Schweigen statt gedenken

Von Beginn an waren Österreicher in der Mordmaschinerie des Dritten Reiches zahlreich vertreten - das offizielle Österreich aber schweigt zum Gedenken an den 1. September 1939

Wie kommt es, dass das offizielle Österreich zum 1. September hartnäckig schweigt? Zu jenem Tag, an dem sich der "großdeutsche" Überfall auf Polen, mit dem der Zweite Weltkrieg begann, zum siebzigsten Mal jährt. Angesichts des Schweigens könnte man meinen, Österreich fühle sich nicht betroffen: Was geht uns der 1. September 1939 an? Wir waren nicht dabei.

Als Staat existierte Österreich damals nicht mehr, aber Österreicher haben am Krieg teilgenommen, viele freiwillig, begeistert sogar, als Frontsoldaten und in der Verwaltung der besetzten Gebiete. Österreicher gliederten sich, viele nur allzu willig, in den Terrorapparat ein, sie dienten in der SS und in der Gestapo, befehligten Einsatzkommandos und leiteten Konzentrationslager. Österreicher waren in der Mordmaschinerie des Dritten Reiches überproportional vertreten.

Warum also die Weigerung, sich in die Debatte um den 1. September einzubringen? Die Beteiligung der Väter und Großväter am Krieg, der am 1. September 1939 begann, ist in vielen österreichischen Familiengeschichten tief verankert. Manchmal kommt sie zum Vorschein, wenn Enkel auf Dachböden stöbern und Frontbriefe des Großvaters finden oder einen Schuhkarton mit Fotos vom Einmarsch in Polen, von eroberten polnischen Städten und Dörfern, von Juden im Ghetto, auch von Erschießungen. An denen waren auch Österreicher beteiligt. Nicht nur in Polen. Über den Anteil der Österreicher am Krieg und an Kriegsverbrechen haben österreichische Historiker viel publiziert und österreichische Autoren viel geschrieben. Doch das offizielle Österreich zieht es vor, zum 1. September zu schweigen.

Es hat den Anschein, als seien der Zweite Weltkrieg und seine Folgen im österreichischen Geschichtsbewusstsein nach wie vor nicht wirklich präsent. Als wolle man das in Österreich ausblenden. Ein einprägsames Beispiel für diese Haltung lieferte vor wenigen Wochen der österreichische Historiker Stefan Karner bei einer Diskussion am Europa-Forum in Krems. Als der polnische Koautor dieser Zeilen darauf hinwies, dass Europa nicht nur ein Hort des Humanismus und der Geistigkeit sei, sondern auch der Gewalt, die die Mitgliedstaaten der EU zu einer ständigen selbstkritischen Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit zwinge, empörte sich Karner. Es sei destruktiv, die europäische Geschichte auf den Geist der Gewalt zurückzuführen. Und als der polnische Autor nachfragte, wie man in Österreich des 1. Septembers 1939 gedenken wolle, überging er die Frage. Vielleicht hat er sie überhört?

Status als erstes Opfer

Das ist nur eine kleine Episode, gewiss, aber sie ist bezeichnend. Österreich scheint sich schwer zu tun mit seiner Rolle in diesem Jahr der Jahrestage. 90. Jahrestag des Versailler Vertrages, 70. Jahrestag des Hitler-Stalin-Paktes und des Überfalls auf Polen, 20 Jahre seit dem Zusammenbruch des Kommunismus in Ostmitteleuropa, und schließlich der fünfte Jahrestag der Osterweiterung der EU, ein Ereignis, dessen Bedeutung nicht hoch genug eingeschätzt werden kann - in Österreich hat man damit offenbar Probleme, jedenfalls sind die Stimmen, die die Erweiterung kritisieren und eine neuerliche Mauer fordern, hierzulande lauter als anderswo.

Diese Jahrestage sind nicht bloß Anlässe für diverse Staats- und vielleicht auch Parallelaktionen von Staatsoberhäuptern und Ministern. Die Bündelung von Jahrestagen, die jeweils für Wendepunkte in der europäischen Geschichte stehen, sollte die Europäer veranlassen, einen kritischen Rückblick auf das schrecklichste Jahrhundert in der europäischen Geschichte zu werfen. Ein Jahrhundert, geprägt von zwei Weltkriegen, die von Europa ausgingen, von zwei mörderischen Ideologien, die in Europa ihre Wurzeln hatten, das Jahrhundert von Auschwitz und Treblinka, aber auch des Archipels Gulag. Ein Jahrhundert der Vertreibungen, Deportationen, Massenmorde. Gleichzeitig hat die europäische Geschichte nach 1945 gezeigt, dass die Europäer bereit sind, die einen mehr, die anderen weniger, sich den eigenen Verwerfungen und Verfehlungen zu stellen. Das Jahrhundert endete mit der Selbstbefreiung Ostmitteleuropas von der stalinistischen Bevormundung und der Bereitschaft des reichen Westeuropas, sich nach Osten zu öffnen.

