STANDARD-Interview

Nobelpreisträger Scholes warnt vor Dollarkrise und hoher Inflation

31. August 2009, 17:36
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    foto: apa/markus prantl

    Scholes: "Wenn die Banken ihre Assets auf den Marktwert abschreiben würden, müssten die Staaten neues Geld einschießen."

Die aktuelle Wirtschaftskrise ist noch lange nicht überwunden, da droht bereits der nächste Kollaps

Wirtschaftsnobelpreisträger Myron Scholes warnt im Gespräch mit dem STANDARD vor einer "Dollarkrise" im Zuge der hohen Staatsverschuldung.

Scholes kritisiert die riesige Ausweitung des Budgetlochs, das im Fiskaljahr 2008/09 (per 30. September) den Rekordwert von 1,58 Billionen Dollar (1,1 Billionen Euro) oder 11,2 Prozent der US-Wirtschaftsleistung erreichte. Mit einer Abwertung des Dollars könnte Washington versuchen, die Schulden gegenüber ausländischen Gläubigern zu reduzieren. Das würde einen weiteren Schock für die Weltwirtschaft bedeuten. "Europa und Asien müssten dann ihrerseits den Konsum einschränken, Welthandel und -investitionen würden fallen", so der Ökonom, der anlässlich des Forum Alpbach in Tirol weilt. Gleichzeitig würde die Inflation anspringen. Scholes verweist darauf, dass die Bilanz der US-Notenbank durch diverse Stützungen bereits massiv aufgebläht wurde

***


STANDARD: Die Notenbanken und Staaten pumpen Billionen in die Banken, doch die Geld- und Kreditmärkte funktionieren immer noch nicht. Was läuft falsch?

Scholes:  Ich denke, die Konsumenten, Investoren, Banken, Regierungen müssen entschulden. Es haben sich in der Wirtschaft viel zu hohe Schuldenberge aufgetürmt, die abgetragen werden müssen. Das dauert sehr lange.

STANDARD: Kann das als Grund dafür herangezogen werden, dass beispielsweise das tiefe Zinsniveau der Notenbanken nicht in der Realwirtschaft ankommt?

Scholes: Banken realisieren, dass eine Risikoprämie von 50 Basispunkten (0,50 Prozentpunkte, Anmerkung) nicht ausreichend ist. Vielleicht schlagen sie jetzt zu weit auf die andere Seite aus.

STANDARD: Sind die toxischen Papiere dafür mitverantwortlich?

Scholes: Nach der Lehman-Pleite haben Herr Bernanke (US-Notenbankchef) und Herr Paulson (US-Finanzminister unter Bush) zuerst dem Kongress ein zweiseitiges Papier präsentiert, das die Beseitigung giftiger Papiere vorsah. Daraufhin kollabierten die Märkte. Der Grund: Der Preis, zu dem die Banken die giftigen Wertpapiere in den Büchern haben, entspricht nicht jenem, den der Markt zu zahlen bereit ist. Der Verkauf mit einem Abschlag von sagen wir 60, 70 Prozent würde das Eigenkapital der Institute aufzehren. Das Programm scheiterte in Japan und wurde auch in den USA großteils fallengelassen. Die europäische Strategie, die von den USA übernommen wurde, lautet: Rekapitalisierung der Banken - das ist die bessere Strategie.

STANDARD: Das heißt aber, dass die Papiere zu überhöhten Werten in den Bilanzen stehenbleiben. Ist das nicht der eigentliche Grund der Vertrauenskrise?

Scholes: Ja, das stimmt. Deshalb wäre mehr Transparenz wichtig. Das Problem: Wenn die Banken ihre Assets auf den Marktwert abschreiben, wären sie unterkapitalisiert, und die Staaten müssten neues Geld in den Apparat pumpen. In den USA ist das politisch nicht machbar. Deshalb wird das ignoriert. Aber je länger wir diese Situation vorfinden, desto länger wird das die wirtschaftliche Erholung beeinträchtigen. Sehen Sie sich die Erfahrungen in Japan an: Dort finanzierten die Banken Zombi-Konzerne durch, die nicht überlebensfähig waren, um künstlich Verluste zu vermeiden. Das ist für die Gesellschaft nicht gut. Wenn etwas untergehen soll, sollte man es auch untergehen lassen.

STANDARD: Ihr Rezept?

Scholes:  Die Abweichungen bei den Bewertungen von den Marktpreisen (fair value) erschwert die Erholung. Je falscher die Bilanzen sind, desto weniger Investoren haben Vertrauen und stellen Geld bereit. Deshalb wäre eine Offenlegung der Assets wichtig.

