"Verantwortliche sind Gefangene des Systems"

31. August 2009, 06:44
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Unser Gesundheitssystem ist krank, Reformen stocken - Das Buch "Zukunft Gesundheit" zeigt Lösungen auf

Karin Pollack sprach mit Autor Martin Rümmele über Machtspiele, unmutige Politik und Eigenverantwortung.

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Standard: Im Herbst steht wieder einmal eine Entscheidung zur Gesundheitsreform an. Warum zieht sich das so lange hin?

Rümmele: In der Vergangenheit war es nie anders. Probleme werden hinausgezögert, und irgendwie ging es immer weiter. Mittlerweile sind die Probleme riesig. Krankenkassen haben ein Finanzierungsproblem, wir haben ineffiziente, zu teure Strukturen. Der Grund dafür ist, dass das Gesundheitswesen der größte Wirtschaftsfaktor und Arbeitgeber im Land ist. Auch in der Wirtschaftskrise sind die Gewinne stabil. Es geht um Einfluss, Geld und politische Macht. Keiner der Player im System will Veränderung. In Wirklichkeit wollen Ärzte, Sozialversicherungen, Krankenhäuser und die Pharmaindustrie den Status quo halten und ihre Interessen wahren.

Standard: Worum geht es Ärzten?

Rümmele: Sie verteidigen ihr Behandlungsmonopol, niemand soll ihnen dreinreden. Zusätzlich erschwerend ist die extreme Hierarchie in der Ärzteschaft. Spitalsärzte fühlen sich besser als niedergelassene Fachärzte, und Fachärzte fühlen sich besser als Allgemeinmediziner. Leidtragende sind Patienten und das Gesundheitswesen.

Standard: Wo liegt das Problem bei den Sozialversicherungen?

Rümmele: In der Organisation. Die Selbstverwaltung wird von der Wirtschaftskammer und der Arbeiterkammer besetzt - also Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite. Die Wirtschaftskammer will ein günstiges System, um Lohn-, Nebenkosten zu sparen, andere Kräfte dort wie Pharma- oder Medizintechnikindustrie wollen das Gegenteil. Da gibt es Spannungen, detto bei den Arbeitnehmern, die einerseits niedrige Beiträge wollen, andererseits sind tausende Menschen ja direkt oder indirekt im Gesundheitsbereich tätig. Jede Art von Veränderung könnte Arbeitsplätze kosten.

Standard: Und die Krankenhausbetreiber?

Rümmele: Sie stehen unter dem Einfluss von Gemeinden und Bundesländern, das ist der letzte Bereich, wo Länder bei Gesundheit mitsteuern können. Und Krankenhäuser sind regional wichtige Wirtschaftsfaktoren, da wollen die Bundesländer mitbestimmen. Deshalb ist die Finanzierung aus einer Hand, wie oft gefordert, eine massive Bedrohung.

Standard: Muss auch die Pharmaindustrie kämpfen?

Rümmele: Und wie, vor allem deshalb, weil die wirklich großen Innovationen aus diesem Bereich in den letzten Jahren rar geworden sind. Der Gewinndruck ist enorm, und deshalb wird mitunter auch mit Tricks gearbeitet: Scheininnovationen, Versorgung von Krankenhäusern mit Gratismedikamenten, Beeinflussung von Ärzten.

Standard: Kann ein Außenstehender das überhaupt verstehen?

Rümmele: Schwer, und ich unterstelle den Akteuren, dass sie es bewusst unverständlich halten. Je intransparenter, umso leichter lässt es sich in festgefahrenen Strukturen agieren. Die Verantwortlichen sind Gefangene ihres Systems.

Standard: Reformen können also nur von außen kommen?

Rümmele: Nein, es bräuchte nur endlich Politiker, die Mut zur Veränderung haben. Barack Obama macht das gerade in den USA. Er stößt auf enormen Widerstand, aber Obama etabliert einen Diskurs über das Gesundheitsthema. Da stellen sich die Senatoren hin und diskutieren, und man traut den Menschen zu, sich mit komplexen Systemen auseinanderzusetzen. Davon sind wir hier weit entfernt.

Standard: In Ihrem Buch geht es über weite Strecken kaum um Krankheit. Warum?

Rümmele: Der ehemalige Gesundheitsminister Kurt Steyrer hat einmal gesagt: "Für den Anstieg der Lebenserwartung in den vergangenen Jahrzehnten hat die Medizin den geringsten Beitrag geleistet." Für die höhere Lebenserwartung ist die Medizin nur zu dreißig Prozent verantwortlich, das bestätigen auch Studien. Die anderen siebzig Prozent hängen von den Lebensumständen eines Menschen ab: Einkommen, sozialer Status, Ernährung, Bildung, Arbeitsumfeld, Umwelt. Diese Themen entscheiden über Gesundheit.

