenzielle Touristen aus dem Nachbarland zu werben - vor wenigen Jahren noch undenkbar.
Zur Rückkehr der Serben in das einst verfeindete Kroatien trägt auch die nationale serbische Fluggesellschaft JAT bei. Sie führte im Vorjahr erstmals seit dem Krieg wieder eine Flugverbindung von Belgrad nach Pula ein. Nun befördert ein Regionalflieger knapp 50 Passagiere aus der früheren jugoslawischen Hauptstadt zweimal wöchentlich nach Kroatien und zurück - allerdings nur in der Urlaubssaison. (weng, DER STANDARD, Printausgabe, 1.9.2009)

 

  • Rückfahrt nach Belgrad: serbische Urlauber am Busbahnhof von Poreè. Vom Balkankrieg blieb Istrien verschont.
    foto: veronika wengert

    Rückfahrt nach Belgrad: serbische Urlauber am Busbahnhof von Poreè. Vom Balkankrieg blieb Istrien verschont.

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