"Zeitzeugen erzielen die höchste Wirkung"

28. August 2009, 17:35
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Der ORF will die Geschichte Österreichs aus "österreichischer Sicht in seiner "Menschen & Mächte"-Serie "Der Zweite Weltkrieg" erzählen

"History sells", und vieler Jubiläen gilt es zu gedenken: Kriegsbeginn, „Anschluss", Feldzüge. Guido Knopp (ZDF) wurde mit seinen Dokumentationen bekannt: Hitler - Eine Bilanz, Hitlers Helfer, Hitlers Krieger, Holokaust sind nur einige davon. 

Knopps Methode gilt als "Histotainment": die Kombination von historischem Material mit Unterhaltung, etwa durch nachgestellte Szenen, sowie ein Defizit an politischen Zusammenhängen und Hintergründen. Kritik erntete er dafür genug. Dennoch scheint es ein einträgliches Geschäft zu sein, neben den Dokumentationen und DVDs gibt es Begleitbücher und Vortragsreisen. 

Einen anderen Weg schlägt der ORF ein: Am 1. September jährt sich der Beginn des Zweiten Weltkriegs zum siebzigsten Mal. "Der ORF hat sich", so Alexander Wrabetz "schon oft mit der Zeitgeschichte auseinandergesetzt." Daher erinnert er in der fünfteiligen Menschen & Mächte-Reihe an die Schrecken des Dritten Reichs. 

Zeitzeugen

"Die Angst, die man am Anfang hatte, hatte man dann nicht mehr" oder "Ich habe gelitten darunter. Es war furchtbar, in einer Armee zu stecken, deren Untergang man wünschte", sagen Zeitzeugen in der ersten Dokumentation Hitlers Blitzkriege. Die Männer haben in verschiedenen Positionen der Wehrmacht gedient - als Infanterist, Artillerist, Pilot, Maat, Navigator oder Fallschirmjäger. "Ich habe auf Kreta wieder richtig beten gelernt", erklärt ein ehemaliger Fallschirmjäger. 

Die Zeitzeugen haben überlebt, aber 70.000 Wehrmachtsoldaten sind im Krieg gefallen. Töten, um nicht getötet zu werden: "Ich hatte nie die Absicht, jemanden umzubringen - ich habe meinen Befehl ausgeführt und abgewehrt", entgegnen sie. "Das belastet mich immer noch", gibt ein anderer zu.

Hohe Wirkung

Zeitzeugen sind ein wichtiger Faktor im Film von Andreas Novak. Bewusst verzichtet er auf Animationen, sagt er dem STANDARD: "Die optische Reduktion hat eine stärkere Wirkung. Man kann es natürlich wie Knopp machen und Animationen verwenden. Es stellt sich aber die Frage, was eine bessere Wirkung erzielt, eine Animation oder das vorhandene Modell abzufilmen. Die Publikumswirkung ist nicht reziprok zu den Kosten. Die höchste Wirkung erzielen Zeitzeugen, diese stellen eine optimale elektronische Reproduktion von Gedächtnis dar."

Vermarktet der ORF seine neue Serie? Für die TV-Rechte interessieren sich einige Sender, hieß es bei der Präsentation. Für ein begleitendes Buch fehlen die Ressourcen. Novak hofft da auf finanziell bessere Zeiten für den ORF. Eine DVD ist natürlich geplant.

Die weiteren Teile, die donnerstags, 21.05 Uhr, in ORF 2 laufen, beschäftigen sich mit dem weiteren Verlauf des Krieges (3. 9.), den Motiven von Deserteuren (10. 9), NS-Verbrechern (17. 9.) und Gipfelstürmern und Wüstenfüchsen (24. 9.). (Kathrin Kerndl, DER STANDARD; Printausgabe, 29./30.8.2009)

  • Der Aggressor: Seine Blitzkriege sind Thema der ersten Dokumentation am 1. September, 20.15, ORF 2.
    foto: orf

    Der Aggressor: Seine Blitzkriege sind Thema der ersten Dokumentation am 1. September, 20.15, ORF 2.

  • Die 92-jährige Zeitzeugin Irma Trksak war von 1942 bis 1945 Häftling im KZ Ravensbrück. Sie besuchte das Lager noch einmal.
    foto: orf

    Die 92-jährige Zeitzeugin Irma Trksak war von 1942 bis 1945 Häftling im KZ Ravensbrück. Sie besuchte das Lager noch einmal.

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