Die letzte Stadtgeschichte

30. August 2009, 18:01
115 Postings

Es begann mit Z in der U-Bahn. Und endet mit A im Ruderboot - Thomas Rottenberg sagt Servus und beendet seine Kolumne

Es war vor über acht Jahren. Da saß ich vor einer leeren Bildschirmseite, deren Überschrift „Stadtgeschichte" lautete. Die Online-Chefin hatte gemeint, ich solle das, womit ich Kollegen und Freunde tagein tagaus zutextete, aufschreiben: Geschichten aus dem Alltag der Stadt, die jedem und jeder widerführen.
Geschichten, die zu klein und zu banal wären, sie als Meldung mit Nachrichtenwert zu behandeln - die man aber trotzdem nicht vergisst. Polaroids, Beobachtungen, Szenen und Nebensächlichkeiten eben - Kleinkram also, der zwar irrelevant ist, am Ende eines Tages aber oft den Unterschied zwischen einem guten oder schlechten, langweiligen oder doch etwas anderen Tag ausgemacht hat.

Stadtgeschichten sind Geschichten, die man erlebt, wie man den Alltag eben erlebt: Subjektiv und unmittelbar. Ohne Vor- oder Nachinfo. Ohne Hintergrundberichterstattung und Abwägung von Relevanz, Für und Wider oder tiefgründiger und nachhaltiger Gegenchecks. Geschichten also, die jeder erleben kann und erlebt - und die deshalb jeder anders wahrnimmt. Und darum meist davon überzeugt ist, als einziger Durchblick und Deutungshoheit zu haben: „Für Innenpolitik und Wirtschaft", hatte mein Lehrer, Armin Thurnher, immer gesagt, „gibt es Experten. Aber in die Hundescheiße steigt jeder - darum ist in der Chronik, im Kommunalen und bei Alltagsgeschichten jeder Experte. Das ist ein Minenfeld."

Lehnwände

Im Dezember 2000 entstand so die erste von mittlerweile rund 1000 Geschichten: „Lehnen wie Helmut Zilk" hieß sie. Sie beschrieb ein nebensächliches Stadt-Detail, das schon damals fast vergessen war: Jene beiden Prototypen von „Lehnwänden", die Helmut Zilk einst mit dem ihm eigenen Getöse in der U-Bahnstation Rathaus enthüllt, eingeweiht oder eröffnet hatte: An die Stationswand in Schulter- bis Kreuzhöhe montierte Rückenlehnen von U-Bahn-Wartebänken, mit denen das Stadtoberhaupt das An-der-Wand-lehnen komfortabler zu machen versprach - und von denen zwar niemand wusste, wozu sie tatsächlich dienen sollten und wer sie brauchte. Aber weil Zilk Zilk war, fragte keiner nach.

Egal: Trotz der Zilk´schen Ankündigung, ganz U-Bahn-Wien mit Lehnwänden zu überziehen, waren die Dinger schon am nächsten Tag vergessen. Irgendwann, Jahre später, fragte mich ein Freund, ob ich wisse, was das - er zeigte auf eine der beiden Schrägen - sei oder solle. Und als ich ihm die Geschichte erzählt hatte grinste er nur: Nutzloses Wissen, meinte er, sei das, was man zu allerletzt vergäße. Darüber hinaus, sagte er, definierten solche Banalitäten ein Stück des Charakters jeder Kommune: kein Mensch brauche sie - aber mitunter beschrieben sie dennoch ganz gut, wie eine Stadt funktioniere.

Nebensachen

So gesehen waren Helmut Zilks Lehnwände (ich weiß nicht, ob sie nicht doch den U2-Erweiterungsarbeiten der letzten Jahre zum Opfer fielen) wohl kein schlechter Einstieg und Anfang. Und rund 1000 Geschichten später ist das Nebensächliche der Stadt längst noch nicht zu Ende erzählt. Nur: Das sollen, können und werden andere machen. Weil es nie gut ist und niemandem gut tut, die Welt immer nur aus einer Perspektive zu sehen oder referiert und erklärt zu bekommen.

Darum ist das die letzte Stadtgeschichte. Und mir bleibt nur, mich zu bedanken. Und schöne Kleinigkeiten in Erinnerung zu behalten: Den Filmstudenten etwa, der am Nouvelle-Vague-Konzert in der Arena rüberkam und erzählte, wie und wieso er eine Geschichte zu einem Kurzfilm umgebaut hatte.

Prediger

Oder die junge Frau, die vergangene Woche in einem Lokal an unseren Tisch trat und erzählte, dass sie den „Prediger" - einen knutschende Pärchen mit Moralpredigten und Bibeltexten niedermachend älteren Mann mit Bibel und ungarischem Akzent -vor kurzem erstmals erlebt hätte und nun endlich, Jahre nachdem die Geschichte online erschienen war, eine Wette gewonnen habe: Weil es den Typen eben doch gibt.

Oder jenes Pärchen, mit dessen Ruderboot A. und ich Freitagabend beim „Mondscheinrudern" auf der Alten Donau im Dunkeln (wenig Mond, viele Ruderer, meine Schuld) beinahe kollidierten - und das dann fragte, ob das die Recherche zur nächsten Stadtgeschichte sei. Nein, war es nicht. Denn Stadtgeschichten sucht oder recherchiert man nicht - sie passieren. Jedem. Ständig. Aber sie sind klein, banal und irrelevant. Deshalb haben viele Menschen verlernt, sie zu bemerken. Glauben Sie mir: Sie verpassen etwas.

 

Was noch zu sagen bleibt?
Danke.
Ihnen.
Den Kolleginnen & Kollegen von derstandard.at.
Denen, die Input und Ideen gaben.
Denen, die hier vorkamen.
Und A.

(Thomas Rottenberg, derStandard.at, 31. Juli 2009)


  • Artikelbild
Share if you care.