Die Einsicht, dass die Europäer aus der Geschichte gelernt hätten, scheint sich langsam zu verflüchtigen. Die jüngste Geschichte der Europäischen Union war nicht so sehr geprägt von kritischen Auseinandersetzungen mit den eigenen Schattenseiten und der Empathie für den Nachbarn, sondern eher von Selbstmitleid und kleinlichem nationalem Egoismus. Das gilt auch für Österreich, ein Land, das von der Geschichte in diesem Jahrhundert, im Vergleich zu den Nachbarn, bevorzugt behandelt wurde. Österreich pochte lange auf seinen Status als erstes Opfer Hitlerdeutschlands. 1955 zogen die Russen aus Österreich ab, während sie in allen anderen besetzten Ländern blieben und ihnen genehme Regimes installierten. Österreich verstand es geschickt, seine Neutralität in wirtschaftliche Vorteile umzumünzen. Kein Wunder, dass es bei den Nachbarn hinterm Eisernen Vorhang lang als Gelobtes Land betrachtet wurde. Einige Zeit wurde Österreich dieser Rolle gerecht. 1956 wurden die ungarischen Flüchtlinge mit offenen Armen empfangen, 1968 die Tschechen und Slowaken, 1981 brachte man den Polen Mitgefühl entgegen, obwohl die Arme schon nicht mehr so weit geöffnet waren. Eine Folge des Wohlstandes? Vielleicht.

Trotzdem scheint der privilegierte Standort aus der Mehrheit der Österreicher keine überzeugten Europäer gemacht zu haben. In den Achtzigerjahren gab es zwar auch in Österreich eine Debatte über Mitteleuropa, aber es fehlt jener große Gründungsmythos der Versöhnung mit dem Erbfeind, der etwa die Bundesrepublik und Frankreich in den Sechzigerjahren zum Motor der EWG gemacht hat. Die Waldheim-Affäre in den Achtzigerjahren zwang das offizielle Österreich zu einem Umdenken, die These vom ersten Opfer Hitlerdeutschlands war nicht länger haltbar, doch es fehlte an Denkern, um daraus die nötigen Schlussfolgerungen zu ziehen. Es gab keinen österreichischen Jaspers, der die österreichische Schuldfrage aufgegriffen hätte, und es gab auch keinen österreichischen Politiker, der dieser Aufgabe gerecht geworden wäre, wie Willy Brandt es mit seinem Kniefall im ehemaligen Ghetto in Warschau getan hat. In Österreich wurde viel herumgeredet, selbst ein großer Politiker wie Bruno Kreisky verstrickte sich in eine beschämende Kampagne gegen einen Aufrechten wie Simon Wiesenthal, um von der Mitschuld österreichischer Politiker abzulenken.

Ein eindrucksvolles Beispiel für die Weigerung, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen, ist der Fall Rechnitz: In der kleinen Gemeinde im Südburgenland wurden im April 1945 180 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter ermordet - ihr Massengrab wurde bis heute nicht gefunden, weil die Menschen in Rechnitz schweigen. Schweigen wie ein Grab, diese schon ein wenig aus der Mode gekommene Redewendung findet hier eine makabre Bestätigung.

Schweigen wie ein Grab

Im besetzten Polen machte man anfangs Unterschiede zwischen Reichsdeutschen und Österreichern in deutscher Uniform. Die Österreicher genossen so etwas wie einen Galizien-Bonus, man erinnerte sich an die vergleichsweise milde Politik der Habsburger gegenüber den Polen, während die Reichsdeutschen mit den drakonischen Germanisierungsmaßnahmen Preußens identifiziert wurden. Der gute Österreicher, der mit den bösen Deutschen wenig gemein hatte. Aus dieser historisch fragwürdigen Sicht speiste sich etwa der Kult um den braven österreichischen Grenadier Otto Schimek, dessen Grab im südpolnischen Städtchen Machowa in den Achtzigerjahren zur Pilgerstätte polnischer Wehrdienstverweigerer wurde. Schimek war von den Deutschen hingerichtet worden, so ging die Legende, weil er sich geweigert hatte, bei einer Erschießung polnischer Geiseln mitzumachen. Doch Otto Schimek war kein Held, er wurde standrechtlich erschossen, weil er desertiert war. Als Wehrmachtsdeserteur gebührt ihm unsere Achtung, aber einen Helden, der für sie ihr Leben hingab, haben die Polen in dem einfachen österreichischen Soldaten vergeblich gesucht.

