Der gewollte Krieg

28. August 2009, 18:28
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70 Jahre nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gibt es noch immer jede Menge Geschichtsfälscher

70 Jahre nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gibt es noch immer jede Menge Geschichtsfälscher, private und offizielle, die seine Ursache vernebeln und ins Gegenteil verdrehen wollen. Das reicht von alten und Neo-Nazis bis zum offiziellen russischen Fernsehen, das vor kurzem behauptete, Polen hätte 1934 einen Pakt mit Hitler zum Angriff auf die Sowjetunion geschlossen.

Auf einer anderen, nicht so vordergründigen Ebene wurde der größte geplante Angriffs-und Vernichtungskrieg aller Zeiten als "gewaltiges Völkerringen" oder als "Tragödie" verharmlost, die halt irgendwie passiert sind, ohne dass es eine klare Schuld und Verantwortung gegeben habe. Diese Version war und ist in zahllosen Varianten auch in Österreich über Jahrzehnte sehr beliebt gewesen, weil sie es ersparte, sich mit der eigenen Rolle auseinanderzusetzen.

Die wissenschaftlich längst abgesicherte Wahrheit ist: Der Zweite Weltkrieg ist nicht "ausgebrochen", ist nicht passiert, sondern er wurde gewollt - von einem Mann, Adolf Hitler, dem eine verbrecherische Elite zuarbeitete und dem das Volk beklommen bis begeistert in die Katastrophe folgte.

Hitler, für den die Niederlage des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg ein bestimmendes Trauma war, hat immer wieder, von seiner frühesten politischen Karriere an, seine Pläne für einen neuen großen Krieg angekündigt. Zum Teil vor einer allergrößten Öffentlichkeit, zum Teil in hochgeheimen Treffen mit der Führungselite des Staates. Im Zentrum seines Denkens stand dabei immer das "jüdisch-bolschewistische" Sowjetrussland, das er zerschlagen wollte. Dazu musste er den Weg freimachen durch die Niederwerfung Polens und Frankreichs. England, so hoffte er (vergeblich), würde ihn gewähren lassen und sich auf sein Kolonialreich zurückziehen.

Dass Deutschland "Lebensraum im Osten" mit Gewalt erobern müsse, hat er schon 1924 in seinem Buch Mein Kampf geschrieben. Seine öffentlichen Reden waren so, dass jeder mit wachem Verstand nur schließen konnte: Hitler bedeutet Krieg.

Nach seiner Machtergreifung im Jänner 1933 legte er mehrfach seine Pläne vor der Parteielite, vor deutschen Industriebossen und hohen Offizieren dar. Erstmals im Februar (!) 1933 verkündete er vor Industriellen und Militärs seine Aufrüstungspläne mit kaum verschleierter Kriegsperspektive. Im November 1937 legte er in einem mehrstündigen Monolog vor der militärischen und außenpolitischen Führungsspitze seine Absichten dar; ein Oberst Hoßbach schrieb mit: "Das Ziel der deutschen Politik sei die Sicherung und die Erhaltung der Volksmasse und deren Vermehrung. Somit handele es sich um das Problem des Raumes. (...) Zur Lösung der deutschen Frage könne es nur den Weg der Gewalt geben, dieser niemals risikolos sein." Daran schlossen detaillierte Überlegungen über das Wann und Wie.

Am 30.Jänner 1939, also im Jahr des Kriegsbeginns, kündigte er in einer Reichstagsrede vor Millionen Rundfunkhörern zugleich den Krieg und den Holocaust an: "Ich will heute wieder ein Prophet sein: Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa."

Der ORF bringt eine Serie zum 70. Jahrestag, der sich den Vorankündigungen zufolge auf das Erleben der Menschen damals konzentriert. Das ist gut und wichtig.

Aber diese "Schicksalsberichterstattung" darf nicht ignorieren, dass dieser Krieg kein anonymes, unbegreifliches "Schicksal" oder "Verhängnis" war. Er wurde von einem Mann, von Adolf Hitler, gewollt, geplant und schließlich, am 1. September 1939, bewusst ausgelöst. Zumindest am Anfang, vor dem Triumph über Polen und Frankreich, war wohl die Mehrheit der Deutschen (und Österreicher) nicht begeistert über den Krieg. Aber sie sind ihm gefolgt. (Hans Rauscher, DER STANDARD, Printausgabe, 29.30.8.2009)

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