Standard: Die Weichen werden also in anderen politischen Ressorts gestellt?

Rümmele: Ja, im Bildungsministerium, wenn Sportstunden gekürzt werden oder die Gesamtschule gebremst wird. Bildung ist Basis für Status und Einkommen, und krank sind mehrheitlich Menschen mit wenig Bildung und Einkommen. 1,5 Millionen Menschen in Österreich sind armutsgefährdet. Auch das Landwirtschaftsministerium stellt Weichen: EU-Agrarförderungen unterstützen die Produktion ungesunder Lebensmittel. Billige Lebensmittel sind ungesund. Auch Städte- und Verkehrsplanung wirken sich auf die Gesundheit aus. Man sollte so etwas wie eine Gesundheitsverträglichkeitsprüfung für jede politische Entscheidung einführen, da würde einem das Ausmaß dessen, was alles "Ungesundes" passiert, bewusst werden.

Standard: Geht es in erster Linie also um Prävention?

Rümmele: Natürlich. Österreich leistet in der Prävention derzeit so gut wie nichts, denn nur wenige Leute erkennen die Zusammenhänge. Gesundheit ist aber eine gemeinsame Verantwortung. Sie lässt sich nicht individualisieren, indem man sagt: "Na, dann ernährts euch halt gesünder." Aus Studien weiß man, dass es um die Lebensumstände geht, da müssen sich Strukturen ändern.

Standard: Damit ist das Gesundheitsministerium aber überfordert?

Rümmele: Dort wird das derzeit rein kurative System gesteuert. Macht und Einfluss hat das Gesundheitsministerium nicht. Zu Unrecht, denn die Menschen glauben, Gesundheit würde dort entschieden. Diesen Auftrag der Bevölkerung könnten die Verantwortlichen doch ernster nehmen. Klar ist, dass man als Gesundheitsminister mit viel Druck von den Akteuren im System rechnen muss. Mit der nötigen Rückendeckung wäre auch das zu meistern. Ich sehe keine Initiativen.

Standard: Mit welchen großen Problemen werden wir in den nächsten 20 Jahren konfrontiert sein?

Rümmele: Mit der Überalterung der Gesellschaft und den fehlenden Versorgungsstrukturen. Es muss unterschiedliche Formen von Versorgung, etwa für Demenzkranke, geben und Ärzte, die auf die Betreuung alter Menschen spezialisiert sind. Die Ärztekammer sperrt sich dagegen. Unverantwortlich.

Standard: Welche medizinischen Herausforderungen gibt es?

Rümmele: Chronische Erkrankungen wie Diabetes, Allergien und Adipositas, die Fettsucht.

Standard: Wo bleibt die Eigenverantwortung?

Rümmele: Eigenverantwortung klingt so, als ob jeder tatsächlich für sich selbst verantwortlich ist. Wir wissen aber, dass die Lebensumstände nur zum Teil von den Menschen selbst beeinflusst werden können. Oft wird mit diesem Begriff auch Verantwortung von Menschen innerhalb des Gesundheitssystem auf das Individuum abgewälzt. Dieses Konzept ist gefährlich, denn am Ende werden Kranke bestraft. Gesundheit ist immer eine gemeinsame Verantwortung.

Standard: Ist das nicht eine soziale Utopie?

Rümmele: Nein, weil wir wissen, dass es für ein Individuum nicht möglich ist, Verantwortung für die eigene Gesundheit zu tragen. Es wäre zu teuer. Also bleibt tatsächlich nur ein gemeinsames Vorgehen als Strategie übrig. Das Buch ist ein Beitrag gegen die herrschende Entsozialisierung der Gesellschaft. Jeder kann Impulse setzen. (DER STANDARD-Printausgabe, 31.8.2009)

"Zukunft Gesundheit" wird heute, Montag, 31. 8. um 19 Uhr, im Presseclub Concordia (1010, Bankgasse 8) präsentiert. 

Zur Person

Martin Rümmele (39) ist Journalist und Buchautor von "Kranke Geschäfte" (2005) und "Medizin vom Fließband" (2007). "Zukunft Gesundheit" (Orac 2009) hat er mit Andreas Feiertag geschrieben. Beide Autoren schreiben regelmäßig im Standard.

  • Martin Rümmele schlägt eine Gesundheitsverträglichkeitsprüfung für politische Entscheidungen vor, weil sie das Ausmaß an Ungesundem bewusst machen würde.
    montage: standard

    Martin Rümmele schlägt eine Gesundheitsverträglichkeitsprüfung für politische Entscheidungen vor, weil sie das Ausmaß an Ungesundem bewusst machen würde.

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