Die Zeit danach

28. August 2009, 18:58
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Nach einem Jahr, Billionen von Dollars an öffentlichem Geld und umfassenden Insichgehens der Politik weltweit steht nun die Frage im Raum, ob wir unsere Lektion gelernt haben - Von Kenneth Rogoff

Nächsten Monat jährt sich der Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers. Er markierte den Beginn einer weltweiten Rezession und Finanzkrise, wie sie die Welt seit der Großen Depression nicht mehr erlebt hatte. Nach einem Jahr, Billionen von Dollars an öffentlichem Geld und umfassenden Insichgehens der Politik weltweit steht nun die Frage im Raum, ob wir unsere Lektion gelernt haben.

Ich fürchte, nein. Konsens in der politischen Gemeinschaft ist, dass, wenn die Regierung bloß Lehman gerettet hätte, das Ganze ein Schluckauf und keine Herzattacke geworden wäre. Berühmte Investoren und führende Politiker sagen, dass man in unserer ultravernetzten Weltwirtschaft ein großes Finanzinstitut wie Lehman niemals pleitegehen lassen dürfe. Egal, wie schlecht es sein Geschäft managt (Lehman hatte sich im Wesentlichen in eine Immobilien-Holding verwandelt, die völlig vom Fortbestand der US-Immobilienblase abhängig war): Die Kreditgeber eines großen Finanzinstituts sollten ihr Geld immer zurückbekommen. Andernfalls würde das Vertrauen in das System untergraben, und Chaos bräche aus.

Nachdem also die Offenbarung gekommen war, dass eine finanzielle Neustrukturierung unter allen Umständen verhindert werden müsse, haben die Regierungen weltweit ein riesiges Sicherheitsnetz über die Banken (in Osteuropa über komplette Länder) ausgebreitet, geknüpft aus dem Geld der Steuerzahler.

Leider ist die Analyse zum Zusammenbruch von Lehman Wunschdenken. Sie besagt im Wesentlichen, dass - egal, wie groß die Immobilienblase, wie tief das Schuldenloch, das sich viele Länder gegraben haben, und wie komplex das Finanzsystem -, wir unsere Probleme einfach durch Wachstum hätten lösen können. Man flicke Lehman zusammen, lasse das Problem hinter sich, fahre weiter im Windschatten Chinas.

Tatsache ist, dass sich immer stärkere globale Ungleichgewichte aufgebaut und einen Punkt erreicht hatten, an dem es keinen einfachen Ausweg mehr gab. Die USA zeigten schon lange vor der Lehman-Pleite alle Warnsignale einer Finanzkrise. Die Eigenheimpreise hatten sich innerhalb kurzer Zeit verdoppelt, was die Verbraucher animierte, jeden Gedanken ans Sparen aufzugeben. Die Politik, einschließlich der Federal Reserve, hatte die Wachstumsparty der 2000er-Jahre einfach zu lange fortdauern lassen. Berauscht von den Gewinnen, hatte sich die Bank- und Versicherungsbranche bis zum Hals verschuldet. Und die Investmentbanken hatten ihr Geschäft auf eine Weise umgebaut, die ihre Manager und Verwaltungsräte eindeutig nicht mehr durchschauten.

Die richtige Lehre aus dem Fall Lehman wäre, dass das globale Finanzsystem größere Veränderungen bei der Regulierung und Steuerung braucht. Der aktuelle Ansatz eines Sicherheitsnetzes mag kurzfristig funktionieren, wird aber letztlich zu einer steil ansteigenden und nicht aufrecht zu erhaltenden Staatsverschuldung führen, insbesondere in den USA und in Europa.

Asien mag bereit sein, den Westen zu sponsern, doch nicht in alle Ewigkeit. In ein paar Jahren werden die westlichen Regierungen ihre Steuern stark anheben oder einen Währungsverfall einleiten müssen, oder ihren Zahlungsverpflichtungen teilweise nicht mehr nachkommen können - oder eine Mischung aus allen dreien. Es wäre viel besser, jetzt zu beginnen, die Rahmendaten auf Linie zu bringen.  (©Project Syndicate, 2009; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29./30.8.2009)

Zur Person

Kenneth Rogoff ist Professor für Ökonomie und Public Policy an der Universität Harvard und ehemaliger Chefökonom des IWF.

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