"Im ORF kommen Scheren zum Einsatz"

31. August 2009, 18:31
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Kanzler-Adlatus Josef Ostermayer und Satiriker Rupert Henning über Sex und Sündenfälle der Sozialdemokratie

STANDARD: Sie stammen beide aus sozialdemokratischem Haus. Was haben Sie von dort fürs Leben mitgenommen?

Ostermayer: Zu allererst die Eigenschaft, bei Gesprächspartnern wie ein Katalysator Wissen freizusetzen. Erzähle ich, dass ich aus Schattendorf komme, löse ich oft einen Aha-Effekt aus. Mein Großonkel war jenes Kind, das dort 1927 von Frontkämpfern, den Gegnern der Sozialdemokraten, erschossen wurde und traurige historische Berühmtheit erlangte. Mein Background war auch insofern sozialdemokratisch, als mein Großvater Eisenbahner war, ebenso wie Herr Hennings Urgroßvater. Meine Mutter war Hausfrau, mein Vater Maurer.

Henning: Meine Erinnerungen sind mehr atmosphärisch. Links war für mich mit alten Männern verbunden, die - zeitgeistig gesprochen - trotz Alter mehr Sex versprühten als andere: Victor Adler, Bruno Kreisky und mein Urgroßvater, der seine Parteiabzeichen unter einem illuminierbaren Modell des Petersdoms verwahrte. In Kärnten war ich oft in den "windischen" Gebieten, wo die Risse quer durch Familien verliefen: Der eine Sohn war bei den Partisanen gewesen, der andere bei den Nazis. Schon als Bub hab ich nicht verstanden, warum dieses Land Mehrsprachigkeit nicht als Chance begreift. Dadurch meine Affinität zu Gruppen, die Gleichberechtigung und Solidarität im Programm haben. Ob sie's auch leben, ist eine andere Frage ...

STANDARD: ... die Sie in der Satire "Freundschaft" aufgeworfen haben, einem roten Generationenkonflikt.

Henning: Aber nicht, um ein Therapieprogramm für die Sozialdemokratie zu schreiben. Wir haben uns damit beschäftigt, warum ideologische Tools dem Anschein nach im Alltag obsolet geworden sind. Und die Sozialdemokraten sind eben jene Partei, die am meisten unter Ideologieverlust leidet.

STANDARD: Haben Sie nie gegen die Traditionen im Elternhaus rebelliert, Herr Ostermayer?

Ostermayer: Nein, ich konnte mich mit dem Lebensentwurf meiner Eltern gut identifizieren: Haltung haben, aber gesprächsfähig sein und so den eigenen Zielen möglichst nahekommen. Das hat mehr mit Pragmatismus als Ideologie zu tun.

Henning: Friedrich Dürrenmatt hat einmal geschrieben: "Ideologie ist Ordnung auf Kosten des Weiterdenkens."

Ostermayer: Ein sehr schöner Satz, den ich teile. Es gibt zwar übergeordnete Ziele, die man abstrahiert als Ideologie bezeichnen kann, aber nicht als etwas Statisches betrachten darf. Man muss so hehre Ziele wie Chancengleichheit immer neu durchdenken, aber auch beachten, was Christian Broda gesagt hat: Immer nur einen Schritt voraus gehen, sonst verliert man den Kontakt zur Bevölkerung.

Henning: Und wie definiert ein Sozialdemokrat heutzutage Chancengleichheit?

Ostermayer: Da kann ich aus eigener Erfahrung sprechen. In meinem ersten Jahr im Gymnasium kauften meine Eltern die Schulbücher noch älteren Schülern ab, im zweiten Jahr gab es sie bereits gratis. Ohne Kreiskys Reformen wäre ich kaum der erste Akademiker im Haushalt geworden. Es geht darum, die Logik zu brechen, dass Kinder aus benachteiligten Familien automatisch in schlechtere Bildungswege gedrängt werden.

STANDARD: Die SPÖ träumt gerne von der Kreisky-Zeit. Doch welche Visionen kämpft sie heute durch?

Ostermayer: Das Schulthema ist aktueller denn je. Wenn die SPÖ die neue Mittelschule oder Ganztagsschulen durchsetzt, fördert sie die Chancengleichheit. Andere Beispiele: das einkommensabhängige Kindergeld, das bedürftige Alleinerzieherinnen länger beziehen können, ebenso der kostenlose Kindergarten.

