Woran Fischer noch wachsen könnte

28. August 2009, 18:56
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Ein Präsidentschaftskandidat Erwin Pröll entspräche dem schwarzen Selbstverständnis

Die ÖVP beginnt schon, die Hofburg sturmreif zu schießen. Sie zielt dabei auf Heinz Fischer, Amtsinhaber, sprich Bundespräsident. Noch hat Fischer gar nicht bekanntgegeben, ob er tatsächlich ein zweites Mal zur Wahl antreten wird. Das wird zwar als sehr wahrscheinlich angenommen. In der Umgebung von Erwin Pröll, Landeshauptmann von Niederösterreich, erzählt man aber auch, Fischer habe angekündigt, nicht noch einmal zu kandidieren. Nicht bloß angekündigt. Versprochen habe er es, heißt es.

Das klingt einigermaßen unwahrscheinlich. Es knüpft aber beim zweiten Protagonisten dieser Thematik an, bei Erwin Pröll.

Josef Pröll, der Neffe, Vizekanzler und ÖVP-Chef, hat vor wenigen Tagen im Fernsehen gesagt, er sei gegen Fischer. Die ÖVP werde ihn nicht unterstützen, Fischer komme "aus dem Herzen der SPÖ" . Da dies zuvor wortgleich auch andere ÖVP-Funktionäre erklärt hatten, lässt dies auf ein abgestimmtes Konzept schließen. Auch die "rote Brille" wird gerne ins Treffen geführt. So etwas bezeichnet man als Kampagne.

Wo soll diese hinführen?

Noch hat die ÖVP nicht einmal entschieden, ob sie einen eigenen Kandidaten aufstellen will. Wenn, dann ist es wohl Erwin Pröll, der auch sehr gerne wollen würde. Und Chancen hätte.

Vorläufig hat sich die ÖVP nur darauf festgelegt, dass sie Heinz Fischer nicht mag. Diese Festlegung könnte Pröll den Weg ebnen, und wenn der dann doch nicht antritt, wäre es bloß Ausdruck der Koalitionsverfasstheit: Gemeinsames nicht zulassen, immer schön abgrenzen, den anderen auf Distanz halten.

Fischer wird nicht als stilprägender Bundespräsident in die Annalen der Republik eingehen. Rückwirkend wird man seine Amtszeit als brav und korrekt einschätzen. Herausforderungen blieben ihm erspart, ein- oder zweimal musste er über die Möglichkeit einer Minderheitsregierung nachdenken, entscheiden musste er nicht darüber. Rhetorisch hat er viel abgewogen, manch mahnende Worte gesprochen - ohne wirklich jemandem nahezutreten. Er hat den Konsens gesucht.

Im Grunde stand Fischers Bemühen, beliebt zu sein und gemocht zu werden, im Vordergrund seiner Amtsführung. Dass er sich so wenig eingemischt und so wenig Akzente gesetzt hat, das mag einem gefallen oder auch nicht, es ist eine Frage des Amtsverständnisses. Der Mehrheit der Österreicher wird das Ruhige, das Unaufgeregte und das Repräsentative gefallen. Fischer hat nicht viel falsch gemacht. Dass er dezent nach links neigt - geschenkt. Das war nicht ganz überraschend und hat niemandem wehgetan.

Erwin Pröll in der Hofburg? Nicht undenkbar. Auch er sucht den Konsens, vorausgesetzt, dass alle seiner Meinung sind. Im Gegensatz zu Fischer neigt er aber zum Poltern, das verwechseln manche mit Bürgernähe und Volkstümlichkeit. Als Krönung seiner politischen Karriere wäre es natürlich perfekt, die Landesfürstenzeit in der Hofburg ausklingen zu lassen. Wäre da nicht das Risiko, gegen den Amtsinhaber Fischer den Kürzeren zu ziehen: Der Zeitpunkt wäre der richtige.

Der Neffe mag noch ein paar schlaflose Nächte haben, aber das Risiko ist überblickbar, eine Niederlage wäre verdaubar. Er soll den Onkel ziehen lassen, irgendwo müssen die Prölls mit ihrem Selbstbewusstsein hin, da mag die Wahl zum Bundespräsidenten gerade richtig sein. Die Partei will das, vielleicht braucht sie das jetzt auch. Ein eigener Kandidat gehört zum schwarzen Selbstverständnis, zur Identität dazu.

Ein Wahlkampf mit Dampf und Dynamik ist allemal besser als eine getragene Heinz-Fischer-gibt-sich-noch-einmal-die-Ehre-Tour, und schließlich wächst man an der Konkurrenz. Man wird besser. Heinz Fischer gegen Erwin Pröll, das hätte Potenzial. (Michael Völker/DER STANDARD-Printausgabe, 29./30. August 2009)

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