Die Frau, die niemals schläft

28. August 2009, 18:32
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Haruki Murakami, "Schlaf" - Aus dem Japanischen von Nora Bierich, mit Illustrationen von Kat Menschik

Es kommt in der Literatur öfter vor, dass Leute einschlafen und nach dem Aufwachen ihr blaues Wunder erleben. In den Büchern Haruki Murakamis, durch die sich die Themen Schlaf und Traum samt ihrer Parallelwelten wie ein roter Faden ziehen, kommt es oft gar nicht so weit, denn die Figuren des japanischen Autors schlafen meist schlecht oder überhaupt nicht ein. Das Spiel mit Grenz- und Zwischenwelten, die Auseinandersetzung mit den Möglichkeitsräumen, die jedes Leben birgt, die Schilderung existenzieller Abgründe sowie die literarischen Referenzrahmen von Kafka bis Tolstoi, die er in seinen Werken aufspannt, haben dem 60-Jährigen den Ruf eingetragen, so etwas wie der Tarantino der Literatur zu sein. Vor allem aber ist Murakami ein hervorragender Schreiber von Erzählungen. Schlaf heißt eine, die vor zwei Jahren schon einmal in einem Sammelband publiziert wurde und nun als wunderbares Bändchen als Einzelpublikation vorliegt. Siebzehn Tage hat die namenlose Ich-Erzählerin nicht mehr geschlafen.

Das wohlgeordnete Leben der attraktiven 30-jährigen Hausfrau an der Seite eines aufstrebenden Zahnarztes droht, von ihrem Mann und dem kleinen Sohn völlig unbemerkt, aus der Bahn zu geraten. Schon als Studentin hatte sie einen Monat nicht schlafen können, sie fühlte sich damals müde und wie durch eine Glasscheibe von den Dingen des Lebens getrennt. Doch nun liegt der Fall anders, die Erzählerin ist nicht müde, sie sieht schärfer, fühlt intensiver. Auch durch die Literatur, denn das Lesen, dem die studierte Anglistin lange entsagt hatte, nimmt sie in den schlaflosen Nachtstunden wieder auf - vor allem Anna Karenina. Und wie für die unglückliche Anna stellt sich auch für Murakamis Protagonistin die Frage, ob es besser ist, einen Traum zu leben oder ein Leben zu träumen. Wobei wie in Tolstois Roman auch in Schlaf ein unerbittliches Schicksal, etwas Unheimliches, im Hintergrund die Fäden Richtung Abgrund zieht. Nora Bierich hat die Erzählung in ein elegantes Deutsch gebracht, und Kat Menschiks in Grau-Silber gehaltene Illustrationen dieses Aufbruchs ins Nirgendwo sind schlicht ein Glücksfall. (Stefan Gmünder, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 28./29.08.2009)

Haruki Murakami, "Schlaf" . Aus dem Japanischen von Nora Bierich. Mit Illustrationen von Kat Menschik. € 15,40/80 Seiten. DuMont, Köln 2009

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    foto: der standard
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