Die Grande Dame der Flüchtlingshilfe

30. August 2009, 21:42
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"Eine halbe Stunde, bevor die Bombe bei mir explodierte, bekam eine Nachbarin einen Anruf, bei dem eine unbekannte Person sagte,'in einer halben Stunde kracht es'"

Nur wenigen Menschen wird unter Hinzufügung des Artikels der eigene Name quasi als Auszeichnung verliehen. "Die Loley" ist noch dazu eine von ganz wenigen, die eine derartige Würdigung nicht dem Showgeschäft verdanken. So etwas wie einen Oscar hat sie aber in ihrem Metier auch schon erhalten: den Menschenrechtspreis des Hochkommissärs für Flüchtlinge (UNHCR) im Jahr 1994.

Maria Loley kommt aus kleinbäuerlichen Verhältnissen in Poysdorf im niederösterreichischen Weinviertel, wo sie 1924 als ältestes von fünf Kindern geboren wurde. Heute lebt sie in einem Pensionistenheim ganz in der Nähe. Und weil sie seit dem Bombenanschlag von 1995 an Gleichgewichtsproblemen leidet, ist sie meistens mit einem Rollator unterwegs, den sie augenzwinkernd "meinen Mercedes" nennt.

Von ihrem Weg als Schutzengel für Menschen in Not ist Maria Loley nie abgekommen. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges kam sie zum ersten Mal mit der Flüchtlingsarbeit in Berührung, als sie sich um vertriebene Südmährer im Poysdorfer Auffanglager kümmerte. Anfang der 1980er-Jahre gründete die diplomierte Fürsorgerin privat organisierte Hilfsprojekte für Polen. 1992 baute sie nach Ausbruch der Kämpfe im damaligen Jugoslawien in Poysdorf ein Hilfsnetz für Kriegsflüchtlinge auf.

Natürlich gab es auch damals schon Mitmenschen, die plakative Hirnlosigkeiten wie "daham statt Islam" und "Stopp der Überfremdung" im Kopf oder sonst wo hatten. Doch wer, wie Maria Loley, so intensiv damit beschäftigt ist, das Gebot der Nächstenliebe zu erfüllen, hat gar keine Zeit, auf parteiideologische Derbheiten zu achten.

Bis sie 1995 den Brief öffnete, der in Wahrheit eine Briefbombe war. Dass hinter den Anschlägen der "Bajuwarischen Befreiungsarmee" mit insgesamt vier Toten und zwei Dutzend Verletzten nur der später gefasste Vermessungstechniker Franz Fuchs aus dem südsteirischen Gralla stecken soll, glaubt sie bis heute nicht. Deshalb hat sie nun auch einen Antrag auf Weiterführung der Ermittlungen gestellt. Als Opfer der damaligen Anschläge kann sie das.

"Eine halbe Stunde, bevor die Bombe bei mir explodierte, bekam eine Nachbarin einen Anruf, bei dem eine unbekannte Person sagte, 'in einer halben Stunde kracht es'", wird die Grande Dame der Flüchtlingshilfe im profil zitiert. Mal sehen, wie die zuständige Staatsanwaltschaft Graz diesen konkreten Hinweis auf einen möglichen Komplizen wertet. (Michael Simoner, DER STANDARD Print-Ausgabe 31.8.2009)

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    Maria Loley glaubt, dass Franz Fuchs Komplizen hatte

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