Wandel statt Stehenbleiben

31. August 2009, 14:04
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In seinem neuen Buch propagiert Christian Felber eine fundamentale Neuordnung des Wirtschaftssystems, die sich vor allem auf Solidarität und Verantwortung gründen muss

Sehen - Denken - Handeln: Dieser kategorische Imperativ der "Dritte Welt"-Bewegten, der Vorstreiter für eine gerechte Weltwirtschaftsordnung, der frühen Globalisierungskritikerinnen in den 1970er-Jahren zieht sich wie ein Leitmotiv durch das neueste Buch von Christian Felber. "Das Denken soll durch die Lektüre frei werden", wünscht sich der Autor im Vorwort und definiert das persönliche Handeln als zentrales Anliegen des Buches.

Es ist ein flammender Aufruf dafür, es nicht beim Diagnostizieren der Krisen zu belassen, sondern durch eine kollektive Mobilisierung eine zukunftsfähige Welt zu erschaffen.

Krise aus dem Herzen des Kapitalismus

Der große Knall, der das internationale Finanz- und Wirtschaftsgefüge gegenwärtig erschüttert, baut auf zahlreichen Krisenphänomenen im vergangenen Jahrhundert auf. Felber, Mitbegründer des österreichischen Zweiges der internationalen globalisierungskritischen Attac-Bewegung, nennt auch mit selten gehörter Deutlichkeit den Kern des Übels: Die Krise kommt aus dem Herzen des Kapitalismus. Was ihm sicherlich den Vorwurf der Vereinfachung, der ideologischen Schwarz-Weiß-Malerei eintragen wird. Doch dass es sich bei Christian Felber um keinen marxistischen Ideologen handelt, wird wohl jeder bestätigen können, der über die letzten Jahre hinweg seine - auch immer wieder in STANDARD-Kommentaren ausgebreiteten - Positionen verfolgt hat.

Das rasante, deregulierte Anwachsen des globalen Finanzvermögens in eklatantem Missverhältnis zur realen Wirtschaftsleistung stellt einen der Hauptgründe für den wirtschaftlichen Absturz des vergangenen Jahres dar. Merkwürdig, ja unverständlich mutet es an, wie so viele Jahre lang nationale und internationale politische Instanzen jenen Weg ebnen und fördern konnten, der direkt in die aktuelle Krise führte. Die eiserne Lady Margaret Thatcher und ihre vielen kleinen Schüler, auch in Österreich, hätten sich eigentlich vorstellen können, dass diese wachsende Kluft auf die Dauer zu einem Crash führen muss. Ähnliche Beispiele für das Versagen der Politik gäbe es noch zur Genüge, und der Autor führt sie auch minutiös auf.

Verweilen wir bei unserer Kausalkette noch kurz beim Thema "Denken". Wenn die Politik in der neoliberalen Ära seit den 1980er-Jahren versagt oder uns irregeführt hat - wie steht es dann mit dem Volk, von dem angeblich alle Macht in unseren westlichen Republiken ausgeht?

Handelt es sich vielleicht mehr um ein Demokratieversagen als um ein Politikversagen? Doch selbst bei mehr Regulierung, bei mehr Demokratie ist Christian Felber skeptisch, ob eine effektive Kontrolle der Märkte gelingen würde, da der Kern des Übels, der Kapitalismus, diese Kombination aus Gewinnstreben und Konkurrenz, intakt bleibt. Schließlich hat das Finanzmarktkapital weltweit hunderte Billionen Dollar angehäuft, die professionell verwaltet werden und politisch organisiert sind. Eine Macht, die nicht freiwillig aufgegeben wird.

Aufbau von Alternativen

Kommen wir zum letzten Punkt unseres Sozial-Imperativs, dem Handeln. Hier beginnt Felber mit einem Ansatz, den auch Klaus Werner-Lobo in seinem letzten Buch "Uns gehört die Welt!" detailliert ausgearbeitet hat: die Rückgewinnung der Macht durch die Bürger und Bürgerinnen. Übernehmen von Eigenverantwortung als Akt der gesellschaftlichen Veränderung, wozu auch der Einsatz für eine lebendige, partizipative Demokratie gehört.

Die Handlungsfelder für diesen Einsatz sind breit gestreut: im Bereich unabhängige Medien und alternative Information, Einsatz der persönlichen Konsumentscheidung als Stimme für soziale Arbeitsbedingungen und ökologische Produktion, Aufbau von Alternativen zum neoliberalen Einheitsbrei und zur Diktatur des angeblich so freien Marktes.

Beispiele für gesamtgesellschaftliche Alternativen gibt es bereits zur Genüge, von der "demokratischen Allmende" über das partizipative Budget, von der ethischen Geldanlage bis zum Kostnix-Laden.

Modelle einer "solidarischen Ökonomie" mit dezentralen demokratischen Entscheidungsprozessen über Konsum und Produktion finden immer mehr Anklang.

Ermutigung zum Systemwandel

Die Zeit für eine große Wende ist günstig - eine Feststellung, die makaber kontrastiert mit der weitverbreiteten Politikverdrossenheit, Demokratiemüdigkeit und Hinwendung zu autoritären populistischen Lösungsvorschlägen. Ein Verhaltensmuster, das durch die herrschende Praxis von Politik und Demokratieverständnis entscheidend genährt wird.

Wenn die Leserin, der Leser sich nach der Lektüre ermutigt fühlt, vom Sehen und Denken zum Handeln zu schreiten, dann hat Christian Felbers Buch sein Ziel erreicht: Ermutigung zum Einsatz für einen grundlegenden Systemwandel, bei dem Zusammenarbeit, Solidarität sowie Verantwortungsgefühl für die Zukunft Konkurrenzdenken und Mentalität als tragende Säulen gesellschaftlicher Entwicklung ersetzen.  (Werner Hörtner, DER STANDARD, Album, 28./29.8.2009)

  • Christian Felber:"Kooperation statt Konkurrenz"142 Seiten, 14,90 Euro,Deuticke Verlag, Wien 2009

    Christian Felber:
    "Kooperation statt Konkurrenz"
    142 Seiten, 14,90 Euro,
    Deuticke Verlag,
    Wien 2009

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