"Und wenn es der Teufel persönlich ist"

31. August 2009, 17:52
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Wenn es um humanitäre Hilfe geht, müsse man auch mit der Al-Kaida verhandeln, sagt UN-Nothilfekoordinator John Holmes

In vielen Konfliktgebieten werde die Situation für Zivilisten immer schlimmer, schilderte er im Gespräch mit Julia Raabe.

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STANDARD: Zivilisten müssen in Konflikten geschützt werden. In der Praxis ist das aber nicht der Fall - Beispiel Gaza, Somalia, Darfur.

Holmes: Wir haben große Fortschritte darin gemacht zu definieren, wie sich Regierungen verhalten sollten, bewaffnete Gruppen, etc. Diese STANDARDs werden nicht eingehalten. Die Situation wird in mancher Hinsicht schlimmer. In internen Konflikten sind Zivilisten besonders verwundbar. Unser Problem: die Umsetzung vor Ort.

STANDARD: Woran scheitert das?

Holmes: Die Frage ist, welche Art von Maßnahmen der Sicherheitsrat ergreifen kann. Es gibt den Internationalen Strafgerichtshof, aber der hat noch keinen abschreckenden Effekt. An vielen Orten gilt immer noch eine Kultur der Straflosigkeit. Das müssen wir ändern. Wo wir eine Friedensmission haben, gibt es eine direkte Chance zu helfen, wie in der Demokratische Republik Kongo oder Darfur.

STANDARD: Das sind Beispiele, wo der Schutz nicht funktioniert hat.

Holmes: Wir müssen den Eindruck vermeiden, dass eine Friedensmission die Antwort auf alle Probleme ist. Es ist unmöglich, jeden Zivilisten zu schützen. Wir müssen also effektiver werden: flexibel sein, die richtigen Leute haben, Informationen. Das ist die Richtung, in die wir gehen müssen.

STANDARD: Österreich hat den Schutz von Zivilisten zum Schwerpunkt im Sicherheitsrat gemacht. Was ist ein realistisches Ergebnis?

Holmes: Das müssen wir weiter diskutieren. Der Sicherheitsrat will das Jubiläum (10 Jahre erste Resolution zum Zivilistenschutz, Anm.) kennzeichnen. Ob das in Form einer neuen Resolution oder einer Erklärung geschieht - das ist die Diskussion, die wir führen werden. Wir haben keine magische Lösung.

STANDARD: In Einzelfällen hängt es auch immer von den fünf ständigen Mitgliedern des Sicherheitsrats ab. Wie steht es um deren Willen?

Holmes: Das werden wir testen. Alle sind sich einig, dass das ein wichtiges Thema ist. Aber wenn es zu realen Situationen kommt, wird die Debatte politisierter. Wir müssen wegkommen von dieser politischen Parteilichkeit. Ich hoffe auf den anhaltenden Druck.

STANDARD: Humanitäre Helfer werden immer öfter selbst angegriffen. Wie reagieren Sie darauf?

Holmes: An Orten wie Afghanistan, Somalia wird jede Intervention von außen als feindlich betrachtet. Wir müssen härter daran arbeiten, Gruppen wie den Taliban oder Al-Kaida zu erklären, was humanitäre Helfer tun. Dass es keine versteckte Agenda gibt. Es ist nicht immer leicht, das den Regierungen darzulegen. Aber wir müssen reden, wenn wir Zugang zur Bevölkerung bekommen wollen - und wenn es der Teufel persönlich ist.

STANDARD: Wie wirkt sich die Finanzkrise auf Ihre Ressourcen aus?

Holmes: Die Staaten haben versprochen, das Level aufrechtzuerhalten. Österreich ist übrigens kein sehr gutes Beispiel: Es ist zwar generell ein guter Unterstützer der Uno. Aber bei uns sind das freiwillige Beiträge - und die Österreichs sind nicht besonders hoch. Angesichts des Wohlstand des Landes. (DER STANDARD, Printausgabe, 1.9.2009)

  • ZUR PERSON: Der Brite Sir John Eaton Holmes, geb. 1951, ist UN-Untergeneralsekretär für Humanitäres.
    foto: epa/martial trezzini

    ZUR PERSON: Der Brite Sir John Eaton Holmes, geb. 1951, ist UN-Untergeneralsekretär für Humanitäres.

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