Johnnie Walker geht, die Proteste kommen

31. August 2009, 17:17
27 Postings

Der Mutterkonzern von Johnnie Walker will die Abfüllanlage des berühmtesten Scotch der Welt aus seiner Heimatstadt Kilmarnock verlagern

Der Mutterkonzern von Johnnie Walker will die Abfüllanlage des berühmtesten Scotch der Welt aus seiner Heimatstadt Kilmarnock verlagern. Das stößt der örtlichen Bevölkerung sehr sauer auf.

***

London - Johnnie Walker war Wyllie Browns Leben. Als Böttcher bearbeitete er drei Jahrzehnte lang die Fässer für den wohl berühmtesten Whisky der Welt, zuletzt schuftete er 14 Jahre lang in der Abfüllanlage. Jetzt empfindet der 72-jährige nur noch Abscheu vor seinem einstigen Arbeitgeber und dessen Mutter-Konzern Diageo: "Das sind doch die größten Ganoven unter der Sonne. Wenn die wirklich zumachen, geht Kilmarnock kaputt."

Wie Brown sind die meisten der 45.000 Einwohner des Städtchens Kilmarnock bei Glasgow und darüber hinaus viele ihrer Landsleute in heller Aufregung. "Der Tag geht, Johnnie Walker kommt" , lautete einst die Werbung für das Produkt, das der junge John ("Johnnie" ) Walker 1820 in Kilmarnock zusammenmixte.

Jetzt fürchten die Leute, der Tag sei gekommen, an dem Johnnie Walker geht: Anfang Juli verkündete Diageo die Schließung der riesigen Abfüllanlage mit ihren 700 Angestellten - Teil eines Sparprogramms trotz satter Milliarden-Gewinne. Dagegen wehren sich die Kilmarnocker mit allen Mitteln, denn: "Das wäre doch, als würden Sie Jack Daniel's aus Tennessee entfernen."

Gewerkschafter, der örtliche Unterhaus-Abgeordnete und die Regionalregierung in Edinburgh haben flugs eine Abwehrfront aufgestellt, Zehntausende von Unterschriften gesammelt, eine Petition bei Premierminister Gordon Brown in der Downing Street abgegeben. Am vergangenen Wochenende verteilten sie unter den Besuchern des berühmten Johnnie-Walker-Golfturniers in Gleneagles Flugblätter. "Wir wollen die Golf-Liebhaber auf den Verrat hinweisen, den Diageo an Schottland und schottischem Whisky begeht" , erläutert Jassy Smith von der Gewerkschaft Unite.

Hinter dem entschlossenen Kampf steckt nackte Angst. Schottland hat harte Monate hinter sich. Die einst stolze Finanzindustrie rund um Edinburgh liegt darnieder. Frühere Giganten wie die Royal Bank of Scotland (RBS) mussten von der Regierung in London gerettet werden und schrumpfen jetzt unerbittlich vor sich hin. Angesichts des maroden Staatshaushalts geht auch in Werften und Militärstützpunkten die Angst um. Und die Ölvorkommen in der Nordsee neigen sich dem Ende zu.

Nun trifft es auch noch die Whisky-Industrie, eine stille Erfolgsgeschichte der letzten Jahre. Immer neue Distillerien wurden zuletzt eröffnet, der Durst anspruchsvoller Trinker in Amerika, Asien und Kontinentaleuropa nach hochpreisigem Single Malt und Scotch Blend ließ nicht nach. Hochprozentiges im Wert von 3,4 Mrd. Euro exportierte die Branche im vergangenen Jahr, ein Segen für die angespannte Staatskasse. Zehntausende von Arbeitsplätzen, die meisten in strukturschwachen Gebieten, hängen direkt oder indirekt am Nationalgetränk.

"Gepanscht"

Diageo gehören rund ein Drittel aller Distillerien in Schottland, 4000 Menschen arbeiten für den Konzern. Doch die Londoner Konzernführung wird seit langem mit Misstrauen beobachtet, ­ spätestens seit ihre Marketing-Asse vor Jahren das Sakrileg begingen, einen Single Malt mit Grain-Whisky zu verschneiden und als Pure Malt zu verkaufen. Vom damals entstandenen Streit in der ehrwürdigen Scotch Whisky Association haben sich die Fachleute erst vor kurzem erholt.

Und jetzt dies! Neben dem Standort Kilmarnock soll auch die Böttcherei in Port Dundas im Nordosten Glasgows geschlossen werden, beide Anlagen gelten als unproduktiv. Dass Diageo gleichzeitig den Bau einer neuen Whisky-Abfüllanlage ankündigt, dringt in der Öffentlichkeit kaum durch. Der frühere Labour-Schottlandminister Des Browne, der um seinen Wahlkreis Kilmarnock fürchten muss, und die von Nationalisten geleitete Regionalregierung bombardieren den Konzern mit Rettungsvorschlägen.

Da ist von Subventionen die Rede, von einem neuen Baugrundstück in Kilmarnock auf der grünen Wiese. In dieser Woche will das Edinburgher Parlament über die Pläne diskutieren.

Diageo (produziert auch Smirnoff Vodka und Guinness) zeigt Wirkung. "Ich habe Sorge, dass die Protestierer das Image unserer Marke beschädigen" , mault Vorstandschef Paul Walsh. Gerade erst hat der Konzern mit seinen weltweit 24.000 Mitarbeitern den Gewinn um zehn Prozent auf 2,3 Mrd. Euro gesteigert. Marketingdirektor David Gosnell nennt mögliche Subventionen für den Erhalt des Standorts Kilmarnock deshalb "unangemessen" und verweist darauf, man habe die schwierige Entscheidung lange geprüft: "Wir müssen an die anderen 4000 Menschen denken, die wir in Schottland beschäftigen." Das klingt für manche Whisky-Liebhaber, nicht nur in Kilmarnock, wie eine Drohung. (Sebastian Borger, London, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.9.2009)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der frühere Labour-Schottlandminister Des Browne fürchtet um seinen Wahlkreis Klimarnock. Er wandte sich an das Parlament, um die Schließung der Abfüllanlage zu verhindern.

Share if you care.