STANDARD: Wie lange wird die Finanzkrise dauern?

Scholes: Es wird länger dauern, als angenommen, weil wir die Strukturen ändern müssen. Die Modelle für Private Equity, Leveraged Buy Outs, Venture Capital, Risikomanagement, Regulierung: Das alles muss geändert werden. Derzeit läuft alles nach dem Motto: Wenn ein Banker einen Fehler macht, wird er gefeuert. Es wäre illusorisch zu glauben, dass dann irgendjemand ein Risiko eingeht. Gleichzeitig müssen die Konsumenten ihre Verschuldung abbauen und mehr sparen, damit mehr investiert werden kann.

STANDARD: Was die Erholung ebenfalls erschwert, wenn die Konsumenten weniger ausgeben können.

Scholes: Man kann nicht beides haben - mehr Konsum und eine geringere Verschuldung. Darum wird es viel Zeit benötigen, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Eine Schuldenkrise unterscheidet sich von einer Nachfragekrise und dauert länger.

STANDARD: Wie lange?

Scholes: Ich hoffe nicht länger als fünf, sechs Jahre. Ich stimme überein, dass die Regierungen das Bruttoinlandsprodukt steigern können, aber sie schaffen damit keinen Mehrwert für die Gesellschaft, weil private Aktivität verdrängt wird.

STANDARD: Schlittern wir direkt in eine Schuldenkrise der Staaten?

Scholes: Das ist ein großes Problem. Die Ausgaben müssen finanziert werden. Wenn wir die Kreditnachfrage nicht reduzieren, riskieren wir eine Dollarkrise. Die hätte dann das Potenzial des nächsten Schocks. Europa und Asien als Gläubiger wären beeinträchtigt und müssten ihrerseits den Konsum einschränken. Importe und Auslandsinvestitionen würden fallen. Außerdem würde die Inflation anspringen. Schon jetzt hat die US-Notenbank ihre Bilanz durch die Übernahme von Banken-Assets aufgebläht.

STANDARD: Die Konjunkturstimuli werden allgemein gewünscht, bezweifeln Sie deren Wirkung?

Scholes: Die Regierung geht davon aus, dass ein Dollar Staatsgeld zu 1,8 Dollar mehr Konsum führt. Ich glaube, dass es weniger als ein Dollar ist. Die Gesellschaft merkt nämlich:Je mehr die Regierung ausgibt, desto mehr muss zurückgezahlt werden. (Andreas Schnauder, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.9.2009)

Zur Person

Myron Scholes (68), geboren in Ontario, studierte Ökonomie und wurde von den "Chicago Boys" George Stigler und Milton Friedman beeinflusst. 1997 gewann er gemeinsam mit Robert Merton den Wirtschaftsnobelpreis für seine Modelle zur Bewertung von Derivaten (Black-Scholes-Formel).

Kurz darauf bekam der heutige Stanford-Professor die Tücken der Praxis zu spüren, als der Hedgefonds LTCM spektakulär strandete. Die Finanz forderte Steuernachzahlungen.

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Alexander Patjomkin
00
8.10.2009, 20:59
Das Nutzen des Wissens von

Physik-, Chemie-, Medizin-Nobelpreisträger sehen wir ja. Aber wo ist das Nutzen des Wissens der Wirtschaftsgenies aus der USA, die jedes Jahr einen neuen Nobelpresträger präsentieren?
Der Herr Nobel wäre sehr böse, das alles mitansehen zu müssen.

Johann Hunger1
11
Wann hört der Standard auf, aus der usa "Fachmänner" zu befragen?

Tony S
12
LTCM

Dass einer, der tatsächlich nur mit einer kleinen Gruppe gemeinsam eine riesige Finanzkrise ausgelöst hat, überhaupt noch zu dem Thema gscheit daherreden darf, ist mir ein Rätsel.

Fachlich sich widersprechend:
1. (staatliche) Rekapitalisierung der Banken
2. "Mehr Transparenz..." (führt aber zu Eigenkapitalverlust in den Bilanzen)
3. "Wenn etwas untergehen soll, soll es auch untergehen". Widerspricht auch Punkt 1. War außerdem der Grund, warum die Weltwirtschaftskrise der 30er so lange gedauert hat.

Ich frage mich, wie ich zu dem Menschen mal bewundernd "aufschauen" konnte!

Johann Hunger1
00
Super was Sie da schreiben. Aber wissen Sie wer die kleine Gruppe ist?

Tony S
00
Wird das eine Prüfung? ;-)

Scholes, Merton, Mullins und der "Hackler" Meriwether.