STANDARD: Gegenbeispiel: Nach sozialdemokratischer Logik wären höhere Steuern auf Vermögen gerecht. Trotzdem bremst der Kanzler.

Ostermayer: So eindeutig ist die Meinung nicht. Es war mit Ferdinand Lacina ein Sozialdemokrat, der Vermögenssteuern aus guten Gründen abgeschafft hat, die heute noch gelten. Wir müssen uns schon fragen, wie man Geld im Land halten kann und ob es derzeit sinnvoll ist, Steuern zu erhöhen.

STANDARD: Vielleicht hat das Zaudern aber auch einen ganz anderen Grund: Alles, was dem "Krone" -Leser schwer zu verkaufen ist, probiert die SPÖ erst gar nicht.

Henning: Der Schriftsteller Josef Haslinger hat schon in den Achtzigern festgestellt, dass die Politik den realen Verhältnissen nicht mehr ordnend entgegentritt, sondern nur noch auf die vom Markt produzierte Gefühlslage reagiert. Das trifft heute mehr zu denn je. Natürlich ist es schwierig, Entscheidungen zu treffen, die gleichzeitig wirksam und populär sind. Ich habe Mitleid mit den Politikern. Aber es hält sich in Grenzen.

Ostermayer: Wir sind in einer anderen Situation als vor 30 Jahren. Die wirtschaftliche Verflechtung ist größer geworden, da muss man gerade bei der Steuerpolitik sensibel sein. Alle sind etwa für eine europaweite Finanztransaktionssteuer. Was aber, wenn Großbritannien nicht mitmacht, weil es um den Londoner Finanzplatz fürchtet? Dann stellt sich die Frage, ob diese Steuer möglich ist, ohne Arbeitsplätze zu vernichten.

Henning: Sozialdemokratische Spitzenpolitiker sind da nicht zu beneiden. An ihr Ehrgefühl werden offenbar viel höhere Ansprüche gerichtet als bei anderen Parteien. Wenn sich ein konservativer Politiker als Homosexueller entpuppt, der in seiner Jugend Joschka-Fischer-Imitator war, dann sagt man bei der ÖVP: "Schaut's, wie offen wir sind." Trinkt hingegen ein Sozialist teuren Bordeaux, bekennt sich zum Hedonismus und schickt seine Tochter auf eine Privatschule, schreien die Genossen "Verrat" .

STANDARD: Wie das bei Alfred Gusenbauer passiert ist ...

Henning: ... dem noch anderes vorgeworfen wurde. Bei den Recherchen für Freundschaft haben uns Funktionäre erzählt: "Wir werden arbeiten für den Gusi, aber rennen werden wir nicht." Begründung: "Wenn wir dort anrufen, kommen wir nie durch." Durchkommen, hieß es, tut man immer nur beim Wiener Bürgermeister Häupl.

STANDARD: Sein Nachfolger Werner Faymann hat ein anderes Imageproblem. Viele Intellektuelle wenden sich von der SPÖ ab, weil ihnen Faymanns Politik zu flach und populistisch vorkommt. Sie auch?

Henning: Ich kann mich nicht abwenden, weil ich nicht dazugehöre. Aber ein Sündenfall wie Faymanns Brief an Krone-Herausgeber Hans Dichand geht über die Verflachung, die Haslinger beschrieben hat, weit hinaus. Die Politik ist immer mehr zu einem Spiel geworden, das sich um die Frage dreht, was ich wo und wie kommuniziere, um möglichst wenig Leute zu verschrecken.

Ostermayer: Politik und Medien leben in einer Symbiose, und das zwangsläufig. Die Parteien haben nicht mehr diese omnipotente Stellung, dass sie die Kommunikation allein über ihre Strukturen bewerkstelligen können. Deshalb muss es respektvolle Zusammenarbeit mit den Medien geben.

Henning: Kooperieren muss aber nicht Anbiedern bedeuten. Die Krone ist nicht irgendein Medium, sie macht Politik. Da trommelt das Blatt gegen die EU; und just zu dem Zeitpunkt schreibt die SPÖ Dichand einen Brief, der sich liest, als wolle sie auf der Welle mitreiten.

Ostermayer: Es hat zeitgleich Interviews mit der APA und dem ORF gegeben. Die Idee war, ein breites Publikum zu erreichen.

