Sieg der strukturierten Orgiastik

30. August 2009, 18:43
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Das Jazzfestival in Saalfelden bot an den ersten beiden Tagen hohe Qualität zwischen Ekstase und Gelassenheit

Saalfelden - Dass die Salzburger Landeshauptfrau heuer nicht angereist war, um (wie 2008) ihren SPÖ-Stellvertreter zu vertreten, war dem alljährlichen unfreiwilligen Politkabarett in Saalfelden keinesfalls abträglich. Natürlich hätte man Gabi Burgstaller nach ihrem zu Recht kritisierten Sager, wonach die Salzburger Festspiele, statt mehr Geld zu fordern, doch lieber etwas zeigen sollten, was die "Leute sehen wollen", gerne auch im Jazz-Rahmen gehört. Indes, der ihrer Partei zugehörige Substitut David Brenner enttäuschte nicht.

Zur Eröffnung des 30. Jazzfestivals Saalfelden schwärmte er verwirrend von der Verschmelzung amerikanischer und Saalfeldner Jazzenergie und bescherte zumindest sich selbst einen verbalen Höhepunkt ("Jazz we can!!"). Da war der Landeshauptfraustellvertreter der ÖVP (Wilfried Haslauer) gelassener. Auch im umgekehrten Fall wäre allerdings Publikumsmilde angebracht gewesen. Die Landespolitik ist nämlich tatsächlich mitverantwortlich dafür, dass sich dieses Festival nun wieder seit Jahren bester Gesundheit erfreut.

Es hat sich sogar bis zum Direktorium der Salzburger Festspiele durchgesprochen, dass hier etwas Tolles existiert. Wobei: Man übermittelte heuer zwar schriftliche Grüße und lädt ein, nächstes Jahr, wenn die Festspiele 90. Geburtstag feiern, "beim Eröffnungsfest in Salzburg musikalisch mit dabei zu sein". Sollte damit nur das alljährliche Salzburger Stadtfest gemeint sein, stellt diese Einladung eine gut gemeinte Frechheit dar.

Wenn man das diesjährige Programm - mit seiner Reichhaltigkeit - betrachtet, ist natürlich zu vermuten, dass auch für den Salzburger Festspielgeschmack etwas dabei wäre; es gehört ja zum undogmatischen Wesen des Saalfeldner Festivals, extreme Stilkontraste zuzulassen. So lässt das Publikum gerne jenes energetische Spiel des Quartetts Little Woman über sich ergehen, dessen hitzige Konfrontation von hysterischen Saxofonen und E-Gitarre klingt, als hätten die Bandteilnehmer zum Aufwärmen jeder ein Kilo Chili verdrückt.

Gerne lässt man sich auch vom Rova Saxophone Quartet (erweitert auf die Größe eines Kammerorchesters) an John Coltranes Erprobung von kollektiver improvisatorischer Orgiastik (die Aufnahme Ascension aus 1965) erinnern. Und sicherlich bewundert man das Reunion Trio von Saxofonist Oliver Lake für dessen glaubwürdigen Enthusiasmus - die zornige Emphase der 60er-Jahre betreffend.

Muthspiels Kammermusik

Neben dieser Kunst des Austobens belegten allerdings strukturierte Projekte, dass sorgfältige kompositorische Planung von Improvisation mittlerweile mehr Sinn ergibt, als das ausschließliche Vertrauen auf die eigene Impulsivität. Die intelligent erdachte Kammermusik von Christian Muthspiel etwa widmete sich dem Jodel-Aspekt von Volksmusik auf stilisierte, instrumentale Weise und fand sich doch auch von wunderbaren Solisten (wie Trompeter Matthieu Michel) bereichert.

Überzeugend auch der Konzeptmix bei Steven Bernsteins bisweilen funkiger Diaspora Suite: Der emsige Bandleader und Trompeter, der gerne spontan Spiel-und-Pausen-Anweisungen an seine Rhythmusgruppe gibt, konfrontiert teils wehmütig schwebenden Bläsersatz mit rhythmischer Deftigkeit, stoppt das Geschehen auch gerne, um dem ungebundenen Klezmer-Spiel der Improvisationskräfte Platz einzuräumen.

Auch die Formation Big Air fusioniert smart konstruierte und spontane Kräfte. Da werden Überlagerungen von vertrackten Rhythmen und improvisierten kollektiven Bläserlyrismen erzeugt - mitunter jedoch nur, um zur kompletten Dekonstruktion der gerade aufgebauten "Gebäude" anzusetzen. Ein delikates, elastisches Konzept, das Solisten nur einen sinnvollen, also begrenzten Freiraum anbietet.

Natürlich auch Fragwürdiges: Eivind Aarsets Band Sonic produziert mit zwei Drummern zwar Energie. Sie dient jedoch nur dazu, eine quasi psychedelische Rockwolke am Leben zu erhalten. Schließlich auch unfreiwillig Lustiges mit Erik Friedlanders Broaken Arm Trio. Der Cellist agiert mit einem an ein Banjo erinnernden Sound, was seinem zwischen Mainstream, Free Jazz und Kitsch wandernden Spiel eine bisweilen skurrile Note verlieh. Das Cello hat es nach wie vor schwer im Jazz. (Ljubisa Tosic, DER STANDARD/Printausgabe, 31.08.2009)

  • Überzeugte mit seiner bisweilen funkigen "Diaspora Suite": der emsige Bandleader und Trompeter Steven Bernstein.
    foto: jazzfest saalfelden

    Überzeugte mit seiner bisweilen funkigen "Diaspora Suite": der emsige Bandleader und Trompeter Steven Bernstein.

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