Und sie bewegt sich doch

28. August 2009, 19:02
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Österreich, das lange geglaubt hat, die ballesterische Welt sei eine Scheibe, schickt vier Vertreter in die Europa League - Manches deutet darauf hin, dass das Land dort ein neues Weltbild erlernen kann

Wien/Graz - Eigentlich müsste sich Österreichs Fußball-Community nun bedanken bei Stronach, Kartnig, Mateschitz und wie sie alle heißen. Ein jeder von diesen Männern - die wohl bis heute noch glauben, zumindest im Fußball sei die Welt eine Scheibe - hat dem Land nachdrücklich gezeigt, wie es nicht geht. Erst in dem tiefen Loch, das sie hinterließen (auch in Salzburg ist schon so ein Loch, und was für eines), bemerkte das Land, dass dem nicht ganz so ist. Auch der Fußball ist rund und bewegt sich.

Im Fall von Frank Stronach ist so ein Dank nicht nur sarkastisch gemeint. In seiner Präsidentschaft hat die Bundesliga den Österreicher-Topf eingeführt, um das Legionärsunwesen einzudämmen. Belohnt wurde und wird damit der Einbau junger Österreicher, also von Burschen, die fürs Nationalteam spielberechtigt sind.

Dass die Sache gegriffen hat, war schon seit längerem zu sehen. Aber der von niemandem in diesem Ausmaß erwartete internationale Erfolg - Gruppenphase für alle - unterstreicht eindrucksvoll, wie sehr aus den einzelnen Initiativen - Österreicher-Topf, Akademien, forciertes Nachwuchs-Augenmerk, Individualisierung des Trainings - schon ein Mechanismus geworden ist, der, wenn schon nicht ins Funktionieren gekommen, so doch immerhin begonnen worden ist.

Glück und Respekt

Das beeindruckendste an diesen drei Donnerstag-Spielen war ja nicht allein der Erfolg, sondern dass dafür das ballesterische Glück nicht über alle Gebühr gebraucht wurde. Beide Spiele zusammengerechnet, haben alle drei heimischen Vereine sich den Einzug in die Europa League wirklich verdient, um nicht zu sagen erarbeitet. Und das auf eine Weise, die Respekt abnötigt.

Respekt auch den Trainerteams gegenüber. Bei Sturm, Rapid und der Austria spielten die Jungen nicht bloß mit, sondern eine echte Rolle. Und so etwas geht naturgemäß nicht von allein. Da steht vernetztes Coaching dahinter. Fast wäre man schon versucht zu sagen: ein Programm. Gerade beim viel gescholtenen Peter Pacult, der in Birmingham von der Mannschaft aus seinem Schatten des mieselsüchtigen Grantelns herausgerissen wurde und erstmals in seinem Rapid-Trainerleben für Momente den Eindruck erweckte, er sei sogar in seinem Job ein Mensch wie du und ich. Und nicht eine an Ernst Happel orientierte Kunstfigur.

Aber wahrscheinlich wäre an diesem Abend sogar Ernst Happel selbst aus sich herausgerissen worden. Rapid spielte mit einer Hingabe, wie man sie von österreichischen Teams schon lange nicht mehr gesehen hat. Wie da Drazan die rechte Abwehrseite von Aston Villa zur Verzweiflung brachte, wie Heikkinen, aber auch sein Partner Pehlivan das Spiel initiierten, wie sehr der neue Innenverteidiger Soma schon ein Teil der Mannschaft ist, das hatte - nun, ja: Qualität. "Daran gibt es nichts zu schmälern", sagt Peter Pacult. Aber praktisch zeitgleich sagt er auch: "Der Aufstieg war nicht unverdient." Viel demütiger kann man das historische Resultat, erstmals eine englische Mannschaft aus dem Bewerb geworfen zu haben, nicht umschreiben.

Eine Demut ist das, hinter der, so darf man hoffen, seriöse Arbeit steht. Auch bei der Austria, wo ein von 120 Minuten physisch und psychisch mitgenommener Karl Daxbacher erklärte: "Wir waren heute die Glücklicheren, Metallurg Donezk war uns im spielerischen Bereich überlegen." So etwas klingt, für österreichische Ohren eher ungewohnt, nach einem Ansatz zur Manöverkritik und somit nach einem weiteren Schritt vorwärts. Sturms Franco Foda, dem ja der Ruf nacheilt, diesbezüglich ein guter zu sein, komplettierte die Reihe jener, die da einen neuen Ton hineinbringen in die österreichische Ballesterei. Den Ton ehrlichen - vor allem gegenüber sich selbst ehrlichen - Werkens. Keinen dieser drei kann man sich vorstellen als einen jener manisch-depressiven Irren, die den österreichischen Fußball so lange geprägt haben.

Liga-Sonntag

So etwas wird wohl auch der heimischen Liga guttun, die alle ihre Vertreter in die Gruppenphase gebracht hat, etwas, das sonst nur Italien, Spanien und Deutschland gelang. Da lässt sich auch hinnehmen, dass der Hauptspieltag im Herbst der Sonntag sein wird. Diesmal schon mit einem echten Höhepunkt, dem 290. Wiener Derby. Und vielleicht kommt es auch dort zu einer historischen Innovation: dass die violetten Fans den grünen Respekt zollen für ihren - auf der Insel ziemliches Aufsehen erregt habenden - Auftritt. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD Printausgabe,28.8.2009)

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    Sturm und die anderen österreichischen Europapokal-Heldenteams sind auf einem guten Weg

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