Buchtipp:
http://www.amazon.com/Inventing... 0471899992

Johann Hunger1
00
Vielen Dank!

immogeschaedigte.wordpress.com
 
00
Theorie und Praxis

10 Experten 10 Meinungen und der reale Markt reagiert doch anders. Scheinbar werden oft Expertenmodelle zu sehr im "stillen Kämmerchen" angedacht.
http://immogeschaedigte.wordpress.com/

B.Kiddo
01
So what?

Der eine Experte warnt vor hoher Inflation, andere wiederum beschwören das unheilvolle Schreckgespenst der Deflation ... wer soll sich da in diesem "Expertendschungel" noch halbwegs orientieren?

Wirtschaftliche Krisen lassen sich nicht so einfach vorhersagen, wie das Wetter; kaum sagt ein Experte was, reagieren bereits manche Anleger u. Börsen u. diese Meinung ist einen Tag später bereits wieder obsolet, so what?

Tony S
00
Wetter

Genau das ist das Problem: Beim Wetter sind wir tatsächlich reine Beobachter.

In der Wirtschaftswelt beobachten wir uns selber und eine Vorhersage führt zu einer Veränderung der Beobachtung.

Wahl 09
14

die ursache der krise liegt in genau folgendem punkt: der unheilvollen philosophie, dass staatsinterventionismus abschwünge vermeiden kann

Tony S
00
Wie kommen Sie denn darauf??

Vor der Krise war doch die Philosophie: "Weg mit dem Staat!"

Alexander Magg
 
03
Die Nobelpreisträger

Von Wirtschaft haben die Wirtschafts-Nobelpreisträger die geringste Ahnung.
Für allgemeine Wirtschaftsfragen sind sie so sinnvoll wie ein Nobelpreisträger der Medizin als Hausarzt.

Luager
00
Bei solchen Meldungen....

..wäre es überlegenswert ein wenig Dollars zu kaufen,wenn ich an das statement von Krugmann denke,liege ich sicher nicht falsch.

Placebo
 
14
Hoch lebe der Kapitalismus der Noeliberalen!

Umberto Lenzi
04
Wieso Niederösterreich

und wo gibt es dort Liberale?

JETZT 10% UMSONST, NUR FÜR KURZE ZEIT!
 
00
in niederösterreich gibt es kapitalistische liberale?

Umberto Lenzi
02
Aha, wir sind also schon

zu zweit und wundern uns, was im Pröll-Land alles möglich sein soll.
Hoffentlich antwortet er uns, der Placebo.
Sonst steht mir eine schlaflose Nacht bevor.

Placebo
 
00
Tuts mir meinen Erwin nicht schlechtreden ihr linkslinken Kommunisten-Gutmenschen ihr!


Einen besseren und gütigeren Menschen wie ihn kann ich mir gar nicht vorstellen!

Frank'n'furter ät www.agenda2020.at
01

jo genau.

ein titan, seiner zeit weit voraus: www.agenda2020.at/phpbb3/vi... f=57&t=294

also denn ...
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something in the air
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wie immer bemüht der standard die wirtschaftsauguren der welt um die auslegung des kaffeesuds des redaktionsbüros und wie immer schwafeln alle das selbe:
"BLA BLA BLA BLA BLA... weil wir so g'scheit sind, so schön sind, werd'ma miss waikiki...BLA BLA BLA..."(never ending story, fade out wär besser).
kann man die wirtschaftsnobelpreisGEWINNER (kann man bei dem preisausschreiben mitmachen???) nicht weglassen???

01052004
12
"Die Notenbanken und Staaten pumpen Billionen in die Banken, doch die Geld- und Kreditmärkte funktionieren immer noch nicht. Was läuft falsch"

vielleicht mehr geld in die echte wirtschaft pumpen, statt in firmen, die eine luftblase über die andere setzen und beim wort "realwert" in sich zusammenfallen, als hätte man einen luftballon angestochen...

cipf
 
00

Nobelpreis für - theoretisch - schön und stringent gedachtes.
Hat aba mit der Realität nix zu tun.

Stan the man
00

naja ich würde sagen es ist zumindest abstrahierte realität.

Franz Waschbär
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China + BRD: There is nothing like a free lunch !

könnt was dran sein. vorteilhaft wärs vor allem für eine re-industrialisierung der staaten.

eine "entschuldung" auf kosten der gläubiger darf man aber nicht zu einseitig us-kritisch sehen: die gläubiger der US (vor allem China) haben durch finanzierung der us-schulden die eigene wirtschaft befeuert und ein "haircut" wäre nur gerecht. die BRD hat diese über die "subprimes" schon hinter sich. There is nothing like a free lunch!

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