"Ein bisschen Schwund ist immer"

31. August 2009, 16:45
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Markus Zohner verlässt Riga und nähert sich Estland, dem vorletzten Land seiner Reise. Danach wartet nur noch Russland auf den Wanderer

Nach zehn Tagen verlasse ich Riga, ausgeruht, mit gewaschener Wäsche am Leib und gekämmt. Die Filme sind abgeschickt, die Schuhe totgelaufen. Die neuen Schuhe aus silbrigem Schaumstoff lassen mich wie einen Astronauten, der auf einem falschen Stern gelandet, ist durch die Straßen tapsen. Aber ein anderes Design gab es nicht, in Größe 52.

Wieder am Strand entlang, wieder nach Norden. Schilfmoore am Ufer, stundenlange Wanderungen durch den Sand, ohne einer Seele zu begegnen. Seltene Vögel fliegen auf, riesige Möwenschwärme heben in den azurnen Himmel ab, sobald sie meiner gewahr werden. Pause, und der Wunsch, diesen Ort nie wieder verlassen zu müssen. Hier sitzen zu bleiben im Sand, die tiefe Sonne im Gesicht, gesund zu sein, stark, jung, lebendig. Für immer.

Nach ein Paar Tagen dann Annäherung an die Grenze nach Estland. Ein ausgezeichnetes Hotel in Ainazi, noch auf der lettischen Seite, mit exquisitem Essen. Wer hätte das gedacht, hier, an einem Ort so fern jeglicher Wirklichkeit? Abendessen mit zwei überaus netten und kultivierten deutschen Faltbootpaddlern, die wie ich staunen über die Qualität der Bewirtung und des Hotels. Lange Gespräche über Freiheit, Frieden und diese Welt, die in Wirklichkeit nie besser war als heute, auch wenn wir Romantiker das gerne verklären.

Einer dieser Abende, die so gut tun, weil sie leicht bleiben, ein freundliches Auge auf das Leben werfen und auf den Ort, die anregen und die Gedanken in Fluss bringen, noch lange danach. Da konnte auch der faschistische Holländer nichts ausrichten, der sein Fahrrad anhielt, als er uns sah und schwärmte, dass hier alles so sauber sei, weil nur Arier hier lebten, ganz im Gegensatz zu Amsterdam und Rotterdam, wo die Ratten hausten - wegen der vielen Schwarzen. Wir schüttelten alle drei den Kopf, aber der bittere Geschmack auf der Zunge verflog mit dem exzellenten Pfannkuchen und wir fuhren fort, Reiseerlebisse auszutauschen. Auf den Raub meines Telefons in Riga meinte Herr Fischer nur schmunzelnd: "Ein bisschen Schwund ist immer." Wissen Sie, dass Sie mir mit diesen Satz sehr gut getan haben, Herr Fischer? Ich denke oft daran, wie wichtig dieses "bisschen Schwund" ist. Das ist Teil allen Handelns, jeder Bewegung, jedes Reisens, und wenn kein Schwund ist, dann stimmt etwas nicht.

Ich zögerte, anderntags nach Estland hinüber zu spazieren. Das vorletzte Land meiner langen Reise, danach erwartete mich nur noch Russland. Das Ziel kam sozusagen in Sichtweite und ich spürte, wie ich immer langsamer wurde, als sich die Grenzmole näherte. Fast hätte ich die obligaten Photos vergessen neben den Grenzschildern und -steinen.

Schon lange war das Reisen zu einem Alltag, zu einem Leben geworden mit seinen eigenen Regeln, so dass es mir als gar nichts Besonderes mehr erschien, in ein neues Land hinüberzugehen.

Aber dann rief mir eine innere Stimme zu, die Augen aufzumachen und plötzlich sah ich und lachte und photographierte und tanzte ein bisschen, rief laut Worte des Dankes erst in den lettischen, dann in den estnischen Himmel hinein, drehte einige Kreise und torkelte dann hinüber nach Estland, schwindlig, verwundert, euphorisch und ungläubig.

Nach einer weiteren knappen Woche erreiche ich Pärnu, die Sommerhauptstadt Estlands. Gegründet 1251 vom Deutschen Orden, wurde 1838, nach wechselhafter Geschichte in deutschen, schwedischen und russischen Händen,  hier die erste Badeanstalt eröffnet. Elisabethenkirche, Katharinenkirche, Museum für moderne Kunst. 

Das letzte Mal war ich vor zehn Monaten hier, im November 2008, zur Aufführung von Moliere's "Misantroop", den ich in Tallin inszeniert hatte und der hier bei einem Theaterfestival im wunderbaren "Endla"-Theater zu Gast war. "Weißt Du, Markus, warum dir Estland so gut gefällt?" hatte mich kurz vor der Aufführung vor ausverkauftem Haus die Direktorin des Tallinner VAT Theater, Tiina Rebane gefragt. "Estland hat eine Million Einwohner. Und pro Jahr werden in Estland eine Million Theaterkarten verkauft - eine Karte pro Kopf. Das ist mehr als in jedem anderen Land der Welt. Wann kommst Du wieder?"

Jetzt stehen hier, statt großer grauer Wolken, die im November wie Tränensäcke über dem Städtchen hingen, lachende Wattebäusche im kristallenen Himmel und eine Orgie feinsten weißen Sandes am Strand. 

Bunte, windschiefe Holzhäuser, einige von ihnen mit verspielten Türmchen und großen, aus vielen quadratischen Scheiben bestehenden Fenstern, die die meergekühlte Lichtluft ins Innere bitten.

Ein paar Tage Pärnu, um Verborgenes aufzuspüren. Dann der unvermeidliche Aufbruch und eine traurige Trennung: das Meer, den treuen Freund der vergangenen Monate verlassen und Estland diagonal durchschreitend und in Richtung Paide, Rakvere und Narva gehen. Russland naht. (Markus Zohner)

  • Auf dem Weg nach Estland, dem vorletzten Land auf der Reise von Markus Zohner.
    foto: zohner

    Auf dem Weg nach Estland, dem vorletzten Land auf der Reise von Markus Zohner.

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