"Soziale Unruhen sind die logische Folge"

28. August 2009, 18:34
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Neues Make-up wird nicht zur nachhaltigen Stabilisierung der Wirtschaft reichen, meint die Ökonomin Özlem Onaran im STANDARD-Interview

Neues Make-up wird nicht zur nachhaltigen Stabilisierung der Wirtschaft reichen, meint die Ökonomin Özlem Onaran. Sie setzt auf Ökologisierung und Kaufkraftstärkung. Andreas Schnauder fragte nach.

STANDARD: Sehen Sie in den Aufräumarbeiten nach dem Crash einen grundlegenden Wandel der wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen?

Onaran: Derzeit regiert die Devise "save the day", die Rückkehr zu Business as usual ist unübersehbar. Die Instabilitäten bleiben somit bestehen. Makroökonomisch, politisch und ökologisch. Die mächtigen Eliten und ihre Vertreter wollen diese Bereiche nicht grundlegend reformieren.

STANDARD: Warum?

Onaran: Weil sich dann an den hohen Profiten der Konzerne bei gleichzeitig ungerechter Verteilung der Einkommen etwas ändern würde.

STANDARD: Profite sind allerdings auch Anreize für Unternehmen, zu investieren und damit Beschäftigung zu sichern.

Onaran: Das ist ein Mythos. Wir verzeichnen in den letzten Jahrzehnten einen deutlichen Anstieg der Unternehmensgewinne und einen Abfall der Lohneinkommen. Das war aber nicht mit mehr Investitionen und mehr Jobs verbunden. Das hat sich nicht einmal in der letzten Boomphase vor der jetzigen Krise geändert. Diese Mythen werden vom Mainstream bewusst genährt.

STANDARD: Sinkende Lohnquoten heißen aber nicht, dass Realeinkommen zurückfallen, sie steigen nur langsamer als die Gewinne.

Onaran: Das stimmt nicht ganz. Die Medianeinkommen stagnieren in vielen Ländern, in Deutschland sind sie in den letzten zehn Jahren sogar gesunken. Auch in Österreich gibt es diese Tendenz in manchen Bereichen.

STANDARD: Wie sollte man das Ihrer Meinung nach ändern?

Onaran: Wir sind an einem wichtigen Wendepunkt angelangt, an dem wir öffentliche, kollektive Investitionen diskutieren müssen. Wichtige langfristige Investitionen können nicht aus privaten Profiten bestritten und anarchisch entschieden werden. Das trifft vor allem bei ökologischen Vorhaben zu, ohne die ein nachhaltiges Wachstum nicht möglich ist. Das muss eine kollektive Entscheidung sein, keine persönliche im Sinne der Profitmaximierung. Das umfasst aber auch den Bereich Wohnbau, den man nicht dem spekulativen Lebensgeist überlassen darf. Auch Finanz, Bildung, Gesundheit und Pensionen zählen zu diesen zentralen Bereichen. Dabei ist eine intensive Mitentscheidung von Konsumenten, Arbeitnehmern, regionalen und nationalen Einrichtungen notwendig.

STANDARD: Derartige Systeme haben nicht gerade die besten Ergebnisse gebracht – etwa in Hinblick auf Effizienz.

Onaran: Das basiert auf einzelnen negativen Erfahrungen. Echte partizipative Modelle unter voller Einbindung der Betroffenen haben wir nicht praktiziert. Probleme wie Bürokratie oder Korruption sind keine Gegenargumente – von partizipativer Planung war da nichts zu sehen. Das hat auch nichts mit dem Sowjetsystem zu tun.

STANDARD: Zurück zur Einkommensverteilung. Welche Maßnahmen halten Sie da für notwendig?

Onaran: Es geht um die Höhe und die Progression der Besteuerung des Einkommens und Vermögens. Wir müssen uns die Kosten der Krise vor Augen halten. Die müssen von den Leuten, die sie verursacht haben, bezahlt werden. Sie haben in den letzten Jahrzehnten auch massive Gewinne eingestreift.

STANDARD: Die Beschränkung der Leistungsfähigkeit wird aber jeden Anreiz für wirtschaftliche Aktivität im Keim ersticken.

Onaran: Die kollektive Intelligenz ist viel größer als die individuelle, auf Profite ausgerichtete Intelligenz. Letztere wird nie eine langfristige Perspektive haben.

STANDARD: Wie beurteilen Sie die Einbußen am Arbeitsmarkt?

Onaran: Wenn man Arbeitnehmer feuert oder die Löhne kürzt oder Nulllohnrunden vereinbart, erschwert das die wirtschaftliche Erholung, weil die Nachfrage geschwächt wird. Deshalb sollten gesetzliche Kündigungsverbote verhängt, Löhne zur Ankurbelung der Nachfrage erhöht werden. Ansonsten kommt es zu einer Abwärtsspirale. Auch hier bedarf es kollektiver Maßnahmen. Ein Betrieb trachtet nach Reduktion der Lohnkosten und hat dabei nicht die gesamtwirtschaftliche Nachfrage im Auge. Deutschland etwa wurde dank niedriger Lohnkosten zum Exportweltmeister und finanzierte den Konsum der USA. Das ist nicht nachhaltig.

STANDARD: Wenn Unternehmen ihre Personalkosten nicht an die Auftragslage anpassen können, werden sie rasch über den Jordan gehen.

Onaran: Das mag der Fall sein. Aber dann könnten die Betriebe von den Arbeitnehmern übernommen und mit günstigen Krediten am Leben erhalten werden. In Argentinien gibt es dafür einige Beispiele, bei denen die Firmen bald wieder hohe Produktivität erzielten. Zudem brauchen wir für Vollbeschäftigung weitere alternative Maßnahmen, vor allem die Arbeitszeitverkürzung mit Lohnausgleich. Das ist konsistent mit dem technischen Fortschritt und notwendig für Umverteilung. Das ist auch notwendig wegen der ökologischen Grenzen des Wachstums. Wir brauchen mehr Jobs im Bereich Kindergarten, Altenpflege, Gesundheit und Ausbildung.

STANDARD: Wie sehen Sie den Stand der Entwicklung – zeichnen sich derartige Reformen ab?

Onaran: Ich sehe keine Signale, dass der Wandel erfolgt. Die Lobbys im Hintergrund verteidigen ihre engen Interessen und verhindern den Umstieg auf ein nachhaltiges Wirtschaftssystem. Das wird zu massivem Druck der Bevölkerung auf die Regierungen führen. Die Probleme werden nicht über Nacht verschwinden, "Make-up" ist zu ihrer Lösung nicht ausreichend. Die Rezession wird noch lange andauern. Millionen werden auf die Straße gehen. Soziale Unruhen sind die logische Folge. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29./30.8.2009)

Zur Person

Die türkische Staatsbürgerin Özlem Onaran (38) ist Dozentin am Institut für Arbeitsmarkttheorie und -politik an der Wirtschaftsuniversität Wien, 2010 wechselt sie an die Middlesex-Universität in London.

  • Özlem Onaran: "Ich sehe keine Signale, dass der Wandel erfolgt. Die Lobbys im
Hintergrund verteidigen ihre engen Interessen und verhindern den
Umstieg auf ein nachhaltiges Wirtschaftssystem."
    foto: standard/corn

    Özlem Onaran: "Ich sehe keine Signale, dass der Wandel erfolgt. Die Lobbys im Hintergrund verteidigen ihre engen Interessen und verhindern den Umstieg auf ein nachhaltiges Wirtschaftssystem."

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