Nachbeben im Hirn

31. August 2009, 23:00
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Wissenschaftliches Neuland betreten: Neuronale Folgen bei Erdbebenopfern in China erforscht

London - Es war halb drei Uhr Ortszeit, als am 12. Mai des Vorjahrs in der südchinesischen Provinz Sichuan der Boden auf einer Länge von rund 250 Kilometern brach. Womöglich war das katastrophale Erdbeben der Stärke 8.0 nach Richter von einem Stausee ausgelöst worden, der erst wenige Jahre zuvor unweit des Epizentrums in Betrieb gegangen war (der STANDARD berichtete).
Während man über den Grund des Bebens noch streitet, ist die Opferstatistik längst offiziell: Knapp 80.000 Menschen starben, 375.000 wurden schwer verletzt und 45 Millionen waren betroffen. Wenig musste man bisher allerdings über die psychischen Nachwirkungen: Welche Folgen hatte das massive Trauma bei den unverletzt Überlebenden? Und lassen sich Spuren der Traumatisierung womöglich direkt im Gehirn nachweisen?

Ein Team von Forschern aus britischen, US-amerikanischen und chinesischen Forschern ist diesen Fragen unmittelbar nach dem Beben nachgegangen und hat dabei wissenschaftliches Neuland betreten. Zwar gab es bereits Studien, für die man das Gehirn von Traumapatienten mittels Magnetresonanztomografie (MRI) untersuchte, doch das traumatische Erlebnis lag bei diesen Patienten meist schon Jahre zurück.

Das chinesische Beben gab den Forschern erstmals Gelegenheit, unmittelbar nach einem solchen Schockerlebnis Einblick in das Gehirn der Betroffenen zu erhalten. 13 Tage nach dem verheerenden Beben fanden sich 44 physisch gesunde Überlebende und 32 Kontrollpersonen, die sich einer Tomografie unterzogen.

Bei den MRI-Scans zeigte sich, dass einige Hirnregionen bei den traumatisierten Bebenopfer besonders hohe Aktivität aufwiesen, andere Bereiche hingegen eine stark herabgesetzte Verbindung zu anderen Hirnregionen aufwiesen. Damit scheint klar zu sein, dass die traumatische Erfahrung nicht nur regionale Hirnfunktionen herabsetzte, sondern insbesondere dynamische Interaktionen innerhalb neuronaler Netzwerke im Gehirn beeinträchtigte, schreiben die Forscher in der US-Wissenschaftszeitschrift PNAS.

Ihre Untersuchung habe damit jene Hirnregionen identifiziert, bei denen eine Therapie ansetzen soll, um langfristige psychische Folgen bei Traumaüberlebenden zu verringern, sagt Koautor Andrea Mechelli vom King's College in London zum möglichen Nutzen der Studie. Die Forscher gehen davon aus, dass rund 20 Prozent der unmittelbar Betroffenen des Bebens posttraumatische Belastungsstörungen oder ähnliche Symptome entwickeln könnten. (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Printausgabe, 1. 9. 2009)

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    Rettungseinsatz nach dem großen Beben vom Mai 2008 - 45 Millionen Menschen waren von der Katastrophe betroffen.

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