"Die CDU wird jetzt voll auf Merkels Popularität setzen"

30. August 2009, 18:58
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Die SPD hat zwar noch Wählerreserven bei den Unentschlossenen - Doch sie wird es, auch wegen der neuen Debatte um rot-rote Bündnisse, nicht ins Kanzleramt schaffen, ist Forsa-Chef Manfred Güllner überzeugt

Ein Gespräch mit Birgit Baumann.

STANDARD: Bisher war der Bundestagswahlkampf ja recht zahm ...

Güllner: Das hängt mit der Krise zusammen. Die Menschen erwarten keine großen Kontroversen, sondern Sachlichkeit. Die SPD hat zu Beginn des Wahlkampfes ein wenig auf Kanzlerin Merkel eingedroschen. Es nutzte ihr aber nichts, also hat sie es wieder eingestellt. Und Merkel vermittelt: Ich regiere bis zum letzten Tag durch.

STANDARD: Wird sich das nun nach diesem Superwahlsonntag ändern?

Güllner: Von der Schwächung der CDU wird sich die SPD schon Auftrieb erhoffen. Aber die Debatte um rot-rote Koalitionsbündnisse wird auch in den eigenen Reihen zu Irritationen führen.

STANDARD: Was könnte SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier noch retten? Hat er überhaupt noch den Hauch einer Chance auf das Kanzleramt?

Güllner: Die SPD hat schon noch Wählerreserven im Lager der Unentschlossenen. Aber denen muss man ein Motiv geben, die SPD zu wählen. 2002 und 2005 war das die Person von Gerhard Schröder. Steinmeier ist zwar ein geachteter Außenminister, aber er kommt mit seinen Themen nicht durch. Klar, viele Menschen wünschen sich einen verbindlichen Mindestlohn. Aber so wichtig, dass man dafür Merkel ablösen müsste, ist das dann auch wieder nicht. Mit Steinmeier hat die SPD eigentlich nur noch eine Chance: Schwarz-Gelb zu verhindern. In die Nähe der CDU wird er nicht kommen.

STANDARD: War es klug von ihm, plötzlich in den Ländern auf Bündnisse mit den Linken zu setzen?

Güllner: Ich kann das nicht nachvollziehen. Aus Befragungen in Hessen wissen wir, dass die Hälfte der SPD-Wähler auch dort ein linkes Bündnis abgelehnt hätten.

STANDARD: Immerhin haben die SPD-Landeschefs - anders als Andrea Ypsilanti - die rot-rote Option nicht von vorneherein abgelehnt.

Güllner: Schon, aber der Wortbruch von Ypsilanti war ja nicht alleine das Problem. Viele Sozialdemokraten in Hessen wollten einfach keine Koalition mit den Linken. Und im Saarland ist es ja aus SPD-Sicht noch viel krasser. Da hat Linksparteichef-Oskar Lafontaine die Finger im Spiel, und der ist der unbeliebteste Politiker in Deutschland.

STANDARD: Ist Steinmeier noch glaubwürdig, wenn er sagt: Im Bund koaliert die SPD_aber ganz sicher nicht mit der Linkspartei?

Güllner: Nein, diese Glaubwürdigkeit ist erschüttert.

STANDARD: Was macht die FDP - im Gegensatz - zur SPD richtig

Güllner: Die FDP macht nichts. Sie lebt davon, einfach da zu sein und die Unzufriedenen von der Union aufzufangen. Das merkte man Anfang des Jahres, als die Debatte um Staatshilfen für Großkonzerne losging. Viele Mittelständler von CDU und CSU hatten das Gefühl, für die Kleinen wird nichts getan. Also wandten sie sich ohne schlechtes Gewissen der FDP zu. Denn sie drehten ja nicht dem bürgerlichen Lager insgesamt den Rücken zu.

STANDARD: Es könnte für Merkel also bei der Bundestagswahl das gleiche böse Erwachen geben wie 2005: Für Schwarz-Gelb reicht es nicht, weil die Union zu schwach ist?

Güllner: Das kann durchaus passieren. Wie gesagt, auch die Sozialdemokraten haben noch ein paar Reserven. Wenn es mit der FDP nicht klappt, dann wird Merkel wieder eine große Koalition anstreben.

STANDARD: Wie wird die CDU jetzt die letzten Wochen nutzen?

Güllner: Die CDU wird voll auf Merkels Popularität setzen und versuchen, von ihren guten Werten zu profitieren. Den Wählern wird sie klarmachen: Wer Merkel behalten will, muss CDU wählen. (DER STANDARD, Printausgabe, 31.8.2009)

  • ZUR PERSON: Manfred Güllner (67) ist Betriebswirt, Sozialpsychologe und
Soziologe. Er gründete im Jahr 1984 das Markt- und
Meinungsforschungsinstitut Forsa, dessen Geschäftsführer er ist.
    foto: argum/heller

    ZUR PERSON: Manfred Güllner (67) ist Betriebswirt, Sozialpsychologe und Soziologe. Er gründete im Jahr 1984 das Markt- und Meinungsforschungsinstitut Forsa, dessen Geschäftsführer er ist.

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