"Da habe ich noch immer Herzklopfen"

28. August 2009, 18:22
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Am Sonntag gehen die Salzburger Festspiele zu Ende - Konzertchef Hinterhäuser erntete für sein Programm wieder einhelliges Lob

Mit Andrea Schurian sprach er über die Linie, Herzklopfen und Gert Jonke.

Standard: Warum helfen Sie eigentlich dem Kuratorium, das Sie nicht gerade respektvoll behandelt hat, 2011 als Interims-Intendant aus der Patsche?

Hinterhäuser: Ich habe tatsächlich Einblicke in Abläufe und, nennen wir's euphemistisch, in charakterliche Eigenheiten einiger Protagonisten gewonnen, die ich mir gern erspart hätte. Aber davon kann ich trennen. Ich empfinde es als Privileg, etwas für die Salzburger Festspiele tun zu dürfen. Abgesehen davon ist ein Vertrag dazu da, das man ihn erfüllt. Ich sehe das ganz pragmatisch.

Standard: Die Salzburger Festspiele wurden teils heftig kritisiert. Nur das Konzertprogramm stand – wie auch schon in den letzten beiden Jahren – außer Streit. Was machen Sie richtig? Komponieren Sie Ihr Programm??

Hinterhäuser: Es reicht nicht, einfach eine numerische Anzahl von Konzerten zu veranstalten. In der Tat hat es im Idealfall viel mit einer Komposition zu tun. Wenn man dem Publikum das Gefühl gibt, es ernst zu nehmen, es in einer aufrichtigen Weise zu fordern, dann bekommt man viel zurück: Offenheit, Interesse, Enthusiasmus und, ja, auch sehr viel Dank.

Standard: Welches der 65, 70 Konzerte war heuer Ihr persönliches Highlight?

Hinterhäuser: Das kann ich so definitiv nicht sagen, es gab viele wunderbare Konzerte. Aber einen Moment habe ich als überirdisch empfunden: Rothko Chapel von Morton Feldman in der Kollegienkirche war eine Idealkonstellation von Raum und Musik, von Interpret und Publikum. Da ist eingetreten, was für mich das Allererstaunlichste ist: dass diese vielen Menschen ein einziges Lauschen werden. Diese 25 Minuten hatten wirklich eine hypnotische Qualität.

Standard: Sie haben heuer selbst ein Konzert bei den Festspielen gegeben. Eine besondere Herausforderung?

Hinterhäuser: Es ist psychisch besonders schwierig, weil ich mich damit ins Auge des Taifuns begebe. Aber es war ein spezielles Projekt, es ging um drei Kompositionen von Galina Ustwolskaja, und die kenne ich nun wirklich gut. Aber ich kann so einen Auftritt nur am Anfang der Festspiele machen. Gegen Ende würde mir die Kraft fehlen.

Standard: Gibt es eigentlich so etwas wie Konkurrenzneid zwischen dem Pianisten Markus Hinterhäuser und jenen Klavierkünstlern, die der Konzertchef Hinterhäuser zu den Festspielen einlädt?

Hinterhäuser: Nein, ich würde nie so verwegen sein und mich in Konkurrenz zu den Größen der Pianistik sehen. Ich bemühe mich, die Besten nach Salzburg zu holen. Und wenn ich dann jemanden wie Martha Argerich willkommen heiße, habe ich immer noch Herzklopfen. Argerich, Gulda, Richter kamen für mich, als ich noch studierte, gleich nach dem lieben Gott.

Standard: Bei wem haben Sie denn noch Herzklopfen, wenn Sie ihm oder ihr begegnen?

Hinterhäuser: Bei Leonard Cohen zum Beispiel. Als ich ihn voriges Jahr bei seinem Tourneeauftakt in Dublin backstage traf, war ich so aufgeregt wie ein Teenager, der dem Sänger von Tokio Hotel die Hand gibt. Dieser Mann mit dieser ozeantiefen Stimme ist von einer so außergewöhnlichen Eleganz und Distinguiertheit, ein absoluter Gigant. Und einmal in meinem Leben habe ich auch den von mir so bewunderten Luigi Nono gesehen: Ich ging in Venedig spazieren, und in einem Restaurant an den Zattere saß dieser schöne, von einer Aura umgebene Mann, ganz allein. Ich wollte ihn ansprechen, habe es mich aber doch nicht getraut.

Standard: In allen Konzertprogrammen gab es Fotos von Cy Twombly. Im Oktober geben Sie ein Konzert in der Ausstellung im Wiener Mumok. Was fasziniert Sie so an ihm?

Hinterhäuser: Mich rührt die Zartheit seiner Bilder an, die Brüchigkeit, die Verletzlichkeit und gleichzeitig die Sicherheit, sein Wissen, seine große Kraft. Und dann gibt es diese poetische Qualität bei Twombly, die wirklich ergreifend ist; diesen ganz besonderen Rhythmus zwischen Skulptur, Fotografie, Malerei und Zeichnung. Unvergleichlich seine Kunst der Linie, die so sicher ist und gleichzeitig das Gefühl einer großen Verletzlichkeit in sich trägt, fast etwas Kindliches hat. Und die dennoch niemand auf der Welt nachzeichnen könnte. Auch seine Schrift ist von einer so überwältigenden Schönheit. Und dieses Zurückholen von Schichten, die so weit zurückliegen und denen er eine solche Leuchtkraft verleiht, weil er sie in einen anderen Denkzusammenhang stellt.

Standard: Sind Sie manchmal von Kunst, von Musik, von Literatur zu Tränen gerührt?

Hinterhäuser: Natürlich. Man muss sich nicht genieren, dass man zutiefst ergriffen ist darüber, was Musik mitzuteilen imstande ist. Oder eben Malerei. Es ist ja nicht so, dass man vor einem Bild steht und weint. Aber es kann sein, dass man davor steht und jede Zelle des Körpers sagt: Danke für diesen Moment. Das passiert. Das passiert ín der Musik, in einem Film, im Theater und in der Literatur.

Standard: Ihr Vater war Literaturprofessor. Hat er Sie in Ihren Literaturvorlieben beeinflusst?

Hinterhäuser: Ich war, sicherlich geprägt durch ihn und durch mein Interesse am Lied, viele Jahre der romantischen Dichtung verfallen: Heine, Mörike, Eichendorff. Manche Autoren sind mir durch ihre Musikalität nahe, Gert Jonke zum Beispiel, den ich liebe und den ich sehr vermisse. Dieser wunderbare Mensch schuf in seinen besten Momenten eine ganz eigene, hochpoetische Welt voller Anmut und voller Freiheit, die keinem Zwang unterliegt und keinem Erfolgsdruck. Menschen wie er sind ein großes Geschenk in dieser zunehmend idiotischer werdenden Welt.

(DER STANDARD/Printausgabe, 28./29.08.2009)

Zur Person:
Der Pianist Markus Hinterhäuser wurde 1959 in La Spezia geboren. 1993 bis2001 leitete er das von ihm mitbegründete Avantgardefestival Zeitfluss, seit 2006 ist er Konzertchef der Salzburger Festspiele.

  • Konzertchef Markus Hinterhäuser beherrscht die Kunst, hörbare und
erlebbare Zusammenhänge zwischen klassischer und neuer Musik
herzustellen.
    foto: epa

    Konzertchef Markus Hinterhäuser beherrscht die Kunst, hörbare und erlebbare Zusammenhänge zwischen klassischer und neuer Musik herzustellen.

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