Totengräber der Europaidee

Der österreichische Mythos ist längst verblasst in Polen - nicht weil man sich plötzlich der Österreicher Adolf Eichmann, Ernst Kaltenbrunner, Odilo Globocnik oder Amon Göth, um nur einige zu nennen, erinnert hätte - nein, es war eher der verbiesterte, kleinkarierte, engherzige Auftritt des offiziellen Österreichs in der EU.

Man könnte behaupten, Österreich habe mit Jörg Haider den ersten Totengräber der Europaidee geliefert. Mit dem rechtsdrehenden Populisten begann die Demontage des Europaprojekts, die von Václav Klaus, Silvio Berlusconi, den Brüdern Kaczynski, bisweilen auch Nicolas Sarkozy und anderen fortgesetzt wurde. Der nationale Egoismus als Programm ist keine österreichische Spezialität, doch hier wurzelt er besonders tief. In Österreich wird der europafeindliche Nationalismus, der nicht selten in fremdenfeindliche Parolen kippt, geschürt von einer Tageszeitung, die ohne Übertreibung von sich behaupten kann: Österreich liest die Kronen Zeitung.

Und diese Zeitung bestimmt die Politik in Österreich, das hat der gegenwärtige Bundeskanzler eindrucksvoll bewiesen, als er in einem Brief an "die Krone", wie er und seinesgleichen die Zeitung vertraulich nennen, einen europakritischen Schwenk der österreichischen Sozialdemokratie ankündigte.

Die Gründungsstaaten der Sechsergemeinschaft wussten, dass sie sich der eigenen Geschichte stellen müssen, wenn sie zwischen den beiden Supermächten ihre Eigenständigkeit behaupten wollen. Auch die Ostmitteleuropäer haben mit der Zeit begriffen, dass sie sich nur von der Bevormundung durch die Sowjetunion befreien können, wenn sie die historischen Altlasten mit den westlichen Nachbarn, allen voran Deutschland, aufarbeiten. Das betraf die Polen ebenso wie die Tschechen. Europa war für Deutsche und Franzosen, aber auch für Polen, Tschechen oder Ungarn eine normgebende Instanz, es erlaubte ihnen, über den eigenen Schatten zu springen, den Nachbarn neu zu entdecken und sich selber historisch neu zu definieren. Die kritische Auseinandersetzung mit sich selber war ein geistiges Fundament der Europa-idee und der Osterweiterung in den Neunzigerjahren. Das fand seinen Ausdruck in symbolischen Gesten wie der Umarmung Mazowieckis und Kohls in Kreisau 1989, aber wichtiger waren die internen Debatten in den einzelnen Ländern über die dunklen Flecken in der eigenen Vergangenheit: die Vichy-Debatte in Frankreich, der Historikerstreit und die Goldhagen-Debatte in Deutschland, die Diskussion um die Wehrmachtsausstellung, die Jedwabne-Debatte in Polen. Auch die Feierlichkeiten zu Jahrestagen entscheidender Ereignisse des Zweiten Weltkrieges boten willkommenen Anlässe für Versöhnungsgesten zwischen den einstigen Gegnern und einen Ansporn, gemeinsam über Vergangenheit und Zukunft Europas nachzudenken. So war es 1994 in Warschau anlässlich des 50. Jahrestages des Warschauer Aufstandes, oder ein Jahr später in Dresden und Berlin, so war es 2004 in der Normandie. Es geht dabei nicht allein um eine politische Liturgie und historische Exequien, sondern um Zeichen des Mitgefühls für den Nachbarn und eine dauerhafte Europäisierung der nationalen Erinnerung.

Auch ein Krieg der Österreicher

In Österreich hat man nach wie vor Probleme mit diesem europäischen Zugang zur eigenen Geschichte. Im kollektiven Gedächtnis scheinen die Nachkriegszeit, der Hunger und das Elend nach 1945, die Besatzungsmächte manchmal präsenter zu sein als die Beteiligung der Väter und Großväter am Eroberungskrieg und die Ausbeutung von Zwangsarbeitern gleich nebenan. Mehr als 60 Jahre nach Kriegsende geht es nicht um Schuldzuweisungen, sondern um das Bewusstsein, dass auch Nationen an der Geschichte der Nachbarn aktiv teilhaben, so wie jeder Mensch ein Teil der persönlichen Geschichte anderer Menschen ist. Gelegentlich segensreich, aber nur zu oft, wie zwischen 1939 und 1945, mit verheerenden Folgen.