STANDARD: Ein Interview ist aber etwas anderes als ein devoter Brief.

Henning: Noch dazu, wenn er ausgerechnet an Dichand adressiert ist. Für mich ist die Krone nicht nur in diesem Zusammenhang ein Feindbild.

Ostermayer: Aus meiner persönlichen Erfahrung bemerke ich nichts davon, dass sich Intellektuelle deshalb von der SPÖ abwenden.

STANDARD: Trifft der Vorwurf, der SPÖ gehe es oft nur um Machterhalt, nicht gerade auf die Medienpolitik zu, wenn man den Umgang mit dem ORF beobachtet?

Ostermayer: Seit Alexander Wrabetz Generaldirektor ist, gibt es eine so große Offenheit und Objektivität wie lange Jahre zuvor nicht.

STANDARD: Umso verdächtiger, dass Sie Wrabetz angegriffen haben.

Ostermayer: Mit politischem Einfluss hat das nichts zu tun. Bei Amtsantritt hatte ich den Eindruck, dass die Geschäftsführung die Lage des ORF, der ein Minus von 80 Millionen Euro baut, verkannt hat. Wenn nichts geschieht, müsse man Konsequenzen ziehen, sagte ich damals. Mittlerweile glaube ich, dass die Dramatik der Situation erkannt wurde.

Henning: Wrabetz hat neulich gesagt, dass die Journalisten, Programmmacher und Comedians ohne Schere im Kopf agieren könnten. Dem muss ich widersprechen. Aus der Aufzeichnung des aktuellen Kabarettprogramms meiner Kollegen Florian Scheuba und Robert Palfrader wurden aufgrund einer "Weisung" Pointen über ORF-Landesstudios rausgeschnitten. Massive Interventionen hat's gegeben, als sich Die 4 da den Landeshauptleuten gewidmet haben. Und aus demselben Grund wurde sogar gedroht, Dorfers Donnerstalk abzusetzen. Im ORF kommen also sehr wohl Scheren zum Einsatz.

Ostermayer: Hoffentlich unterstellen Sie das nicht mir. Vielleicht hat das berüchtigte Moltofon, mit dem der ehemalige ÖVP-Klubobmann Wilhelm Molterer interveniert haben soll, existiert - ein Ostofon gibt es nicht.

STANDARD: Der ORF hat "Freundschaft" bisher nicht gezeigt und "Die 4 da" eingestellt. Eine Folge von politischem Druck?

Henning: Ich weiß es nicht. Ich weiß bloß, dass kein Mensch je irgendwas von einer "Weisung" gewusst haben wird. (Gerald John/DER STANDARD-Printausgabe, 1.9.2009)

Zu den Personen:

Josef Ostermayer, geboren 1961 in Schattendorf im Burgenland, hat sein politisches Leben an der Seite Werner Faymanns verbracht. Der Jurist ist als Medienstaatssekretär unter anderem für die Reform des kriselnden ORF zuständig - und nach wie vor enger Berater und Mitarbeiter des Bundeskanzlers.

Rupert Henning, geboren 1967 in Klagenfurt, ist Schriftsteller, Schauspieler und Regisseur. Mit Florian Scheuba schrieb er das später verfilmte Theaterstück Freundschaft, in dem er an der Seite von Erwin Steinhauer spielte. Andere Henning-Produktion: die ORF-Satireserie "Die 4 da".

  • "Ich habe Mitleid mit den Politikern": Rupert Henning (rechts) will
nicht in der Haut von Staatssekretär Josef Ostermayer stecken.
    foto: regine hendrich, der standard

    "Ich habe Mitleid mit den Politikern": Rupert Henning (rechts) will nicht in der Haut von Staatssekretär Josef Ostermayer stecken.

  • Josef Ostermayer: "Aus meiner Erfahrung bemerke ich nicht, dass sich Intellektuelle von der SPÖ abwenden."
    foto: regine hendrich, der standard

    Josef Ostermayer: "Aus meiner Erfahrung bemerke ich nicht, dass sich Intellektuelle von der SPÖ abwenden."

  • Rupert Henning: "Interventionen hat's gegeben, als sich 'Die 4 da'  den Landeshauptleuten gewidmet haben."
    foto: regine hendrich, der standard

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