Stalin erhebt sich aus Moskauer Untergrund

28. August 2009, 17:41
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In einer Moskauer U-Bahn-Station prangen nach der Renovierung wieder alte Lobgesänge auf Stalin

Russische Oppositionelle sehen darin einen Trend zur Rehabilitierung des Diktators.

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Unterirdische Paläste für das Volk sollten nach den Gründungsvätern der Moskauer Metro die Stationen des beliebten U-Bahn-Systems sein. Um diesen Palästen ihren ursprünglichen Glanz wiederzugeben, wurden daher in den vergangenen Jahren zahlreiche Stationen des 70 Jahre alten Metrosystems generalüberholt.

Auch in der frisch renovierten Eingangshalle der Station Kurskaja-Kolzewaja spiegelt der Marmorboden wieder, glänzt der vergoldete Stuck und leuchten die Sowjetsterne in kräftigem Rot von der Decke. Diesmal nahmen die Restauratoren ihren Auftrag jedoch allzu wörtlich. Auf dem Triumphbogen in der Halle prangt seit der Wiedereröffnung der Station die zweite Strophe der sowjetischen Hymne in ihrer ersten Fassung: "Stalin hat uns zur Treue zum Volk erzogen und uns zu Arbeit und Heldentaten ermuntert." Auf goldenen Reliefs ist weiters "Für das Volk, für Stalin" und "Für die Verteidigung Stalingrads" zu lesen.

"Unsere Aufgabe war es, die Station in ihrem ursprünglichen Stil wiederherzustellen. Diese Station ist ein architektonisches Denkmal", sagte diese Woche der Chef der Moskauer Metro, Dmitri Gajew, bei der Wiedereröffnung der für ein Jahr geschlossenen Station. Allerdings habe man bei der Restauration der 1949 errichteten Station auch Kompromisse eingehen müssen.

Im Rahmen der von Nikita Chruschtschow initiierten Entstalinisierung Ende der 1950er-Jahre wurde nämlich nicht nur besagte Aufschrift in der Eingangshalle, sondern auch eine Stalin-Büste aus der Station entfernt. Diese war im Laufe der Jahre verlorengegangen. Man habe zwar darüber nachgedacht, eine neue Statue aufzustellen, sich dann aber doch entschieden, an der Stelle, wo Stalin stand, eine Lichtnische zu bauen, sagte Gajew.

"Schleichender Stalinismus"

Russische Bürgerrechtler und Oppositionspolitiker laufen gegen das Auftauchen der stalinistischen Parolen Sturm. Sie sehen in der Wiederherstellung des Lobgesangs auf Stalin "ein dreistes Signal zur vollen Rehabilitierung Stalins". Sergej Mitrochin, der Vorsitzende der liberalen Oppositionspartei Jabloko, wertete die Aufschrift als "eine Erscheinungsform des schleichenden Stalinismus" . Er befürchtet, dass dadurch der "Wiedergeburt des Personenkultes um Stalin" Tür und Tor geöffnet werde.

"Wie hätten wohl jene Behörden, die die Wiederherstellung dieser Aufschrift beschlossen, darauf reagiert, wenn in Deutschland nach der Renovierung von Gebäuden aus der zweiten Hälfte der 1930er-Jahre Hakenkreuze oder der Name Hitlers auftauchen würden?" , fragte sich Oleg Orlow, Chef der Menschenrechtsorganisation Memorial.

Russland ist im Umgang mit Josef Stalin bis heute gespalten. In jüngster Zeit werden vor allem Stalins Verdienste im Kampf gegen die Nazis und in der Industrialisierung des Landes in den Vordergrund gestellt, während sein Terrorregime, das Millionen von Menschen das Leben kostete, verharmlost wird. Im vergangenen Jahr erschien sogar ein russisches Schulbuch, in dem Stalin als "effektiver Manager" dargestellt wird. Als die Parlamentarische Versammlung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, OSZE, im Juli eine Resolution verabschiedete, die die Verbrechen des Nazismus und des Stalinismus auf eine Stufe stellte, boykottierte die russische Delegation die Abstimmung. (Verena Diethelm aus Moskau/DER STANDARD, Printausgabe, 29.8.2009)

 

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    Neue alte Wegweisung für Moskauer U-Bahn-Fahrgäste: "Stalin hat uns zur Treue zum Volk erzogen und uns zu Arbeit und Heldentaten ermuntert", steht auf einem der wiederhergestellten Schriftzüge an der Decke der Station Kurskaja-Kolzewaja.

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