Der Krieg, der am 1. September 1939 mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Polen begann, war auch ein Krieg der Österreicher. Er spielte sich nicht nur in weiter Ferne ab, in den besetzten Gebieten, in den Tiefen Russlands, sondern auch an der sogenannten Heimatfront - wo KZ-Häftlinge vor den Augen gleichgültiger Einheimischer an ihre Arbeitsstätten getrieben wurden, wo geflüchtete KZ-Häftlinge von Bauern, gläubigen Menschen, die jeden Sonntag in die Kirche gingen, wie Hasen gejagt und abgeschossen wurden.

In diesem "Jahr der Jahrestage" erzählen sich die Europäer ihre Geschichte der letzten neunzig Jahre neu. Die plakative Spiegel-These, der Zweite Weltkrieg sei schon im falsch konzipierten Friedensvertrag von Versailles 1919 vorprogrammiert worden, löste nicht nur in Deutschland eine heftige Diskussion aus - in Österreich hingegen meldeten sich kaum Stimmen zu Wort. Dabei ist Versailles die Geburtsurkunde der heutigen österreichischen Nation - "der letzten, die in Europa entstand, und der ersten, die in Europa aufgehen wird", wie der österreichische Autor Robert Menasse einmal in Warschau sagte. Auch der "Teufelspakt" Hitlers und Stalins vom August 1939 wurde im Rahmen einer europäischen Untersuchung über die Ursachen des Kriegsausbruchs neu beleuchtet - und zum ersten Mal sprachen namhafte russische Vertreter von einer Schuld bzw. Sünde Stalins, die allerdings mit dem Blut von Millionen sowjetischen Soldaten getilgt worden sei. Auch in dieser Debatte fehlten gewichtige Stimmen aus Österreich.

Die zweite Geschichte, die sich die Europäer in diesem "Jahr der Jahrestage" erzählen, betrifft die Selbstbefreiung Ostmitteleuropas vom Kommunismus 1989 und die Erweiterung des europäischen Einigungsprozesses nach Osten, um jene Länder, die als Folge des Zweiten Weltkrieges dem stalinistischen Imperium zugeschlagen wurden. Auch zu diesem wichtigen Prozess gab es kaum Wortmeldungen aus Österreich, zu einem Prozess, der ja nicht allein auf die Öffnung der ungarisch-österreichischen Grenze für die DDR-Flüchtlinge zurückzuführen ist. Davor war die polnische Solidarnosc, die am runden Tisch eine etappenweise Machtübergabe durch die Kommunisten und die ersten halbfreien Wahlen in einem Ostblockstaat ausgehandelt hatte. Und danach waren die Leipziger Demonstrationen und die Öffnung der Berliner Mauer.

70 Jahre nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und 20 Jahre nach der gewaltlosen Revolution in Ostmitteleuropa ist es eine wichtige Aufgabe für alle Europäer, jeden nationalen Egoismus zu vermeiden, vor allem angesichts der Wirtschaftskrise, die solche Einstellungen befördert. Ein gemeinsames europäisches Geschichtsbewusstsein ist immer noch eine Utopie. Doch kein Land darf sich um die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen, aber auch mit der europäischen Vergangenheit drücken. Auch und schon gar nicht Österreich.

Es wäre schön gewesen, wenn sich das offizielle Österreich zumindest zu einer symbolischen Geste zum Gedenken an den 70. Jahrestag des 1. Septembers 1939 durchgerungen hätte. Man hätte sogar eine Ausstellung machen können, um zu zeigen, was dieses Datum für Österreich, für das Selbstverständnis des Landes bedeutet. Da gäbe es viel zu erzäh- len und viel zu zeigen. Diese Chance wurde nicht genutzt. Das ist schade. (Adam Krzemiñski und Martin Pollack/DER STANDARD, Printausgabe, 29./30. 8. 2009) 


Martin Pollack, geb. 1944 in OÖ, studierte Slawistik und osteurop. Geschichte. Er ist Journalist, Schriftsteller und literarischer Übersetzer aus dem Polnischen. Von ihm erschien u. a. "Der Tote im Bunker" (2004) und "Warum wurden die Stanislaws erschossen?"

Adam Krzemiñski, geb. 1945 in Westgalizien, ist polnischer Journalist (seit 1973 ist er Redakteur des politischen Wochenmagazins Poltyka) und Publizist. Er studierte Germanistik und gilt in Polen als einer der herausragenden Kenner Deutschlands.

 

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